Der wohl bekannteste unbekannte Fotograf wird erstmals umfassend
in Wien gezeigt.
S
anft kosen die Luftballons die raue Zimmerdecke. An dere ziehen
ihre Fäden straff, noch fest in Kinderhand. Doch wen kümmern schon die
bunten Gummiblasen? Wie hypnotisiert starren die Mädchen und Burschen auf
die hämisch grinsende Puppe am Schoss der Bauchrednerin. Zwei Stehlampen
füllen den Raum mit warmem Licht, auf den Polstermöbeln ruhen
Spitzendeckchen, die Uhr am Kamin tickt - jetzt vielleicht ein kleiner
Schluck aus dem noch halb vollen Glas Kakao? Es ist Oktober 1947.
Stop. Es ist Ende März, wir befinden uns in der
granitenen Kunstgruft des Museumsquartiers und draußen strahlt die Sonne.
Doch wen interessiert heute die Sonne? Im Museum Moderner Kunst strahlen
die großformatigen Fotoleuchtkästen von Jeff Wall, ziehen uns hinein in
ihre Wirklichkeiten wie etwa in die Szene der Geburtstagsparty im Oktober
1947, die der kanadische Fotograf vor zwölf Jahren inszenierte.
Er ist wohl einer der unbekanntesten bekannten Künstler
der Jetztzeit. Zur Ikone stilisiert vom Inner-Circle der Kunstszene,
während sich der Rest der Welt nicht wirklich zu fragen traut - wer ist
das eigentlich? Ende der Siebzigerjahre, übersättigt von Konzept und
Postkonzept, klebte Jeff Wall seine Diapositive in von hinten beleuchtete
Rahmen, am ehesten vergleichbar mit Reklame-Kästen. Aus planen Fotos
wurden Objekte, sie gewannen an Raum und Gewicht, auch am Kunstmarkt.
Ähnlich wie Bill Viola das Video, hat Jeff Wall die Fotografie an die
Museumswand gehievt, hat ihr sozusagen die nötige Öl-Schwere verpasst.
Verpasst bekam er dazu auch gleich den legitimierenden Beinamen: Jeff
Wall, "Maler" des modernen Lebens. Das kommt auch nicht von ungefähr,
baute er doch vorstädtische Genre-Szenen nach den Mustern "Alter Meister"
wie Manet oder Hokusai, gespickt mit Metaphern und ikonografischen
Details.
Die Personale im MUMOK versucht Jeff Wall abseits von
diesem Klischee zu zeigen und konzentriert sich auf seine Beschäftigung
mit der Dokumentarfotografie. Man wählte also eher Schnappschuss-artige
Arbeiten und die schlichten Schwarzweiß-Fotos der letzten Jahre. Auf jeden
Fall eine Täuschung, denn Jeff Wall komponiert seine Bilder in
langwierigen Sessions bis ins allerletzte Detail. Seit Beginn der
neunziger Jahre verwirklicht er seine Ideen sogar mit Hilfe des Computers.
Von Spontanität also keine Spur!
Von einer Retrospektive ist man im MUMOK allerdings auch
entfernt, obwohl man zeitlich die letzten zwanzig Jahre abdeckt und die
thematische Vorgabe auch nicht immer so eng nimmt. Aber immerhin erstmals
eine größere Werkschau dieses Fotografiekünstlers in Österreich.
Monumental schlucken Jeff Walls magische Guckkästen den Zuschauer, der
hier besser steht als ein distanzierter Betrachter. Manchmal lässt er ihn
auch so nahe kommen, dass er sich mitten auf der Straße mit der riesigen
Pinie am Eck wiederfindet, dass man dem Zeichner, den man bei seiner
anatomischen Studie verfolgt, am liebsten auf die Schulter tippen würde.
Eine Flucht in verdichtete Momente, die keine Geschichte mehr nötig haben.
"Ein Bild ist etwas, das sein Vorher und Nachher unsichtbar macht", wie
Wall so schön sagt.
Bis 25. Mai. Di. bis So. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr.
© Die Presse | Wien