08.05.2003 19:06
Studienschau zu "Selbstreflexivem"
Dreiteiliges Projekt der "Angewandten" zu Marcel Duchamp ab 9. Mai im
Heiligenkreuzerhof in Wien
Wien - Marcel Duchamp (1887-1968), Erfinder des
"Ready-made" und gerne als ein Vater der zeitgenössischen Kunst bezeichnet, ist
in Wien bisher noch nie in einer großen Schau vorgestellt worden. Eine
Möglichkeit, sich seinem komplexen Werk und Denken anzunähern, bietet nun ein
dreiteiliges Projekt der Universität für Angewandte Kunst, bestehend aus einer
Ausstellung seines druckgrafischen Oeuvres ab 9.5. im Heiligenkreuzerhof, sowie
dem begleitenden Katalog und einem Symposium am 10.Mai.
"Höchst
selbstreflexives" Werk
Als "Studienschau", eingebettet in die
wissenschaftliche Katalogarbeit und das Symposium, sieht Kurator Martin Zeiller
die auf der Wiener Sammlung Hummel basierende Ausstellung, die Werke aus fast
allen Schaffensphasen umfasst: "Duchamp erschließt sich nicht so leicht. Man
muss sich auf ihn einlassen." Gerade an Hand von Duchamps Druckgrafik werde
sichtbar, dass sich das "Ready-made"-Prinzip, also das zur Kunst Erklären
vorgefundener Objekte, durch sein "höchst selbstreflexives" Werk insgesamt
ziehe.
In den 20er Jahren fing Duchamp, der seine Künstlerlaufbahn
ursprünglich als Maler begonnen hatte, damit an, sich selbst zu zitieren. Aber
ohne sich zu wiederholen, so Zeiller. "Er macht sein Werk zum Gegenstand seines
Werks, er verschiebt immer wieder die Perspektive darauf." So hat er etwa von
seinem kubistischen Bild "Akt, eine Treppe hinabsteigend", mit dem er 1913 in
der New Yorker Armory Show schlagartig in den USA bekannt wurde, 50 Jahre später
für ein Ausstellungsplakat eine Reproduktion so ausgeschnipselt und mit Schatten
versehen, dass das Motiv nun wie eine Skulptur
wirkt.
Erotisierungen
Eine Ausstellungs-Einladung aus dem
Jahr 1965 zeigt eine Postkarte der Mona Lisa mit der Unterschrift "rasee"
(rasiert) und der lautmalerischen Abkürzung "L.H.O.O.Q." (auf Deutsch: "Ihr ist
heiß am Arsch" bzw. "Sie ist ganz heiß"): Ein Zitat von Duchamps berühmter Mona
Lisa-Persiflage mit Schnauzer von 1919, die ihrerseits ja bereits Leonardo
zitierte. Erotisierungen berühmter Werke aus der Kunstgeschichte finden sich
auch in einem Zyklus von Radierungen, wo "Rrose Selavy", wie Duchamp sich
zeitweise nannte - ein Sprachspiel aus "eros c'est la vie", also "Das Leben ist
Eros" - etwa das Feigenblatt von Cranachs "Adam und Eva" durch einen Rosenbusch
ersetzte und bei Rodins "Kuss" die Hand des Liebenden sich zwischen die Schenkel
seiner Gefährtin verirren ließ.
Zu seinem rätselhaften Bild "Das große
Glas" (1915-1923) lieferte Duchamp seinen Kommentar gleich mit: gesammelt in der
"Grünen Schachtel". Indem er so, auf Buchumschlägen, in Katalogen oder Boxen, zu
seinem eigenen Aussteller und Vermittler wurde, thematisierte er die Rezeption
seiner Werke gleichsam als reales "Musee imaginaire". Von seinen ursprünglichen
24 "Ready-mades" ist übrigens keines mehr im Original erhalten. Duchamp baute
sie immer wieder nach, allerdings nie exakt gleich. Diesem Prinzip genügt auch
ein Flaschentrockner, der in der Schau, nicht aber im Katalog zu sehen ist:
Herkunft: Pariser Flohmarkt, 2002. (APA)