Sechs,
sieben, acht. Oder genau genommen: „6 7 8“. Ganz puristisch finden sich
die drei Zahlen schwarz auf weiß auf der Einladungskarte von Florian
Pumhösls aktueller Mumok-Personale. Gebaut aus Kreissegmenten, Geraden
und Winkeln, die sich ihrerseits blockhaft zu Flächen organisieren,
sticht ihre bauhäuslerische Anmutung sofort ins Auge. Eine Notiz auf
der Rückseite verrät die Quelle des Schriftzugs: „Details aus einem
Schriftentwurf von Joos Schmidt, ca. 1930. Sammlung Egidio Marzona,
Berlin“ – ein Schriftentwurf des deutschen Typografen und
Bauhaus-Lehrers, dem der aufmerksame Museumsbesucher auf Ebene 8, im
Rahmen der Sonderschau „Abstrakter Raum“ wiederbegegnen wird, nachdem
er vorher höchstwahrscheinlich auf den Ebenen 6 und 7 die eigentliche
Pumhösl-Personale durchstreift hat.
Nicht, dass es der 40-Jährige,
der spätestens seit seiner Teilnahme an der documenta 11 (2007) als
einer der erfolgreichsten Künstler seiner Generation gilt, auf
Zahlenrätsel abgesehen hätte. Doch im Fall seines Mumok-Auftritts ist
die Zahlenfolge nicht bloß Wegweiser, sondern ebenso Schlüssel zum
Verständnis seiner Arbeit. Denn Pumhösl, der sich mit einem bewusst
minimalistisch gehaltenen Ausstellungskonzept aus exakt drei neuen
Arbeiten bewusst dem Konzept der Mid-Career entgegenstellt,
positioniert sich mit seinen Beitrag dezidiert auch in Bezug zur
parallel gezeigten Sammlungspräsentation „Abstrakter Raum. Formationen
der klassischen Moderne“.
Immer abstrakt.
Zusammen mit Matthias Mi-chalka, dem hauseigenen Kurator, zeichnet er
als künstlerischer Gastkurator für die Zusammenstellung der Schau
verantwortlich. „Eigentlich ist der Beitrag Teil des Gesamtprojekts
,Neuhängung der klassischen Moderne‘ des Mumok“, sagt er. „Wir haben
aber versucht, neue Themen anzureißen und die hauseigenen Bestände, von
denen historisch bedingt (die Sammlung ist vor allem in den 1960er- und
1970er-Jahren entstanden) oft nur ein Stück vorhanden ist, mit
Leihgaben aus Museums-, aber auch Privatsammlungen in den
Nachbarländern Slowakei, Tschechien, Ungarn oder Deutschland zu
ergänzen – durchaus auch übergreifend, interdisziplinär, über den
Tellerrand der Kunst hinausblickend. Dass dabei Werke im Vordergrund
stehen, die in Verhältnis zur Abstraktion stehen, trifft sich perfekt
mit meinem Interesse an der Abstraktion, die ja mein künstlerischer
Arbeitsschwerpunkt ist.“ Die Künstlerkuratorenschaft im Mumok
korrespondiert unter diesem Aspekt perfekt mit seiner komplexen
Arbeitsweise. Immer wieder hatte Florian Pumhösl auch in früheren
Projekten Werke anderer Künstler miteinbezogen, die in direktem
Zusammenhang mit der jeweiligen Fragestellung der Ausstellung standen –
so integrierte er etwa in eine seiner ersten großen One-Man-Shows,
„Humanistische und ökologische Republik“ 2000 in der Secession, neben
afrikanischen Moderne-Zitaten auch eine Plastik von Henry Moore, um
Fragen gesellschaftlicher Utopien zu umkreisen. In seinem
documenta-Beitrag „Modernologie“ wiederum, dessen raumgreifende
Inszenierung das „Triangular Atelier“ (1926) des japanischen Künstlers
und Gestalters Murayama Tomoyoshi sowie die schwarzen Wände der
„Sturm“-Ausstellung in Tokio 1914 zitierte, befanden sich einige
historische Leihgaben. Darunter eine japanische
Kriegspropaganda-Zeitschrift aus den 1940er-Jahren, „die den
faschistischen Missbrauch moderner Bildsprachen belegt“ sowie „work 6,
7, and 8“ der Künstlerin Atsuko Tanaka von 1956, was, so Pumhösl, „den
Bogen zur Wiederaufnahme avantgardistischer Strategien in der Mitte der
50er-Jahre schlägt“.
Durch die Möglichkeit, die
Sammlungsausstellung mitzukuratieren, konnte Pumhösl nun aus dem Vollen
der Moderne schöpfen. Warum immer wieder diese Referenzen? Warum gerade
die Moderne? „Das ist mein Arbeitsschwerpunkt – ein zeitgenössisches
Verhältnis zur Moderne zu untersuchen“, sagt er. „Wie kann man als
postkonzeptualistischer Künstler darüber arbeiten? In dem Sinn geht es
in meiner Arbeit immer um Fragen der Abstraktion.“
Nie abstrakt.
Das spiegelt sich auch in den neuen Installationen – etwa „Diminution“,
einem Zyklus von 48 Glasbildern, in dem es in Anlehnung an die
Kompositionslehre um die Wiederholung und Verkleinerung eines Motivs am
Beispiel schwarzer Linien und Kurven geht. Ebenso in der auf einer
Gouache Alexander Rodtschenkos basierenden Filminstallation
„Expressiver Rhythmus“ und im Animationsfilm „Tracts“, der die
abstrakte Rhythmik barocker Tanznotation zitiert. „Mich interessiert
dabei: Was passiert mit einer Arbeit, wenn man sie in einen anderen
Zusammenhang stellt? Wie entwickelt sich etwas? Interessant zu sehen
ist dabei: Was nicht in der Arbeit steckt, gibt es nicht.“ Wichtig ist
ihm dabei stets eines: „Ich will keine abstrakten Bilder machen,
sondern Bilder über Abstraktion. Das finde ich als Möglichkeit
spannend, nicht als historische Form. Dabei interessiert mich vor allem
die Frage: Wie viel Geschichte kann man auf einen Tisch legen, bis
dieser zusammenbricht?“
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