| Salzburger Nachrichten am 11. Oktober 2006 - Bereich: Kultur
Das Jüdische in der Kunst In einer Ausstellung im
Jüdischen Museum Wien ist erstmals das Frühwerk von Arik Brauer, Ernst
Fuchs und Friedensreich Hundertwasser vereint zu sehen.
Ernst P. StroblWien (SN). Neben der Kunstausstellung unter dem Titel
"phantastisches" ist es vor allem auch eine kulturhistorische Schau,
welche das Jüdische Museum ab heute, Mittwoch, bis 14. Jänner zeigt. Alle
drei Künstler, die zu maßgeblichen Figuren der Kunst der Nachkriegszeit
aufstiegen, wurden zwischen 1928 und 1930 in Wien geboren, waren in der
damaligen Diktion als Halbjuden abgestempelt und überlebten den Krieg in
Wien. "Alt genug, um den Krieg bewusst zu erleben, jung genug, um nicht
daran zu zerbrechen", wie Arik Brauer es ausdrückt. Überleben als Halbjude im Wien der Nazis Brauers Vater kam in einem
lettischen KZ ums Leben, der Vater von Ernst Fuchs überlebte in Schanghai.
Hundertwasser schützte seine jüdische Mutter, indem er als Halbjude der
Hitlerjugend beitrat, HJ und HJ in einem perversen Nebeneinander
sozusagen. Mit Dokumenten aus dieser Zeit wird das Überleben im NS-Wien
anschaulich gemacht. So jung die drei Talente auch waren, alle strebten sofort nach dem
Krieg eine Kunstausbildung an. Die Akademie am Schillerplatz sei in
Trümmern gelegen, vor der Inskription habe jeder "Ziegel klopfen" müssen,
schildert Brauer. Fuchs wiederum erzählte beim Pressegespräch am Dienstag,
dass an der Akademie noch ein "strenger" Ton herrschte, seine Vorbilder
Klimt und Schiele als "Tapezierer" bzw. als "Pornograf" verunglimpft
wurden. Albert Paris-Gütersloh wurde die zentrale Lehrerfigur für die
aufmüpfige Jugend. Fuchs porträtierte ihn mit früher Meisterschaft. Die Tragik des jüdischen Volkes fand Einzug in die Kunst aller drei,
und eben auf dieses "Jüdische" im Werk von Brauer, Hundertwasser und Fuchs
nimmt die Ausstellung Bezug. Unter den rund 60 ausgestellten Bildern
nehmen die Porträts der Väter (Fuchs, Brauer) und Mutter (Hundertwasser)
sowie frühe Selbstporträts eine zentrale Rolle ein. Dass fast alle Werke
aus dem Privatbesitz der Maler kommen, gibt der Schau die persönliche
Note. In den 60er Jahren gelang allen drei Künstlern der Durchbruch, auch
international. Brauer und Fuchs wurden zu Repräsentanten der "Wiener
Schule des Phantastischen Realismus". Hundertwasser ging seinen eigenen
Weg, er entwickelte seine Vorstellungen von Malerei konsequent weiter,
wenn auch Autobahnraststätten und allerlei Hundertwasserisches heute den
Blick auf das malerische Lebenswerk verstellen. "Gasflammen zusammen mit
den Flammen des Heiligen Geistes", "Häuser im Blutregen - Bild, das einen
österreichischen Juden weinen macht" oder "Krematorium" sind beispielhafte
Arbeiten, wie Hundertwasser die Vergangenheit bewältigte. Rückbesinnung aufdie Wurzeln Fast im Stil von Bosch entwarf Arik Brauer
seine farbigen Welten. Im Zyklus "Verfolgung des Jüdischen Volkes" fanden
Sujets wie "Massada" ebenso Eingang wie das "Pogrom in Kischinew" 1905
oder die "Zerstörung des Tempels". Brauer ist übrigens der Einzige, der
neben Österreich Israel zu seiner Heimat gemacht hat. Unter den ersten
Bildern nach dem Krieg - Arik Brauer hatte die letzten Kriegsmonate als
"U-Boot" überlebt - berühren ein "Mädchen im Bombentrichter" und ein
schlichter alter "Mann im Gas". Dass Ernst Fuchs einst gemeinsam mit Hundertwasser und Arnulf Rainer
ein "Pintorarium" als Protest gegen die Laschheit der Wiener Kunstszene
affichierte, erstaunt heute im Rückblick auf eine Künstlerkarriere, die -
zumindest ab den 70er Jahren - mitten durch die Welt der "Schönen und
Reichen" führte. Ein nettes Detail: Der 15-jährige Fuchs hatte für seine
Mutter ein Selbstporträt gezeichnet, selbstbewusst, fast trotzig, und im
selben Jahr einen "Prophetenkopf (und wie ich denke, dass ich als alter
Mann aussehen werde)". Prophetisch dabei, dass er heute wirklich fast so
aussieht. Neben jüdischen Motiven wie "Bar Mizwa" oder "Esthers Nacht bei
Ahasverus" malte Fuchs auch Christliches wie "Der Auferstandene" oder
vereinte beide Religionen wie in "Esther".Information: www.jmw.at |