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Ausstellungen 
   
   
  78  CD-Rom: Valie Export: Bilder der Berührungen  Hemma Schmutz  
   
   
Zumindest für meinen Sohn haben sich die »Fragmente der Bilder einer Berührung«, in einer Variation namensgebend für die neu erschienene CD-ROM von VALIE EXPORT, so in sein Gedächtnis eingeprägt, daß der Begriff der Ausstellung seither mit dem Bild der langsam in Milch, Öl oder Wasser eintauchenden Glühbirnen verknüpft ist, das so anläßlich der Retrospektive der Künstlerin im Wiener Zwanzigerhaus bleibenden Eindruck hinterlassen hat. In diesem Sinne ließe sich auch ein Satz aus VALIE EXPORTS Manifest »Woman’s Art« von 1972 neu lesen – »Die Zukunft der Frau wird die Geschichte der Frau sein.« Mehr als 25 Jahre nach dieser programmatischen Aussage ist eine Geschichte vorhanden, die ihrerseits prägende Funktionen ausübt. Von Verknüpfung und Geschichte handeln auch die »Bilder der Berührungen«, erstmals präsentiert im Rahmen der Ausstellung »Psycho-Prognose« im Neuen Aachener Kunstverein im heurigen Frühjahr. Mit dem in voller Länge abspielbaren Experimentalfilm »Syntagma« aus dem Jahre 1983 läßt sich eine Vielzahl von assoziativ mit dem Ausgangsfilm verbundenen Werken der Künstlerin abrufen. So bildet sich ein Geflecht von Bezügen, das die Bruchstücke einer Geschichte ihrer Arbeit enthält.
Ist schon »Syntagma« selbst eine Sammlung/Zusammenstellung, in der viele ältere Werke und Motive verarbeitet werden, so verwendet VALIE EXPORT den Film auf ihrer CD-ROM als Ausgangspunkt für ein noch viel umfassenderes Assoziationsnetz, das quasi ihr gesamtes Œuvre, die frühen Gedichte, Körperaktionen, Performances, Zeichnungen, Experimental- und Spielfilme, Videos, konzeptuelle Fotografien, theoretischen Texte und (Video-)Installationen umfaßt. Die CD-ROM wird so zur Verbildlichung der im Text »Mediale Anagramme« vertretenen These, wonach ihre Arbeiten als Notizbücher anzusehen wären, in denen »immer wieder die »Seiten«, Aufzeichnungen und Bilder in andere Zusammenhänge gebracht werden und andere Bedeutungen, einen neuen Kontext ermöglichen«. Folgt man der Logik dieser Argumentation, so ist es auch plausibel, daß die Künstlerin von ihrer CD-ROM als eigenständiger künstlerischer Arbeit spricht und diese nicht als bloßes Speichermedium für bereits fertige Kunstwerke betrachtet.
Zumal auch die Rolle der BenutzerInnen als GestalterInnen ihrer eigenen Version von »Syntagma« betont wird: Die im ersten Durchgang an bestimmten Stellen selektierten Verknüpfungen – sie erscheinen in kleinen Fenstern am Rand des Monitors – können mittels der »playback«-Funktion auch in linearer Abfolge abgespielt werden. Dies betrifft nur die bewegten Sequenzen – also Ausschnitte aus Filmen oder Videos und nicht Fotos oder Texte –, die in einem zweiten Durchgang direkt in den Ausgangsfilm hineingeschnitten betrachtet werden können.
Die Möglichkeiten der Interaktion, welche die neuen Bildmedien in forcierter Weise propagieren, sind jedoch durch Gestaltung und Aufbau immer schon vorstrukturiert und lassen meist nur wenige vorbestimmte Gestaltungsvariationen zu. Dies ist durch die Vorgabe der Verknüpfungen von »Syntagma« mit anderen Werken und die Beschränkung auf die bewegten Sequenzen auch in den »Bildern der Berührungen« der Fall.
Unprätentiös und sympathisch hingegen erscheint mir die Lösung, die VALIE EXPORT für die Archivfunktion der CD-ROM, über den Index abrufbar, gefunden hat. Hier haben die BenutzerInnen die Möglichkeit, in einem Foto- und einem Videoarchiv nach Belieben zu stöbern. Schlampig in ein Regal gestellte Videos oder verstreut herumliegende gerahmte Dias können ausgewählt und in selbst bestimmter Reihenfolge angeschaut werden. Gerade in bezug auf die Video- und Filmausschnitte bietet die CD-ROM hier Vorteile, die herkömmliche Dokumentationsmedien wie Kataloge nicht leisten können.
Die Konstruktion der Geschichte ihres eigenen Werkes, das VALIE EXPORT in dem Text »Mediale Anagramme« als »polyphonen intermedialen expansiven Prozeß« bezeichnet, in dem sich die einzelnen Arbeiten gegenseitig bedingen und spiegeln, nimmt die Künstlerin auf ihrer CD-ROM – wie bereits vorher in zahlreichen Texten und Vorträgen – ganz bildlich selbst in die Hand. Als bestimmendes Ikon der CD-ROM wird der Hand noch einmal jene zentrale Stellung eingeräumt, die sie auch im übrigen Werk von VALIE EXPORT innehat. Von der frühen Fotoarbeit »Shadow«, den Zeichnungen »Identitaet« oder »Der linke und der rechte Schmerz« bis zu den berühmten Szenen in »...Remote...Remote«, um nur einige Beispiele zu nennen, war sie fast immer ein Zeichen für Schmerz und (Selbst-)Verletzung. Die offene Handfläche auf der CD-ROM hat diese Konnotationen verloren und lädt den Cursor im Bild in Form eines Fadenkreuzes zur Berührung ein, um das dargebotene Werk zu erkunden. (Vertrieb: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln)
 
     

© 1997-99 springerin