Spätantike Textilien aus Ägypten tragen oft die
Bezeichnung koptisch. Obwohl es – aus dem Arabischen übertragen – nicht
mehr oder weniger als ägyptisch bedeutet, verbindet man mit dem Begriff
üblicherweise die Kunst der frühchristlichen Gemeinden dieses Landes.
Eine Ausstellung in der MAK-Textilsammlung räumt nun bis Juni mit
dieser und anderen Ungereimtheiten auf. Die meist im 19. Jahrhundert bei
Raubgrabungen aus dem Zusammenhang der Totenstädte oder Friedhöfe
gerissenen, nicht selten zerschnittenen Gewebe weisen eine enorme Vielfalt
an figürlichen oder abstrakten Schmuckborten auf. Meist wurde mit
Wollfaden in Leinen gearbeitet, gewebt, gestickt oder mit "fliegender
Nadel" überarbeitet.
114 Beispiele von Totenkleidern, aber auch Decken, Kissen und Tücher
lassen den künstlerischen und inhaltlichen Formenwandel erkennen.
Heidnische Motive
Trotz der Christianisierung unter Kaiser Konstantin (311 n. Chr.)
blieben die heidnischen Motive der Antike noch lange erhalten. Verboten
wurden sie erst unter Theodosius I. (392 n. Chr.). Im Jahr 451 kommt es
dann zur Abspaltung der ägyptischen Kirche von Byzanz, die islamische
Eroberung folgt 640-42 n. Chr.
Doch nicht nur die Geschichte, auch der Wandel der Kunstmotive vom
Figürlich-Realistischen bis ins abstrakte Ornament war schon die
Leidenschaft des großen österreichischen Kunsthistorikers Alois Riegl, der
1885 erstmals über diese Kunstwerke schrieb. Ihrem berühmten Vorgänger hat
Kuratorin Angela Völker die Schau "Verletzliche Beute. Spätantike und
frühislamische Textilien aus Ägypten" zum 100. Todestag gewidmet.
1883 hatten der Orientalist Josef von Karabaceck und der Kunsthändler
Theodor Graf nach einer Ausstellung für den Grundstock der umfangreichen
Sammlung des Museums gesorgt.
Es sind auch Kinder-Totenhemden darunter, auch Kapuzen und Haarnetze.
Gefärbt wurde mit Krappwurzel oder dem Rot bestimmter Schildläuse, ganz
selten auch mit dem teuren Purpurrot der Schnecken von den
Mittelmeerstränden Syriens. Die ehemals leuchtenden Farben sind heute
rotbraun und können nur bei wenig Licht gezeigt werden.
Mit Beginn des Christentums wurden die Toten nicht mehr einbalsamiert,
sondern in ihren Sonntagskleidern im Wüstensand vergraben.
Die interessanten Motive zeigen Dionysos, bukolische Szenen mit Satyr
und Eros, aber auch Gladiatoren, Jagden oder Raubkatzen. Die Tiere setzen
sich auch in christlicher Zeit fort, dazu gesellen sich Adam und Eva oder
Maria mit dem Jesusknaben sowie einige Heilige und Märtyrer.
In frühislamischen Motiven kommt der endgültige Wechsel hin zu
Blattranken, Herzblattformen oder geometrischen Mustern. Wobei die
Kostbarkeit durch den einfachen Stil nicht abnimmt. Das war eine der
wesentlichen Erkenntnisse des Kunsthistorikers Riegl vor 120 Jahren.
Wieder einmal zeigt sich, dass textile Techniken, denen man heute viel
zu wenig Stellenwert beimisst, für die Wissenschaft ebenso erhellend sind
wie erfreulich anzusehen.
Wer Was Wo Wie
Verletzliche Beute
Angela Völker (Kuratorin)
MAK Sammlung
Textil
Bis 5. Juni. Di.: 10 – 24 Uhr,
Mi.–So. 10 –18 Uhr
Textile Kostbarkeiten als Beweise des Stilwandels.
Dienstag, 27. Dezember
2005