Sogar Männer sind Frauen
Von Claudia Aigner
In der Kunst und in der Liebe ist alles erlaubt. Natürlich
auch Verstöße gegen die Naturgesetze. Drum dürfen Frauen auch leichter als
Luft sein (in dem Sinne, wie das Fliegen leichter als Luft ist). Und
können problemlos inmitten einer Horde Luftballons im Äther hängen. Und
wen wundert's da noch, wenn Mann und Frau an den Ohren wie siamesische
Zwillinge "verleimt" sind, wobei ein Schmetterling als "Verbindungsbolzen"
fungiert (was man nun als kitschig süßen Geschlechtsverkehr interpretieren
kann, für den die Unschuldsvermutung zu gelten hat, oder einfach als "die
Liebe"). Anna Stangl (bis 24. März in der Galerie Gerersdorfer,
Währinger Straße 12) hat in ihrer Kunst nach Belieben den Finger am
Ein-/Aus-Schalter für die Schwerkraft, und in ihrer feminin-erotischen
Bilderwelt herrscht ein warmes Klima ohne Kleider. Arbeiten, die im Format
so intim sind wie in der Thematik. Sinnliche Blätter voller naiver
Schönheit und Harmonie. Bei so viel zeitlos jungen Frauen in graziösen,
oft manierierten Körperhaltungen möchte man von einem "lieblichen
Matriarchat" sprechen. Sogar die Männer sind hier irgendwie Frauen, quasi
Frauen mit einem Y-Chromosom (ausgesprochen androgyn). Und müssten
einem die vielen, im Grunde genommen kindischen Schmetterlinge als Symbole
der Liebe nicht eigentlich peinlich sein? In dieser Umgebung
seltsamerweise nicht. "Eingesponnen": eine Apotheose des weiblichen
Körpers. Eine nackte Frau in einer Mandorla aus Mohnöl, von vielen nackten
Männern umschwebt. Es ist ein Auflauf wie beim Wettkampf der Spermien um
die Eizelle. Freilich eine g'schamige Eizelle, ist die Dame doch, wie so
oft bei Anna Stangl, eine keusche, züchtige Nackte, die ihre erogenen
Zonen mit ihren Gliedmaßen bedeckt (und ja nichts dafür kann, dass ihre
Extremitäten durchsichtig sind). Wunderbar: wie Stangl immer wieder die
Möglichkeiten der Linie auskostet. In diesen technisch gehaltvollen
Arbeiten werden verschiedene Strichqualitäten, Mohnöl und Farbflächen
kombiniert zu einem delikaten Zusammenspiel der Mittel.
Erschienen am: 08.03.2001 |
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