| Bitte benutzen Sie die Druckfunktion Ihres
Browsers. Oder klicken Sie auf diesen Knopf |
| Kugelmeer oder Spielwiese Die japanische Meisterin der Obsessionen ist nach Europa zurückgekehrt: Wiedersehen mit Yayoi Kusama in der Kunsthalle Wien WIEN, im Februar Den Höhepunkt ihrer Bekanntheit erreichte sie 1968 mit ihren Happenings. Ohne choreographische Ambitionen, dafür mit um so intensiverer Gestaltungsfreudigkeit am nackten Körper bemalte Yayoi Kusama sich mit Punkten oder kleidete sich und andere in ihre selbstentworfenen "Orgy Dresses": phantasievolle, durchsichtige, poppige Gewänder, die an zentralen Stellen den nackten Körper freizügig zeigten. Ihre öffentlich inszenierten "Body Festivals", "Orgien" und Happenings der "Love and Nudity"-Plattform vereinten medienwirksam die zentralen Geister jener Zeit: Sie waren gegen den Krieg, gegen das Establishment, handelten von Ökonomie und Politik, Japan und Sex. Von der Tagespresse bis zu Modejournalen feierte New York Yayoi Kusama, damals neununddreißig Jahre alt, als skandalfreudigen Star am Künstlerhimmel. Ihr ein Jahr später eröffnetes Geschäft an der Sixth Avenue, das ausschließlich ihre "natürliche Kleidung" verkaufte, wurde kurzzeitig zum Zentrum der Modeavantgarde. Dabei hatte die Künstlerin Ende der fünfziger Jahre noch mit ihren "Net-Paintings" als strenge Minimalistin gegolten, wurde Anfang der sechziger Jahre in Europa im Kontext der Gruppe "Zero" ausgestellt und gilt gleichzeitig als wichtige Protagonistin der amerikanischen Pop-art. Ob es der enorme Medienhype war, der Verlust zentraler Menschen in ihrem Leben oder ihre immer wiederkehrenden psychischen Probleme, bleibt unbeantwortet. Jedenfalls kehrte Kusama 1975 endgültig nach Tokio zurück und lebt dort seither im "Seiwa Hospital for the Mentally Ill". Seit diesem Rückzug ist es still um sie geworden. Zwar repräsentierte sie Japan 1993 bei der Biennale von Venedig, sie nimmt kontinuierlich an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil und erhielt Ende der neunziger Jahre eine große Retrospektive in den Vereinigten Staaten, die über Los Angeles und New York nach Tokio führte. Dort wurden allerdings ausschließlich ihre Werke der New Yorker Jahre - 1958 bis 1968 - gezeigt. Den erneuten Durchbruch schafft Yayoi Kusama erst jetzt wieder mit ihrer durch Europa wandernden Einzelausstellung, die derzeit in der Wiener Kunsthalle zu sehen ist. Anders als in den neunziger Jahren zeigt die Japanerin hier aktuelle Installationen. Dafür entwarf das Wiener Architekturbüro "Pauhof" einen radikalen Umbau des schwierigen, weil völlig ungegliederten Hauptraums der Kunsthalle. Durch riesige Rampen verkleinert, mutiert die Halle zum Verbindungsweg zwischen den einzelnen Installationen, die sich auf den eigentlich marginalen Galerien und in neugebauten Verhauen darunter befinden: "Dots Obsession", "Infinity Mirror Room", "Firelies on Water" oder "I'm Here But Nothing". "Dots Obsession" trifft Kusamas Werk auf den Punkt. Denn ob in ihren früheren Happenings oder in den aktuellen Installationen, die Polka-Punkte legen sich über alles. Man tritt in die perfekte Raumillusion: Wände, Fußboden und Decke sind von Punkten übersät, verdoppelt durch die phallusförmigen, pneumatischen Objekte, die die Räume bevölkern. Mal gelbe Grundfläche mit schwarzen Punkten, mal weiße Fläche mit bunten Punkten, mal dunkler Raum mit phosphoreszierenden Punkten ohne Luftobjekte, dafür mit Mobiliar. In Variation dazu baut die Künstlerin verspiegelte Räume mit 150 kleinen bunten Glühlämpchen, die sich unendlich wiederholen und uns in eine verzaubernde Märchenwelt versetzen. Oder den labyrinthischen Gang namens "Invisible Life", der mit über hundert runden, konvexen Spiegeln einen völligen Ortverlust inszeniert. Die Punkte wie auch die unendlichen Spiegelungen zeigte Kusama bereits in den sechziger Jahren. Seither sind die Polka-Dots ganz ungeniert zu Kusamas Markenzeichen geworden und durch jegliche Präsentationsform mitgewandert. Aber in der Kunsthallen-Ausstellung irritiert doch die konzeptuelle Gleichförmigkeit der Räume. Das mag an der Erlebnisqualität der Raumillusionen liegen, die durch die zwar beeindruckende, aber doch dominante Ausstellungsarchitektur verdoppelt wird. Allzu leicht verlieren sich in den Blickbarrieren und Ausblicken die inhaltlichen Ebenen der Installationen. Zwar weisen uns die Schrifttafeln auf Überlegungen zu Zen und Einswerden mit der Umgebung hin, auf Themen wie Auflösung des Individuums und vor allem die Wucht der Obsession. Aber die formale und auch inhaltliche Komplexität ihrer Kunst, die in der "Video-Lounge"-Retrospektive im Schnelldurchgang zu ahnen ist, verliert sich leider ganz ungewollt. Statt dessen stehen wir in einem Rezeptionsspektakel von Siebziger-Jahre-Revival, Designhype und Clubbing-Kultur. Die ehemalige Intensität, die auch politische Inhalte zumindest im Sinne einer Zuständigkeit für tagespolitische Geschehnisse beinhaltete, wird völlig entschärft. Im engen Mittelgang liegen Mengen von silbernen, verspiegelten Plastikkugeln auf dem Boden. "Narcissus Garden", so der Titel, installierte Kusama erstmals 1966 auf der Biennale Venedig auf einem kleinen Rasenstück vor dem italienischen Pavillon - damals ohne offizielle Einladung. Diese Kugeln tauchen seither immer wieder in ihren Werken auf. Die Frage, ob dieser "Garten" ein bewegliches Punktemeer ist oder ein Happening-Angebot an die Betrachter, blieb bisher angenehm unbeantwortet. Man konnte hindurchgehen, die Kugeln neu arrangieren und damals in Venedig auch einzeln kaufen. Am Eröffnungsabend wurde der Künstlerin allerdings die unerwartete Fußballfreudigkeit der Besucher zu lebendig. Sie erließ die Order, die Kugeln nicht zu bewegen - so leicht kann Obsession zur Illusion werden? Doch trotz aller Kritik an der Ausstellung gehört das Lebenswerk von Yayoi Kusama zu den herausragenden künstlerischen Positionen des 20. Jahrhunderts. SABINE B. VOGEL Yayoi Kusama, Kunsthalle Wien, bis 28. April. Der Katalog kostet 29 Euro. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2002, Nr. 44 / Seite 45 © Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001 All rights reserved. Reproduction in whole or in part is prohibited. |