Architektur leben

Katharina Menhofer hat Walter Pichler auf seinem Hof in St. Martin im Südburgenland besucht.


Der in Südtirol geborene Walter Pichler war Mitglied um die Gruppe von Otto Mauer in der "Galerie St. Stephan", er nahm 1968 an der Documenta in Kassel teil und vertrat 1982 Österreich auf der Biennale in Venedig.

Ausstellungen von Walter Pichler gibt es höchst selten, denn der Künstler lebt und arbeitet zurückgezogen auf seinem Hof, umgeben von seinen Skulpturen und Häusern.

Harmonisches Ensemble

Wer seine Arbeit liebt, der baut ihr ein Haus: "Haus für den Grat", "Haus für die bewegliche Figur", "Haus für das Kreuz", und so weiter. Der alte Hof in St. Martin ist ein architektonisches Ganzes geworden, alle Wirtschaftsgebäude wurden in Bezug zum alten Gemäuer umgebaut und bilden ein harmonisches Ensemble.

Hier ein Glasdach, dort ein Turm, Flügeltüren, Lichtecken und Pfeiler. Die Häuser beherbergen die Skulpturen von Walter Pichler.

Ideale Bedingungen

"Ich liebe meine Arbeit, ich arbeite sehr lang und sehr ernsthaft daran", erklärt Pichler. Der nächste Schritt sei daher folgerichtig: "Dass ich einen Raum haben möchte, in dem annähernd ideale Bedingungen sind. Wo das Licht richtig hineinfällt, wo die Materialkombination richtig ist, wo eine Korrespondenz zwischen dem, was ausgestellt ist, und dem Raum vorhanden ist. Also ist es nicht so absurd, ein Haus für eine Skulptur zu bauen."

Meist stehen die Figuren auf rohem Lehmboden, sind gefertigt aus Holz, Lehm, Metall oder Glas. Nichts wirklich Gegenständliches ist dabei - irgendwo erkennt man Köpfe, Helme, Speere.

Pichlers Alter Ego

(Zum Vergrößern anklicken)
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Einzig eine menschliche Figur, groß und schlank, die Hände in den Taschen, taucht immer wieder auf. Auf Zeichnungen, in Modellen: In der New Yorker Ausstellung wird diese Figur einen eigenen Raum bekommen. Es ist sozusagen Pichlers Alter Ego:

"Das ist ja irgendwie angenehm, wenn man sich so von außerhalb betrachten könnte." Das sei der Wunsch von jedem Menschen. "Weil man eh so gefangen sitzt in sich selber. Es wäre wunderbar, wenn man draußen noch ein paar herumstehen hätte, die einen verstehen, wo man nicht lange Erklärungen abgeben müsste. Der weiß schon, ums was es sich handelt."

Nicht alles muss erklärt werden

Einer der versteht ohne lange Erklärungen, das wäre Pichlers Ideal. Er redet zwar gern über Arbeitsweisen, technische Details, aber Erklärungen zu Thematiken, mit denen er sich auseinandersetzt, gibt er kaum ab.

Pichler: "Es muss ja nicht alles erklärt werden. Es hat noch ein Reserve. Vielleicht. Aber die hab' ich auch." Nicht jeder müsse alles wissen. "Ich finde, diese Verborgenheit sollte bleiben." Die sei auch eine "Anständigkeit gegenüber einem Betrachter". Nur dann habe er die Möglichkeit, "auch seine Gedanken hinein zu bringen".

Haus für die Stäbe, Vorderansicht, 1999
Haus für die Stäbe, Vorderansicht, 1999

Überblick ermöglicht

Die New Yorker Ausstellung (geöffnet ab 6. April) und das dazugehörige Buch bieten einen Einblick in Pichlers Gesamtschaffen aus 30 Jahren - und ermöglichen einen Vergleich.

Ideal wäre, sagt Pichler, auf seine Entwicklung angesprochen, wenn sich nur das Formale geändert hat, nicht aber die Intensität der Arbeit oder die Formulierfähigkeit. Formentwicklung habe er wenig betrieben. "Es sind immer die gleichen Grundmuster vorhanden. Eine neue Formulierung eines alten Themas zu machen, das ist das, was ich unter Qualität verstehe."

Thema: Bett

Eine Variation desselben Themas ist zum Beispiel das Bett. Nebeneinandergestellt, wie in der New Yorker Gladstone Gallery, fällt eine Entwicklung auf. Das neue Bett aus den 90ern, aus senkrecht verankerten Glasscherben, wirkt in seiner exakten Geometrie und technischen Reduziertheit geradezu nüchtern - gegenüber dem 70er-Jahre-Bett aus Blei und gebrochenem Glas.

Pichler sei zu jener Zeit "emotionell sehr aufgeladen" gewesen, als er das Bett 1971 baute, "das war eine sehr schwere Zeit für mich." Diese Emotion habe eine gewisse Aggressivität hervorgebracht. "Das wäre heute ziemlich falsch", meint Pichler. "Heute bin ich überhaupt nicht so vom Bauch heraus, der Kopf spielt schon eine große Rolle. Es ist sehr kopflastig geworden."

Architektur statt Emotion

Hirnschmalz statt Herzflimmern - Architektonisches statt Emotionales. Das jüngste Haus - "Haus für 2 Tröge" - ist gerade in Fertigstellung. Ein beinahe zweckmäßiges Kunstwerk, in dem Regenwasser gesammelt wird. Das "Haus für die Stäbe" ist in Skizzen und Modellen bereits fertig - mit der Umsetzung wird es noch ein wenig dauern. Denn ein Künstler, der seine Skulpturen liebt, verkauft sie nicht.

Haus für die Stäbe, Modell, Rückansicht, 1999
Haus für die Stäbe, Modell, Rückansicht, 1999

Pichler lebt vom Erlös seiner Zeichnungen: "In vielen Fällen ist es sogar eine Art Recycling. Die ganze gedankliche Arbeit, die auf dem Papier stattfindet, ermöglicht mir fast das Gebäude." Das sei ihm schon zweimal gelungen, "in dem Fall nicht." Der Idealfall ist also die Finanzierung des Gebäudes mit dem Verkauf des zeichnerischen Materials, das zum Gebäude geführt hat.

Skizze auf Wirtshausrechnung

Die Pläne und Zeichnungen für das "Haus für die Stäbe" sind als gesammelter Werkblock an die Sammlung Liaunig verkauft. Und im gleichnamigen Buch kann man von der ersten Skizze auf einer Wirtshausrechnung bis hin zum fertigen Modell den Denkprozessen und Arbeitschritten Walter Pichlers folgen.

Nach der New Yorker Ausstellung im April ist für längere Zeit wieder Ruhe, denn der Künstler hat keine Zeit für Ausstellungen oder mühselige Buchzusammenstellungen.

In St. Martin gibt es noch viel zu verwirklichen: "Ideen bräuchte ich überhaupt keine mehr, weil das ist absehbar. Wenn ich ganz konsequent nur sage: Stop, jetzt bauen wir einmal das, was wir haben, dann ist es aussichtslos, bereits jetzt."

Tipp:

Beide Bücher "Haus für die Stäbe" und "Drawings - Sculptures - Architecture" erscheinen im Verlag Jung und Jung.

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