30.10.2002 18:58
Positives Parasitentum
Eine
"Schmarotzer"-Ausstellung an der Wiener Akademie
Die Studenten sind die "Schmarotzer", die Wiener Akademie der
bildenden Künste (Atelierhaus) ist ihr Wirtskörper. Oder so ähnlich. Die
Jahresausstellung bestreitet Zdenka Badinovac' "Parasitäre Klasse".
Wien - Sie mampfen Dinge von anderen auf, nisten sich ein, zehren von
anderen Errungenschaften, die ungebetenen Gäste, die Schmarotzer. Zuweilen
werden (Kunst-)Studenten von "Berufenen" mit "Sozialschmarotzern" gleichgesetzt.
Das spielt zumindest eine konzeptuelle Rolle in der Jahresausstellung
Schmarotzer im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste.
Aber: "Schmarotzertum hat die Macht, etwas zu verändern", sagt Zdenka
Badovinac. Die Leiterin der Moderna Galerija Ljubljana fühlt sich als
Gastkuratorin auch immer wie eine Schmarotzerin und hat in Wien für kurze Zeit
eine "Parasitäre Klasse" eingerichtet. Badovinac "vermisst an der Akademie eine
politische Erziehung". In Workshops und Exkursionen wurde die gängige
Präsentation einer Jahresausstellung hinterfragt, um schlussendlich mit der
klassischen Präsentation von Studentenarbeiten zu enden.
Den optischen
Rahmen bildet die hübsche wie funktionelle Architektur
(Brandstetter/Leimer/Wieger), ein stufiger, zellenartiger Bau, der in seinem
Bauch Installationen und Videos birgt - etwa die urkomische
Freiheitsstatue-Performance von Pirmin Blum oder den (analog) animierten
Kurzfilm von Gunda Gruber, in dem ein Mensch quasi fremdbestimmt durch die
Systeme gespült wird.
Nora Stalzer hat die Architekturstruktur wieder
abstrakt in schwarz-graue Bilder umgelegt, Metka Golec könnte mit ihren bösen
Bildkommentaren zur Informationsgesellschaft gleich bei einer Werbeagentur oder
ähnlichem beginnen, Manuel Gorkiewicz mit seinen superkünstlichen
Hyper-Burger-Fotos ebenfalls. Witzig auch die direkte Umsetzung von öffentlicher
Repräsentation und privatem Sich-gehen-Lassen in den zweiteiligen Fotos von
Laura Samaraweerova.
Neben eher klassischeren Formen wie Malerei und
Videos bestimmen prozessorientierte Arbeiten das Terrain, der junge Mensch will
ja schließlich modern sein. Parasitäre Zellen bildeten sich bei einer Exkursion
nach Bulgarien, wo der abgestandene Keller im Großmutterhaus eines Studierenden
in diesem Rahmen absurd zum White Cube mutiert. Die Klassen Fahrt kommt
für Außenstehende etwas bemüht rüber, Niveau Oberstufe, obwohl in der
Dokumentation alternative Zellen aufgelistet werden, etwa die autonome Republik
Kugelmugel im Wiener Prater.
Andernorts wurden Hunde, ihr Vorkommen und
Verhalten analysiert - nicht wirklich optisch gelungen - oder, bei
Culturareisen/V12, die Beweggründe und Herkunftsgeschichten von nach Wien
gezogenen Menschen. Wenn Kunst heute wirklich die Aufgaben einer Arrièregarde
erfüllt, wie der Kulturhistoriker Beat Wyss behauptet, dann hat die Parasitäre
Klasse mit gutem Erfolg bestanden. (DER STANDARD, Printausgabe,
31.10./1.11.2002)