Ein neuer Dienstleistungsbetrieb ist also in der Stadt und buhlt um
aufgeschlossene Kunden: der „Club 69“. „Aha, so ein versautes Balzlokal
halt“, denken sich jetzt alle Aufgeklärten, die den Nummerncode für eine
zwischenmenschliche Körperhaltung – „69“ – natürlich sofort entschlüsselt
haben. Dieses spezielle Etablissement des Befriedigungsgewerbes dürfte
freilich für die ganz Abgebrühten gedacht sein.
Die Einladungskarte lockt nämlich mit gemeinen Stubenmädeln.
Stubenmädeln? Was sag’ ich denn da? Ich meinte selbstverständlich:
Stubenfliegen (also Organismen, zu denen die Kostverächter „Fluggesindel“
sagen). Da werden, jeweils mit Foto, willige Fliegendamen angepriesen, in
hoch motivierten Posen, als flögen sie gerade eine Kuhflade an: die Mona
(„scharf und rasiert“), die reife Maria, die nie ein Veto einlegt, oder
die Gina: „wild und verdorben.“ Aber was können die einem Interessenten
denn bieten, außer dass sie sein Essen verunreinigen? Was haben die
drauf?
V & V Schaufenster: Fliegen in der Sünde
Die Telefonnummer, die dabeisteht (5356334), hab ich mich nicht wählen
getraut. Denn womöglich ist das eine Sexhotline und man hört nur
insektuöse Fluggeräusche. Wer das allerdings zu schätzen weiß, der
belauscht die Fliegen so lange „heimlich“ beim Fliegen, bis er vor lauter
Ekstase die Fliegenklatsche ergreift und wüst stöhnend damit aufs
Telefontischerl einschlägt.
Oder handelt es sich um „Call-Fliegen“, die man telefonisch bestellt?
Und nach einer halben Stunde läutet ein diskret gekleideter Bote an der
Tür und übergibt einem ein Schachterl, das die zutrauliche Gefährtin für
den heutigen Abend enthält? Dann wär’ das ein Begleitservice für alle, die
immer schon einmal umworben werden wollten wie ein verheißungsvoller
Kuhhintern, weil das Fliegenmädel einen ja überallhin verfolgt. Jedenfalls
sofern man ein Parfum aus Biomüllextrakt und Jauchenkonzentrat verwendet
und den betörenden Duft des Dritten Mannes verströmt, das Aroma von
Kanalräumerstiefeln. Dann tut die Fliegin so, als wär’ man das einzige
Aas, für das sie schwärmt (das falsche Luder).
Hat eine Fliege das Zeug zur Domina?
So pirschte ich mich denn vorsichtig (mit der U-Bahn) an den Club 69
heran, um mir Klarheit zu verschaffen. Und erwartete mir ein Sündenbabel.
Gogo-Fliegen, die um eine mit Honig eingeschmierte Stange herumsurren.
Eine Sadomaso-Abteilung, wo eine strenge Fliege, die Domina, tabulos
lästig ist und ihren gefesselten Menschensklaven ausdauernd sekkiert.
Oder Nahrungsmittelpornografie (für Magenkranke, die nur zuschauen
dürfen): Da stolziert eine Fliege wahrscheinlich kokett auf einem üppigen
Törtchen herum und macht die Speicheldrüsen des Essvoyeurs scharf, der
weiß, dass eine Fliege sogar mit den Füßen schmecken kann und nicht nur
mit den Mundwerkzeugen. Und Animierfliegen lädt man auf sündhaft
überteuerte Marmeladenbrote ein, wo eines so viel kostet wie ein Barrel
Champagner.
Eine Peepshow gibt’ s sicher auch. Schamlose Schmeißfliegen turteln und
schäkern mit der „Rafflesia arnoldi“, einer verführerisch muffligen
Aasblume, die riecht und aussieht wie Fleisch, das sein Ablaufdatum zwei
Monate überschritten hat, und köpfeln energisch hinein, im Sturzflug, und
veranstalten eine wüste Bestäubungsorgie.
Sie sind nicht nur geil auf die 13.601 Gene
Genetiker, die die Nähe von Fruchtfliegen suchen, sind ja sowieso
Spanner. Und wären Kandidaten für den Club 69. Vor der Welt behaupten sie,
was diese ständig aufeinander herumkrabbelnden Versuchstiere attraktiv
mache, sei das unkomplizierte Erbmaterial und sie wären bloß hinter ihren
13.601 Genen her und nicht hinter ihrer regen Fortpflanzung. (Und die
Laborbiologen erst, die gewagte Paarungsexperimente mit denselben
Fruchtfliegen veranstalten und sie in ihren Laborgefäßen nicht nur zur
Monogamie oder zum Zölibat nötigen . . .)
Ach ja, und eine Honeymoonsuite hat der Club bestimmt auch. Wo der
„Bräutigam“ mit einer Fliege in einen engen Behälter gesteckt wird (der
der Atomisierungskammer aus dem Film „Die Fliege“ nachempfunden ist) und
wo sich der Insektophile der erregenden Vorstellung hingeben kann, sich
mit dem heißen Fliegengirl, das sein Haupt umschwirrt, genetisch zu
vereinen und später selber zur Fliege zu werden.
Denn was allein die Entomologen bislang erkannt haben (Personen, denen
die Insekten ihre biologischsten Geheimnisse anvertrauen): Als Jeff
Goldblum in seinem Teleporter in seine atomaren Bestandteile zerlegt wurde
und sich eine Fliege in die Kammer (und danach in sein Genom)
hineingeschummelt hat, war das eine Liebesszene. Was er daneben mit Geena
Davis unter der Bettdecke gemacht hat, dass die Daunen nur so geflogen
sind, war reine Ablenkung.
Vor dem Club 69 dann: die Enttäuschung.
Nicht weil die Tür chronisch verschlossen war. In der Auslage waren zwar
viele Fliegen, aber das Ganze Club-Outfit entpuppte sich als Rahmen (von
Eric Carstensen) für die Kettenanhänger von Andreas Zidek, die aussehen
wie überarbeitete Schattenrisse von Stubenfliegen. Sie sind ja nicht
unbedingt schlecht, aber sie können den Fantasien, die man ihretwegen hat,
nicht gerecht werden.
Und die Telefonnummer? Gehört zur Schmuckgalerie V & V (Bauernmarkt
19), die die Fliegen auch unter Vertrag hat. Und die bis 14. Jänner
außerdem für die, die das Jahr versäumt haben, die Schmuckhighlights noch
einmal hervorholt.
Galerie Feichtner: Den Zufall umbringen
Eigentlich stiftet Eva Wagner lauter Mischehen zwischen der figurativen
Kunst und der abstrakten. Die Menschen, die gewissenhaften Schraffuren und
Farbfelder treiben es aber sehr jugendfrei miteinander. Ohne große
Aufregung. Und immer wieder drängt sich ein imposanter, plakativ
erstarrter Farbfleck auf. Wie ein stubenreines Versatzstück aus jenen
kunstgeschichtlichen Tagen, als ein Patzer noch radikal war.
Die Spontaneität wird sukzessive ermordet. Das ist aber nicht so
schlimm. Die gut durchorganisierten Bilder sind ja noch nicht zu Tode
kalkuliert, auch wenn man sich nicht immer des Eindrucks erwehren kann,
hier würde einfach alles zwanghaft durchexerziert: von illusionistisch bis
reduziert. Doch die aufwändige Schichtenmalerei mit ihren sinnlichen
Transparenzen macht alles wieder gut.
Quer durch die Galerien
V & V Schaufenster
(Lindengasse 5)
Club 69. Andreas Zidek
und Eric Carstensen.
Bis Ende Jänner 2006
tägl. 0 bis 24 Uhr
Lukas Feichtner Galerie
(Seilerstätte 19)
Eva Wagner. en
passant.
Bis 14. Jänner 2006
Di. bis Fr. 10 bis 19 Uhr
Sa. 10
bis 16 Uhr
Freitag, 30. Dezember
2005