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Ausstellungen 
   
   
  75  Wien: Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit  Maren Lübbke  
   
   
»Das einzige Problem, das es hier gibt, ist Eure erbärmliche Feigheit«, schleudert Clint Eastwood im Western »Fremder ohne Namen« einer opportunistischen Dorfgemeinde entgegen, und zwingt sie, ihre Häuserfronten signalrot anzumalen. Grund für die Nötigung: eine Bande von Strauchdieben hatte ungehindert seinen Bruder töten können. Die Gemein-de befürchtet nun eine abermalige Heimsuchung durch die Mörderbande und bittet Eastwood um Schutz. Den gewährt ihnen der Held, jedoch nicht, ohne zuvor seine Verachtung zum Ausdruck zu bringen.
Vergleichbares bot der Schweizer Künstler Marcus Geiger, indem er im März der Secession einen schäbigen roten Außenanstrich verpassen ließ. Mit dieser Tat verwies Geiger auf sein ambivalentes Verhältnis zum Kunstbetrieb, der – wie jeder andere Gesellschaftsbereich – durch die Politik der Institutionen und die Gesetze des Marktes bestimmt ist. In dem Wissen darum, daß es gleichsam unmöglich ist, außerhalb des Kunstsystems Kunst zu machen, hat Geiger zwar die Einladung der Secession angenommen, arbeitet jedoch mit den Mitteln der Kritik. Einerseits läßt sich die Aktion Geigers durchaus als ein Verweis auf die herausragende Geschichte und Bedeutung des Hauses verstehen. Andererseits hat Geiger bereits 1992 mit der Secession »Unfug« getrieben und die nachlässig ausgeführte rote Fassadengestaltung legt die Vermutung nahe, daß Geiger den emblematischen Charakter, den das Haus in Zusammenhang mit der secessionistischen Bewegung sowohl in der Außenwahrnehmung als auch nach innen ohne Zweifel einnimmt, in seinen Grundfesten erschüttern will. Denn auch die Geschichte dieses Hauses verlief keineswegs immer glatt.
Damit sind wir bereits beim Thema der von Robert Fleck kuratierten Ausstellung »Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit«, der Folgeausstellung nach Geiger und wohl offizieller Höhepunkt im Jubiläumsjahr. Fleck geht in der Konzeption der Ausstellung – wie er im Vorwort zum Katalog schreibt – von einem jüngeren Zweig der Geschichtswissenschaft aus, der Institutionsgeschichte. In der Schau selbst hat er sich darauf konzentriert, Werke aus den Ausstellungen der Secession seit 1898 erneut zusammenzustellen. Als Kontrapunkt brachte er Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen in die Ausstellung ein. Die Montage verschiedenster Zeitebenen funktioniert nicht zuletzt durch die Ausstellungsarchitektur bzw. visuelle Konzeption, die Heimo Zobernig gemeinschaftlich mit Tanja Kogler-Rainer und Franz West realisierte, erreicht ihren Höhepunkt jedoch in der Konfrontation des berühmten Beethovenfrieses von Gustav Klimt mit einer Arbeit des amerikanischen Künstlers Jason Rhoades. Rhoades stellte in die Flucht des Raumes eine Reihe von funktionstüchtigen Spielautomaten und lieferte damit eine harsche Antwort auf Klimts Befragung dessen, was Freud Sublimierung genannt hat.
Die Fülle des von Fleck zusammengetragenen Materials ist beeindruckend und zeigt in der Tat »Leitmotive der Kunst des 20. Jahrhunderts« (Pressetext). Gleichermaßen zeigt die Ausstellung auch, daß »die Secession – basierend auf der demokratisch geführten Künstlervereinigung – bis heute ihre eigenständige und unabhängige Position bewahren konnte« (ebenfalls Pressetext). Dies gelingt allerdings nur, indem Fleck verschiedene historische Bereiche in der Ausstellung kategorisch ausblendet, wie zum Beispiel die Zeit zwischen 1934 bis 1945. Zwischen 1934 und 1938 stand etwa die Hälfte des Vorstandes der verbotenen NSDAP nahe, nach dem »Anschluß« gab die Künstlervereinigung ihr Bekenntnis zur Moderne auf, indem sie freiwillig das Wort »Secession« aus ihrem Titel strich. Ausgerechnet vor der Secession kam es anläßlich der Ausstellung »Deutsche Baukunst – Deutsche Plastik am Reichssportfeld in Berlin« zur ersten öffentlichen Anbringung einer Hakenkreuzfahne in Österreich. Kurz darauf erfolgte die Rückkehr der Secessionisten ins konservative Künstlerhaus, aus dem sie 1898 demonstrativ ausgezogen waren. Hätte sich Fleck in der Schau selbst um einen differenzierteren Blick auf die Geschichte des Hauses bemüht, um auch die dunklen Flekken auszuleuchten, die zurückzuführen sind auf hauspolitische Fehlentscheidungen und Ignoranz beziehungsweise auf eine zeitweise reaktionäre Personalpolitik, wäre er möglicherweise in allzu didaktisches Fahrwasser geraten. So er-hebt Fleck mit seiner Ausstellung die Secession ein weiteres Mal zum »Kunsttempel«, der mit mehr als 200 Werken von 130 KünstlerInnen hervorragend dazu geeignet ist, den (touristischen) Jubelapparat zu bedienen – für die Stadt Wien also ein kulturpolitisch lohnendes Projekt.
Diese Schwierigkeiten versucht Fleck im Katalog auszugleichen. Zwar liegt auch in dieser umfangreichen Dokumentation der Fokus auf der Geschichte der Ausstellungen, durch entsprechende, manchmal leider zu kurz geratene Kommentare und durch die begleitenden Textbeiträge wird jedoch auch – wenngleich mit wenig kritischem Impetus – Aufschluß über die Geschichte der Secession als Institution gegeben, in der zeitweise politisch fragwürdige Leute am Ruder waren, was sich keineswegs auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt. (3. April bis 21. Juni)
 
     

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