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Quer durch Galerien

Die Apokalypse ist ein Ruinenkult

Von Claudia Aigner
Eislutschen ist ja mittlerweile auch von einem Elitesport zu einem Massensport geworden und nicht mehr nur den oberen zehntausend Zungen vorbehalten. Praktisch an jeder Straßenecke kann man sich schon mit den schwitzenden Kugeln eindecken, die im Vanille-, Erdbeer- oder Pistazienschweiß baden. Da stellt man sich natürlich zwangsläufig irgendwann die Frage: Ist es ein Ballspiel und was sind die Regeln?

Das österreichische Webverzeichnis! Ziel des Spieles scheint es zu sein, den Spielball (die Eiskugel) mit möglichst wenigen Schleckern in das Zielloch (den Mund) zu befördern. Aber im Gegensatz zum Golfspiel (das freilich nicht die Schweizer erfunden haben, trotz ihrer Affinität zu Löchern, etwa im Käse, und obwohl ein Eidgenosse angesichts einer Scheibe Emmentaler die Eingebung für den allerersten Golfplatz gehabt haben hätte können) gibt es beim Eislutschen nicht einen Ball und 18 Löcher, sondern ein Loch und beliebig viele Kugeln, je nach Gusto. Doch jede muss theoretisch mit einem einzigen Zuschnappen zu bewältigen sein. Das nennt man Hole-in-one, also wenn man es schafft, das Bällchen vom Waffelstanitzel weg (der Golfer würde sagen: vom Tee) mit einem Schleck im Verdauungsapparat zu versenken.
Und Gewinner ist wahrscheinlich, wer für alle Eiskugeln die wenigsten Münder benötigt (oder so). Eislutschen könnte also so etwas wie "Vulgärgolf" sein und ist sogar noch platzsparender als Minigolf. Und weil die Entfernungen noch kürzer sind, muss das Ende nicht einmal mit einem Fähnchen markiert werden oder, passender, mit einem Eisschirmchen. Man ist ja von Anfang an in unmittelbarer Nähe vom Grün. Pardon: Die Fläche, auf der sich das Loch befindet, heißt selbstverständlich immer noch Gesicht.
Das wäre jedenfalls das einzige Ballspiel, bei dem der Ball unwiederbringlich "vergeht". Ina Weber schenkt der Menschheit ebenfalls ein Vanitas-Ballspiel. Doch da gemahnt uns nicht der Ball an die Vergänglichkeit alles Irdischen (drastisch wie ein Eis), sondern das Spielfeld. Das sieht aus, als wäre es von der Magensäure der Zeit zerfressen und bereits halb verdaut. Denn wir haben es mit Apokalypsenromantik zu tun.

Galerie Kargl: Häuser blockieren doch eh nur die Stadt

Zwölf ruinierte Minigolfbahnen, ein Golfschläger und ein Gummiball laden noch bis 16. April beim Kargl (Schleifmühlgasse 5) zum totalen Spieltrieb ein. Und der Spieltrieb ist ein Naturgesetz. Der Kosmos dürfte ja auch sowas haben. Und vor 65 Millionen Jahren auf der Erde Kamikaze-Billard gespielt und dabei die Saurier ausgeknockt haben (oder das Spielgerät, der Asteroid, hat im Universum, das durchlöchert ist wie ein Golfplatz, einfach ein Wurmloch oder ein schwarzes Loch verpasst). Auch die Krater auf der Mondoberfläche zeugen vom Spieltrieb des Weltalls.
Und wie schauen "ruinierte Minigolfbahnen" aus? Da sind die Hindernisse, durch die der Ball hindurchmanövrieren muss, pittoreske Gebäuderuinen. Entweder sind es Opfer der "Spontan-Erosion" (einer Sprengung zum Beispiel, weil Architektur doch eh nur die ungestörte Sicht auf die Stadt verstellt, zumindest bei denen, die die Stadt vor lauter Häusern nicht mehr sehen), oder sie sind "natürlich" verwittert. Ohne den Erosionsbeschleuniger TNT.
Eigentlich hat die Kölnerin eine komplette Stadt demoliert. Die Wahl der Gebäude ist repräsentativ: Kirche, Nachtclub, Wohnhaus, Tankstelle, Brücke. Letztere lehrt einen, die überragende Leistung von Sandra Bullock und ihrem Gasfuß zu schätzen, die beide in "Speed I" mit einem vollbesetzten Autobus über eine Autobahnbrücke fuhren, die erst im Planungsstadium war, folglich aus Luft bestand. Kurz: Mein Ball ist von der Brücke gestürzt. Das mag den selben Grund haben, weshalb Frauen angeblich Schwierigkeiten beim Einparken haben. Weil sie sich aus anatomischen Gründen eben mehr mit der Parklücke als mit dem Auto identifizieren. Oder weil sie seltener als Männer auf den Fußballplatz gehen. Und hinter dem unverdächtigen Fußballmatch verbirgt sich wie hinterm Golf oder Basketball sowieso nichts anderes als ein Fruchtbarkeitskult, ein sublimiertes Fortpflanzungstraining. Oder ist Fortpflanzung nicht ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem es auf die Zielgenauigkeit ankommt? (Der Fußball thematisiert übrigens auch noch das Problem der Empfängnisverhütung: Es gibt da einen Tormann.)
Zurück zum Minigolf: Ruinenkult auf deutschem Boden (der Minigolf-Parcour war ursprünglich in einem Park in Braunschweig installiert) hat immer irgendwie einen "alliierten Beigeschmack". Man denkt sofort ein bissl an die zerbombten Nachkriegsstädte. Minigolfen als spielerische Vergangenheitsbewältigung? Oder hat Ina Weber doch bloß klassische Gartenaccessoires (künstliche Ruinen und Gesellschaftsspiele) erneuert? Ich war so gefangen von den unwiderstehlich fantasievollen "Trümmerbahnen", dass ich die Aquarelle (von Bauten, die wie der schiefe Turm von Pisa herumtorkeln, aber ansonsten brav und "belanglos" sind) kaum gesehen habe.

Engholm Engelhorn Galerie: Kick it like Beckham

Botendienste sind Spezialisten für das erste Newton'sche Axiom. Und das besagt: Jeder Körper (also auch ein Packerl) verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, wenn er nicht durch einwirkende Kräfte (den Briefträger etwa) gezwungen wird, seinen Bewegungszustand zu ändern. Der Kurzfilm "Something for everyone" (klingt wie: "Die Post bringt allen was") von Richard Hoeck und John Miller schildern den entsagungsvollen Tag eines gewissen Ken, der als Mitarbeiter von UPS verzweifelt wie Sisyphos gegen die Trägheit der Masse ankämpft und sein vollbeladenes Handwagerl durch die komplette Konsumgesellschaft schiebt (na ja, durch den zweiten Bezirk).
Die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse (die Pakete loszuwerden, ein Glas Wasser, Sex) wird laufend sabotiert, und als ihm die Pakete allesamt vom Wagerl fallen, rastet sein Fuß aus wie David Beckham. Und als er endlich einer willigen Kundin libidinös näher kommt und sein Ansinnen schon anatomisch Gestalt annimmt, haut derweil ein Kind unten im Hof mit dem Paketwagerl ab. Moderne Tantalusqualen. Ken wird ständig von den Trauben zurückgewiesen und das Trinkwasser (in Form von verweigerten Wassergläsern) ebbt dauernd vor seinem Durst davon. Trotzdem will die Frustration nicht so recht auf den Zuschauer überspringen. Vielleicht weil alles so gelassen, fast stoisch gespielt ist. Nur die skurrilen Dinge, die sich in den Päckchen befinden, bringen ein surreal poetisches Moment hinein: eine Kunstblume, ein Vogel aus Holz oder ein künstliches Hundstrümmerl. Bis 15. April bei Engholm und Engelhorn (Schleifmühlgasse 3).

Erschienen am: 08.04.2005

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