Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Jenseits der Fliegenklatsche

Quer durch die Galerien
Nicht nur für

Nicht nur für "Schas-Augerte": Die Schmuckschatulle "Plic" mit Lupe oben drauf (Design: Patrick Rampelotto, umgesetzt von Peter Rath). Derzeit bei V & V. Galerie V & V

Von Claudia Aigner

Ein neuer Dienstleistungsbetrieb ist also in der Stadt und buhlt um aufgeschlossene Kunden: der „Club 69“. „Aha, so ein versautes Balzlokal halt“, denken sich jetzt alle Aufgeklärten, die den Nummerncode für eine zwischenmenschliche Körperhaltung – „69“ – natürlich sofort entschlüsselt haben. Dieses spezielle Etablissement des Befriedigungsgewerbes dürfte freilich für die ganz Abgebrühten gedacht sein.

Die Einladungskarte lockt nämlich mit gemeinen Stubenmädeln. Stubenmädeln? Was sag’ ich denn da? Ich meinte selbstverständlich: Stubenfliegen (also Organismen, zu denen die Kostverächter „Fluggesindel“ sagen). Da werden, jeweils mit Foto, willige Fliegendamen angepriesen, in hoch motivierten Posen, als flögen sie gerade eine Kuhflade an: die Mona („scharf und rasiert“), die reife Maria, die nie ein Veto einlegt, oder die Gina: „wild und verdorben.“ Aber was können die einem Interessenten denn bieten, außer dass sie sein Essen verunreinigen? Was haben die drauf?

V & V Schaufenster: Fliegen in der Sünde

Die Telefonnummer, die dabeisteht (5356334), hab ich mich nicht wählen getraut. Denn womöglich ist das eine Sexhotline und man hört nur insektuöse Fluggeräusche. Wer das allerdings zu schätzen weiß, der belauscht die Fliegen so lange „heimlich“ beim Fliegen, bis er vor lauter Ekstase die Fliegenklatsche ergreift und wüst stöhnend damit aufs Telefontischerl einschlägt.

Oder handelt es sich um „Call-Fliegen“, die man telefonisch bestellt? Und nach einer halben Stunde läutet ein diskret gekleideter Bote an der Tür und übergibt einem ein Schachterl, das die zutrauliche Gefährtin für den heutigen Abend enthält? Dann wär’ das ein Begleitservice für alle, die immer schon einmal umworben werden wollten wie ein verheißungsvoller Kuhhintern, weil das Fliegenmädel einen ja überallhin verfolgt. Jedenfalls sofern man ein Parfum aus Biomüllextrakt und Jauchenkonzentrat verwendet und den betörenden Duft des Dritten Mannes verströmt, das Aroma von Kanalräumerstiefeln. Dann tut die Fliegin so, als wär’ man das einzige Aas, für das sie schwärmt (das falsche Luder).

Hat eine Fliege das Zeug zur Domina?

So pirschte ich mich denn vorsichtig (mit der U-Bahn) an den Club 69 heran, um mir Klarheit zu verschaffen. Und erwartete mir ein Sündenbabel. Gogo-Fliegen, die um eine mit Honig eingeschmierte Stange herumsurren. Eine Sadomaso-Abteilung, wo eine strenge Fliege, die Domina, tabulos lästig ist und ihren gefesselten Menschensklaven ausdauernd sekkiert.

Oder Nahrungsmittelpornografie (für Magenkranke, die nur zuschauen dürfen): Da stolziert eine Fliege wahrscheinlich kokett auf einem üppigen Törtchen herum und macht die Speicheldrüsen des Essvoyeurs scharf, der weiß, dass eine Fliege sogar mit den Füßen schmecken kann und nicht nur mit den Mundwerkzeugen. Und Animierfliegen lädt man auf sündhaft überteuerte Marmeladenbrote ein, wo eines so viel kostet wie ein Barrel Champagner.

Eine Peepshow gibt’ s sicher auch. Schamlose Schmeißfliegen turteln und schäkern mit der „Rafflesia arnoldi“, einer verführerisch muffligen Aasblume, die riecht und aussieht wie Fleisch, das sein Ablaufdatum zwei Monate überschritten hat, und köpfeln energisch hinein, im Sturzflug, und veranstalten eine wüste Bestäubungsorgie.

Sie sind nicht nur geil auf die 13.601 Gene

Genetiker, die die Nähe von Fruchtfliegen suchen, sind ja sowieso Spanner. Und wären Kandidaten für den Club 69. Vor der Welt behaupten sie, was diese ständig aufeinander herumkrabbelnden Versuchstiere attraktiv mache, sei das unkomplizierte Erbmaterial und sie wären bloß hinter ihren 13.601 Genen her und nicht hinter ihrer regen Fortpflanzung. (Und die Laborbiologen erst, die gewagte Paarungsexperimente mit denselben Fruchtfliegen veranstalten und sie in ihren Laborgefäßen nicht nur zur Monogamie oder zum Zölibat nötigen . . .)

Ach ja, und eine Honeymoonsuite hat der Club bestimmt auch. Wo der „Bräutigam“ mit einer Fliege in einen engen Behälter gesteckt wird (der der Atomisierungskammer aus dem Film „Die Fliege“ nachempfunden ist) und wo sich der Insektophile der erregenden Vorstellung hingeben kann, sich mit dem heißen Fliegengirl, das sein Haupt umschwirrt, genetisch zu vereinen und später selber zur Fliege zu werden.

Denn was allein die Entomologen bislang erkannt haben (Personen, denen die Insekten ihre biologischsten Geheimnisse anvertrauen): Als Jeff Goldblum in seinem Teleporter in seine atomaren Bestandteile zerlegt wurde und sich eine Fliege in die Kammer (und danach in sein Genom) hineingeschummelt hat, war das eine Liebesszene. Was er daneben mit Geena Davis unter der Bettdecke gemacht hat, dass die Daunen nur so geflogen sind, war reine Ablenkung.
Vor dem Club 69 dann: die Enttäuschung. Nicht weil die Tür chronisch verschlossen war. In der Auslage waren zwar viele Fliegen, aber das Ganze Club-Outfit entpuppte sich als Rahmen (von Eric Carstensen) für die Kettenanhänger von Andreas Zidek, die aussehen wie überarbeitete Schattenrisse von Stubenfliegen. Sie sind ja nicht unbedingt schlecht, aber sie können den Fantasien, die man ihretwegen hat, nicht gerecht werden.

Und die Telefonnummer? Gehört zur Schmuckgalerie V & V (Bauernmarkt 19), die die Fliegen auch unter Vertrag hat. Und die bis 14. Jänner außerdem für die, die das Jahr versäumt haben, die Schmuckhighlights noch einmal hervorholt.

Galerie Feichtner: Den Zufall umbringen

Eigentlich stiftet Eva Wagner lauter Mischehen zwischen der figurativen Kunst und der abstrakten. Die Menschen, die gewissenhaften Schraffuren und Farbfelder treiben es aber sehr jugendfrei miteinander. Ohne große Aufregung. Und immer wieder drängt sich ein imposanter, plakativ erstarrter Farbfleck auf. Wie ein stubenreines Versatzstück aus jenen kunstgeschichtlichen Tagen, als ein Patzer noch radikal war.

Die Spontaneität wird sukzessive ermordet. Das ist aber nicht so schlimm. Die gut durchorganisierten Bilder sind ja noch nicht zu Tode kalkuliert, auch wenn man sich nicht immer des Eindrucks erwehren kann, hier würde einfach alles zwanghaft durchexerziert: von illusionistisch bis reduziert. Doch die aufwändige Schichtenmalerei mit ihren sinnlichen Transparenzen macht alles wieder gut.

Quer durch die Galerien

V & V Schaufenster
(Lindengasse 5)
Club 69. Andreas Zidek und Eric Carstensen.
Bis Ende Jänner 2006
tägl. 0 bis 24 Uhr

Lukas Feichtner Galerie
(Seilerstätte 19)
Eva Wagner. en passant.
Bis 14. Jänner 2006
Di. bis Fr. 10 bis 19 Uhr
Sa. 10 bis 16 Uhr

Freitag, 30. Dezember 2005


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at