MAK Ausstellungshalle präsentiert Kurt Kocherscheidt
Die starke Malerpranke aus Kolchis
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Er gehörte zu der Gruppe der "wilden Krokodile" (Alfred
Schmeller) der Sechziger- und Siebzigerjahre, die Otto Breicha mit dem
Namen "Wirklichkeiten" bedachte. Diese fünf Maler um die "Dame" Martha
Jungwirth nahmen eigentlich die Malerei der Achtzigerjahre schon vorweg,
orientiert an Pop-Art, an den Wilden in Deutschland und an der Art-brut.
Kurt Kocherscheidt (1943 bis 1992) nannte sich damals zusätzlich "Kappa";
er hatte bei Sergius Pauser studiert, sich aber zwischendurch an die
Akademie von Zagreb abgesetzt. Durch die damals übliche
Wehrdienstverweigerung kam er auch zu Studien bei Wotruba, Kortan, Welz
und Melcher, was sich später durch sein Beiträge zur Objektkunst doch noch
bemerkbar machen sollte. Die Reisen nach Südamerika, später
Kalifornien und Mexiko haben seine Arbeit stark geprägt wie auch seine ab
1978 lebensbedrohliche Herzerkrankung, die zu seinem frühen Tod führte.
Kocherscheidt war mit der Fotografien Elfie Semotan verheiratet, die heute
mit ihren Söhnen seinen Nachlass verwaltet. 1991 wurde er von Jan Hoet für
die Documenta IX nach Kassel eingeladen - neben der Ausstellung des
Museums des 20. Jahrhunderts, die nach Karlsruhe und Einhoven wanderte,
und seiner Personale 1992 in der Secession sicher Höhepunkt seiner
Karriere. Ein Trendsetter war er schon damals nicht; seine Bemühungen um
klassische Probleme der Malerei wie Form und Sinnlichkeit der Oberfläche
beschrieb er kurz vor seinem Tod als eine "Art ekstatische Konzentration,
die so lange da ist, bis das Bild sich sozusagen selbstständig macht".
Die Bilderreihen, die sich im Laufe der letzten intensiven Jahre
selbstständig machten, sind nun in der Ausstellung "Das fortlaufende Bild"
bis 5. Oktober im MAK zu sehen. Zeichnungen, Gouachen und ein paar der
bekannten Holzplastiken wie "The boys from Kolchis" ergänzen diesen
dunklen, eindrucksvollen "Ring", der einer monumentalen Erzählung,
geschrieben mit ungeheuer kraftvollen Pinselhieben, tatsächlich ähnlich
erscheint. Die Großzügigkeit seiner Kompositionen, ihre sichere
Disposition und die unvergleichbare Gestik in dunkler Farbigkeit und
erdigen Ockertönen sind bis heute von gleich starker Wirkung: seine Kunst
altert nicht. Die schwebenden, schwer identifizierbaren Gegenstände, die
nur an die Natur erinnern, sie aber nie abbilden, haben sogar Bezüge zu
Bildzeichen des fernen Ostens und die großen Plastiken wirken wie
monumentale Schilde für antike Stücke. Zwischen der "Skylla der
Traditionen und der Charybdis gegenwärtiger Praktiken" siedelte ihn 1992
Kristian Sotriffer an. Im großen Katalog von Walther König (Köln) zur
Schau des MAK schreiben nun Rudi Fuchs, Christian Reder und Johannes
Meinhardt neben Peter Noever.
Erschienen am: 24.09.2003 |
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