24.03.2003 00:16
Ein strahlendes Wahrzeichen für die Kunst
Nach dem keltischen Wort für "Flusskrümmung" wurde das neue Linzer Museum
moderner Kunst benannt: Lentos
Das am Donauufer gelegene Haus ist beinahe fertig
gestellt. Es rückt die Innenstadt näher an den Fluss, "verbindet" auf grandiose
Weise Hauptplatz und Brucknerhaus.
Linz - Wenn mit 18. Mai das "Lentos - Kunstmuseum Linz" eröffnet, wird
kein Vertreter des Bundes ein "Gesichtsbad" nehmen. Wozu auch? Kein Cent des
Bundes steckt im Neubau. "Die sollen uns gern haben", gibt sich der Linzer
SP-Bürgermeister Franz Dobusch anlässlich der Präsentation des (fast) fertigen
Museums am Donauufer empört.
All seine diesbezüglichen Reisen nach Wien
"waren das Benzin nicht wert", die Antwort monoton gleich lautend: "Kein Geld!"
"Die Wien-Lastigkeit der Bundesmuseen ist unerträglich", ergänzt (ÖVP-)
Vizebürgermeister und Kulturstadtrat Reinhard Dyk, bevor Lentos-Direktor Peter
Baum "die Art und Weise, wie der Bund sich abputzt", als schlicht "unerträglich"
charakterisiert. Also wird "nur" der Bundespräsident eröffnen.
Finanziert
und in den letzten 29 Monaten errichtet wurde das Museum trotzdem. 33 Millionen
Euro hat der 8000-Quadratmeter-Bau (davon 2700 Quadratmeter reine
Ausstellungsfläche) gekostet. Rund 7,3 Millionen Euro steuerte das Land bei,
knapp drei Millionen konnten über Sponsoren aufgebracht werden. Der Rest
entfällt auf die Stadt Linz, wobei der Verkauf der ehemaligen Museumsräume der
Neuen Galerie der Stadt Linz im Geschäftszentrum Lentia rund 2,5 Millionen Euro
erbrachte, der Hauptteil der Summe über ein Finanzierungsmodell auf 20 Jahre
aufgebracht wird. Zum Vergleich: Das Grazer Kunsthaus, das mit 43,6 Millionen
Euro budgetiert ist, wovon der Bund ein Drittel beisteuert, kommt bei einer
Bruttogeschoßfläche von 9000 Quadratmetern auf 2100 Quadratmeter
Ausstellungsfläche.
Der 130 Meter lange Baukörper des Schweizer
Architekten Jürg Weber rückt das Linzer Stadtzentrum unmittelbar an den Fluss.
Eine 60 Meter lange offene Skulpturenhalle ist dem Bau eingeschnitten und rahmt
ihrerseits den gegenüberliegenden Stadtteil Urfahr mitsamt dem Linzer
Wahrzeichen Pöstlingberg.
Variable Erscheinung
Je
nach Distanz, Blickwinkel und Lichteinwirkung zeigt sich das Lentos außen
reflektierend oder durchscheinend. Der ganze Bau ist mit einer semitransparenten
Glashülle überzogen, unzählige Male wiederholt sich - in Chrom aufgedampft - der
Schriftzug "Kunstmuseum Lentos". In der Schrift spiegelt sich die Umgebung
wider, die Freistellen lassen die anthrazitgraue Fassade durchscheinen. Nachts
kann das Haus durch Leuchten hinter der äußeren Glasfassade in verschiedenen
Farben und Intensitäten zum Strahlen gebracht werden.
Im Inneren des
Hauses wird der "Panoramablick" der Halle mit einem 40 Meter langen Fensterband
erneut aufgenommen. Im Erdgeschoß finden sich Foyer, Shop, Gastronomie,
Büroräume und eine großzügige Veranstaltungshalle. Unter der Erde sind die
Lager, die Restaurationswerkstätten, die Bibliothek und weiters noch zwei
Ausstellungsräume für lichtempfindliche Grafik und Fotografie
untergebracht.
Das Obergeschoß ist Ausstellungstrakt und über die gesamte
Länge durch eine durchgehende Glasdecke belichtet - so kann weit gehend auf
Kunstlicht verzichtet werden. (Orientierungs-)Blicke ins Freie gestatten nur
Schlitze im Bereich des Haupttreppenhauses. Zur Eröffnung zeigt sich die Etage
zweigeteilt: Ein Trakt bleibt als 40 mal 21 Meter große Ausstellungshalle
unverbaut, im zweiten bestimmen frei stehende Wände einen Rundgang durch elf
Kammern.
Zur Eröffnung wird Direktor Peter Baum die ständige Sammlung
des Lentos mit Schwerpunkten bei Jahrhundertwende und Expressionismus (Klimt und
Kokoschka), österreichischer Malerei zwischen 1918 und 1938 (Egger-Lienz), Kunst
nach '45, Informel, Abstraktem Expressionismus, geometrischer Abstraktion und
Pop-Art, Neuer Malerei der 80er bis hin zu pluralistischen Tendenzen der
Gegenwart präsentieren.
Aus den 1320 Exponaten an Malerei, Skulptur und
Objektkunst wählt Baum einen Überblick mit u. a. Karel Appel, Stephan Balkenhol,
Herbert Bayer, Christo, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Maria Lassnig, Markus
Lüpertz, Emil Schuhmacher und Andy Warhol. Ergänzt wird der Auftakt durch einen
Querschnitt der Fotosammlung mit Arbeiten von Herbert Bayer über Mario
Giacomelli, Inge Morath, Shirin Neshat bis Edward Streichen und Jan
Saudek.
Im September wird Peter Baum exemplarische Zeichnungen und
Lithografien aus der Kubin-Sammlung seines Hauses vorstellen. Und mit der
Gruppenschau Paris 1945 bis 1965 rund um die "Ecole de Paris" im Haus eine
Abschiedsvorstellung geben. Anfang 2004 wird er, nach gut 30 Jahren als
Direktor, das Lentos in Richtung Pension verlassen. Sein Nachfolger - die
Ausschreibung sollte im Sommer stattfinden - wird eines der klarsten, logistisch
bestens angelegten und auch schönsten Häuser nicht nur Österreichs übernehmen.
(Markus Mittringer/DER STANDARD; Printausgabe, 22.03.2003)