„Ich will den Blick für Abfall öffnen“
Als die Malerin und Bildhauerin Silvia Bauer eines Tages auf einer Autobahnfahrt Reifenteile am Straßenrand sieht, fragt sie sich: Was passiert eigentlich mit diesem Schrott? „Abfall ist etwas, das niemand anschaut. Dafür den Blick zu öffnen, für etwas, das man sonst nicht sieht, das fasziniert mich“, sagt die gebürtige Wienerin. So fischt sie eines Tages auch einen alten Reifen aus der Ostsee, befreit ihn von angewachsenen Muscheln und macht daraus ein Kunstwerk, das heute in ihrer Brüsseler Terrassenwohnung zu bewundern ist.
Auch eine Art längliche Statue aus Karton zeigt sich der Besucherin gleich beim Eintritt im Vorraum. Man nähert sich respektvoll, in den Fingern zuckt es heftig. Silvia Bauer sagt lachend: „Kommen Sie nur, das dürfen Sie ruhig anfassen.“ Als sie vor einigen Jahren an der Akademie („Fine Arts“) in Brüssel das Material Karton entdeckt, „da ist die ganze Akademie zum Streicheln meiner Werke gekommen“, erzählt Bauer. Niemand vermochte zu glauben, dass „man aus so einem rebellischen, steifen und eckigen Material etwas Samtiges machen kann“.
Für ihre „recycelten“ Stücke ist sie bereits weithin berühmt, zwischen 600 und 3000 Euro muss man für eine echte Bauer hinblättern. Im Jahr 2000 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Brüssel für eine Kartonstatue, bei der Biennale „Parcours d’Artistes St. Gilles“ wurde sie 2006 zum Publikumsliebling gekürt, mit dem „Coups de Coeur“.
Bauers Künstlerkarriere verläuft aber keineswegs geradlinig. Als junge Frau absolviert sie die HAK, denn „mein Vater bestand zunächst auf einer bodenständigen Ausbildung, aber ich wollte immer künstlerisch arbeiten“. Als 19-Jährige heiratet sie einen Wiener Geschäftsmann und lebt mit ihm in Genf und ein Jahr lang in den USA nahe Chicago. Danach lebt das Paar in München, die gemeinsame Tochter wird geboren. Silvia Bauer malt und macht Keramik und hat bereits Erfolg.
Als sie 33 Jahre alt ist, zerbricht die Ehe. Bauer: „Ich musste für ein Einkommen sorgen, von meinem Mann wollte ich nichts annehmen, dazu war ich zu stolz.“ Silvia Bauer startet beruflich in Belgien durch – zunächst abseits der Kunst. Sie wird Expertin für elektronische Sicherheitssysteme und gründet eine eigene Firma für Videoüberwachung. Bauer: „Es war ein Wahnsinn, ich wollte nie eine Geschäftsfrau sein.“
Zwei Jahrzehnte lang ist sie erfolgreich, dann verkauft die alleinerziehende Mutter ihre Firmen und lebt endlich ihren Traum. Sie schreibt sich in der Akademie in Brüssel in den Kurs für Bildhauerei ein und macht 2005 ihr Diplom. Dank eines Professors, der viel für Innovation übrighat, entdeckt sie „ihr“ Material, den Karton, und wird damit berühmt. In Brüssel wollte die heute 67-Jährige zunächst nicht leben, hat die Stadt aber lieben gelernt. Bauer: „Brüssel wird nur schlecht vermarktet. Es gibt sehr viel Grün, auch Hügel. Es hat internationales Flair und ist doch klein. In Paris geht mir der Rummel auf Dauer auf die Nerven.“
Hat sie die frühe Ehe und das späte Verwirklichen ihres Traums je bereut? Die Künstlerin: „Nein, im Leben ist nichts ein Fehler. Ich bin immer gut gelandet. Einzig der Wiedereinstieg in die Kunstszene war schwierig. Die Wettbewerbe sind fast immer altersgekoppelt, um junge Talente zu fördern.“ Heute kann sich Silvia Bauer vor Einladungen und Zuspruch kaum retten. Im Herbst ist sie mit acht Künstlern an einem besonderen Projekt beteiligt: „In Luxemburg wird ein altes Industriegebiet abgerissen, der erste Ökopark soll dort entstehen. Jeder von uns wird drei Werke aus Abfällen des alten Gebäudes gestalten. Das wird total spannend.“











