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Salzburger Nachrichten am 13. September 2006 - Bereich: Kultur
"Mich interessieren Täter" Um die Grenzen menschlicher Würde geht es in Franzobels Stück "Tabu, Tabu". Die Musik komponierte Olga Neuwirth. Premiere ist heute, Mittwoch, bei "OFFMozart". CLEMENS PANAGLSALZBURG (SN). "Das wäre d e r Theaterstoff", dachte der österreichische Autor Franzobel, als er bei seiner Rückkehr aus Italien vor wenigen Wochen die Schlagzeilen über die Flucht von Natascha Kampusch las. Sein eigenes, jüngstes Theaterstück über Menschenwürde und -unwürde und über die Grenzen menschlicher Beziehungen war da allerdings längst fertig. Das Salzburger Ensemble 3 hatte den Schriftsteller gebeten, sich mit den Thesen des Philosophen Giorgio Agamben über das "nackte Leben" auseinander zu setzen. Die Musik zu "Tabu, Tabu oder Abgründe der Liebe" schrieb Olga Neuwirth. Heute, Mittwoch, hat das Stück (Regie: Albert Promegger) beim Salzburger Festival "OFFMozart" in der Salzburger ARGEkultur Premiere. "Die Kernfrage des Stückes lautet eigentlich, was es bedeutet, Mensch zu sein", sagt der 38-jährige Autor im SN-Gespräch. "Das Thema hat das Ensemble 3 an mich herangetragen. Ich habe mich aber oft mit Menschen in Ausnahmesituationen beschäftigt. Man muss da in unserer Gegenwart ja nicht lang suchen, da gibt es Guantanamo, Abu Ghraib oder den Fall Kampusch, Geschichten, in denen Leben jenseits der Menschenwürde verläuft." Konkrete Bezüge zu aktuellen Nachrichtenthemen hat Franzobel in "Tabu, Tabu" nicht eingebaut. Aber auch ohne plakative Realitätsverweise kämen Szenen vor, "in denen es um die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren geht, um Kontrolle und Ausgeliefertsein." Bei allem thematischen Ernst: In der Ankündigung zu "Tabu, Tabu" wird für das Zusammenwirken von Franzobels Text und Neuwirths Musik eine "ungewöhnliche Mischung aus Witz, Unterhaltung, Kraft und Intellekt" in Aussicht gestellt. "Ich versuche, beim Schreiben einen gewissen Grundhumor hineinzubringen", sagt der Autor. "Meine Texte wollen unterhalten. Belehrung steht der Kunst immer im Weg." Seinen Text habe der Schriftsteller zunächst als "mit Musik unterlegtes Sprechstück mit Gesangseinlagen" konzipiert. Eine "lange Rapszene" gehöre auch dazu. Ob sich Franzobel, der im Vorjahr das Libretto zu der Operette "Der Siebte Himmel in Vierteln" (Musik: Max Nagl) geschrieben hat, eine intensivere Beschäftigung mit dem Musiktheater vorstellen kann? "Mich würde schon immer noch eine gattungsübergreifende Form interessieren, im Sinn eines Gesamtkunstwerkes, wo Theater, Musik und bildende Kunst stärker verschmelzen. Die Oper ist ja etwas unglaublich Stagnierendes. Es gibt kaum Versuche, elektronische Musik in die Oper zubringen oder sie abzulösen von dem Klangkörper, mit dem Mozart schon gearbeitet hat. Aber wenige Häuser lassen sich auf so was ein." Der Schreibdrang des Viel-Veröffentlichers ist unterdessen ungebrochen: "Ich muss mich eher abhalten vom Schreiben, damit ich einmal nichts zu Papier bringe." Noch bevor über Veröffentlichungen nachgedacht werde, sei "Schreiben eine Möglichkeit, das Chaos der Welt für mich zu ordnen". Als Essayist hat Franzobel in verschiedenen Medien jüngst auch über Natascha Kampusch geschrieben und über den potenziellen Täter, der in jedem Menschen steckt. "Mich interessiert immer die Geschichte des Täters. Jeder Täter ist auch einmal Opfer gewesen. Das rechtfertigt keine Tat, aber mich interessiert, wie jemand in so einen Zwang hineinkommt. Die Gesellschaft erträgt es nicht, dass der Täter auch ein Mensch ist. Da geht man sofort auf Distanz. Aber Österreich ist ja schon historisch ein Land der Täter. Der Gedanke, warum aus einem normalen Menschen ein KZ-Aufseher werden kann, fasziniert mich. Das steckt, glaube ich, in jedem potenziell drinnen, und man muss sich damit auseinander setzen. Und wenn eine Gesellschaft das verleugnet, macht sie einen Fehler. Als Künstler muss man das thematisieren.""Tabu, Tabu": Premiere heute, Mi., ARGEkultur (20 Uhr); Info: www.argekultur.at
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