Quer durch Galerien
Der beste Freund des Mannes
Von Claudia Aigner
Ecce hetero, . . . äh falsch: Ecce homo. (Zu Deutsch: Sehet,
welch ein . . . - Mensch natürlich.) Also noch einmal von vorn: Ecce homo,
ecce Matthias Herrmann! Sehet, welch ein Mensch, sehet, welch ein Matthias
Herrmann! Letzterer (bis 31. Oktober in der Galerie Steinek,
Himmelpfortgasse 22) ist noch dazu ein ausgesprochener Homo erectus im
aufgerichtetsten, um nicht zu sagen: erigiertesten Sinne des Wortes. Soll
heißen: Er hebt gern seinen dritten Zeigefinger bzw. sein drittes Bein.
Und er bringt in seinen herzhaft verspielten fotografischen
Selbstinszenierungen den besten Freund des Mannes (ich meine den dritten
Zeigefinger bzw. das dritte Bein) in die aberwitzigsten, unalltäglichsten
und akrobatischsten Situationen. Herrmann: "Ich bin ein Artist, find' ich.
Ich bin kein Künstler, ich bin ein Artist." Es versteht sich fast von
selbst, dass er eine spritzige Persönlichkeit ist. Das hat er mit den
Satyrn und den Feuerwehrmännern gemeinsam, die sich ja auch, womit auch
immer, in der Gegend verströmen. Herrmann, der seine Frohbotschaft in alle
Winde versprengt und seine nähere Umgebung in seiner Zeugungskraft
geradezu ertränkt, könnte also mit seinen natürlichen Ressourcen züchtigen
Damen jederzeit Feuerschutz geben, damit jeder etwaige Unhold von
vornherein in Deckung geht. (Gut, das ist ein bisschen übertrieben.)
Eigentlich schon genialisch "illustriert" er mit vollem Körpereinsatz
Zitate von Prominenten. Versetzt sich etwa in Boris Becker hinein ("I am a
giant") und bekleidet seine Interpretation vom Bummbumm-Boris, nämlich
sein körpereigenes Bummbumm-Organ, fast bankräuberisch mit einer Socke.
Nicht gerade die angemessene Kleidung, das wäre ja "das kleine
Transparente". Ed Harris, der Jackson Pollock mimte, jenen Actionpainter,
der seine Bilder regelrecht ejakulierte: "Ich pflegte zu zeichnen, aber
ich habe nie wirklich gemalt." An einer sehr kindlichen Zeichnung macht
sich da, in zeichnerischer Absicht, das tropfende "Arbeitsgerät der
Samenspender" zu schaffen. Also ich find's lustig, nicht geschmacklos.
Zwischendurch ist der unbeschwerte Spaß getrübt. Denn Eros und
Thanatos sind beim Herrmann derzeit im Clinch. "Wer möchte schon ewig
leben" (Ivy Compton-Burnett). Herrmann zieht sich kurzerhand einen
Plastiksack über den Kopf, und kurz bevor ihm die Luft ausgeht, kommt das
Vogerl. Oder er steckt sich bis zur totalen Verstopfung leere Packungen
von Aids-Medikamenten in den Mund ("Pills"). Einprägsam deprimierend.
Wer von Markus Reiter porträtiert wird, hat nachher nichts mehr im
Gesicht. Am wenigsten eine Physiognomie. Das ist eindeutig eine Form von
Ikonoklasmus. Da muss ich mir jetzt aber kurz einmal die Weisheit der
Poncho Brothers ausborgen: "Wenn das Nichts nicht nichtet, macht das auch
nichts." Momenterl. Genau genommen heißt das ja, dass doch etwas da ist.
Also eh genau wie beim Reiter, der in seinen Malereien die Person zwar
ausspart, der Leerstelle aber gerade dadurch eine magische Aura verleiht.
Die geisterhaften Silhouetten haben ja fast schon etwas Metaphysisches.
Reiters (witziger) Geniestreich: sein "Lachender Christus". Könnte
genauso gut heißen "Niesender Christus" oder "Gähnender Christus", denn
Mimik, die unabdingbar ist fürs handfeste Frohlocken, ist keine vorhanden
unter dem Scheitel, auf dem demonstrativ geistreich eine Taube sitzt. Doch
wie durch ein Wunder macht der Betrachter nun plötzlich sein eigenes
Zahnfleisch frei. Und weil Lachen meist ansteckend ist, hat entweder
Christus insgeheim eh längst gelacht oder "infiziert" sich halt jetzt
damit. Bis 24. Oktober beim Lang (Seilerstätte 16).
Erschienen am: 26.09.2003 |
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