28.01.2003 18:57
In Graz und um Graz herum
Fotos
von Hans-Peter Feldmann und das Verhältnis zur "EX": Zwei Ausstellungen
Graz - Dem eckigen Logo von Europas Kulturhauptstadt,
das unter anderem auf eckigen, grün-blauen Heißluftballons den Himmel definiert,
setzt man Blasen entgegen. Sie entweichen zur Decke am Bahnhof, thronen
inselhaft in der Mur und entsteigen dem künftigen Kunsthaus.
Diese
Bemühungen zur partiellen Vertuschung des rechten Winkels werden klar, wenn man
Hans-Peter Feldmanns Fotos unter die Lupe nimmt. 370 knallharte, in den Räumen
von Camera Austria auf mausgrauem Karton gereihte Schwarz-Weiß-Aufnahmen in
Postkartengröße, die die Wahrheit über Graz offenbaren. Graz ist auch nur ein
Vorort von Moskau, möchte man da meinen - schicke Prestige-Architektur, ade.
Statt Graz könnte auch Wels oder Klagenfurt stehen.
Die Bilder
offenbaren die Tristesse von leeren Fußgängerzonen, von völlig aus- tauschbaren
Peripherie-Kauf- märkten, von Abstandsgrün, Schilderwäldern und Parkzonen. Die
im Jänner und Juni 2002 entstandenen Fotos schoss der deutsche Fotograf quasi
nebenbei: "Ich bin eine Kamera mit weit geöffnetem Verschluss - ganz passiv,
nehme auf, denke nicht." Feldmann, der oft mit gefundenem Material arbeitet,
nahm das Zitat von Christoph Isherwood als Motto für sein
Künstlerbuch.
Zwei Versionen
Damit die Kirche
quasi im Dorf bleibt, wurde als Umschlagmotiv der österreichischen Ausgabe ein
Foto des Grazer Hauptplatzes samt Uhrturm gewählt. Die internationale Version
ist ein wenig "ehrlicher". Vielleicht sind diese Fotos auch erschütternde
Beweise für das jüngste Wahlergebnis. Bis 28. 2.
Angesichts
dieser Aufnahmen will so manch einer von Graz weg. EX Graz. Aus Graz - von
Graz aus versammelt im Kulturzentrum bei den Minoriten, im Priesterseminar
und in der Galerie CC eine Auswahl jener Künstler, die von Graz aus die
restliche Kunstwelt zu erobern trachten. Thematisch ist alles vorhanden, obwohl
sie, den kirchlichen Ausstellungsorten adäquat, ein wenig Richtung Religion und
Spirituelles gehen.
Lifestyle-Jesus
Es muss ja
nicht immer so plakativ sein wie Christoph Schmiedbergers kitschiges
Jesus-Gemälde Love me!, eine vorsichtige Pierre-&-Gilles-Paraphrase.
Mit den offenbar in seiner Lieblingsfarbe Pink getönten oder schwarz-weißen
Zeichnungen, von Fotos kopiert und ganz im Sinne der überhöhten
Lifestyle-Ästhetik, ist er äußerst modisch-schick. Und Punkt.
Diese Art
beherrschen Muntean/Rosenblum seit geraumer Zeit schon trendsettend gut und
souverän. Im anspielungsreichen 360-Grad-Video- loop geht Pathos mit Ironie
einher. Ein wahrlich "überlokaler Schritt", wie der Folder zur Ausstellung
bemerkt. Kin- disch-witzig kämpfen Gut und Böse bei G.R.A.M. gegeneinander: eine
Alien-Puppe, gefilmt im Clinch mit einer Plastik-Nonne. Herbert Friedl
hinterlässt gänzlich weiße Wände, das Kratzen daran setzt Duftstoffe frei.
Den wohl gemeinsten Beitrag liefert Gustav Troger mit dem Plakat
"Künstler helfen Künstlern", worauf steht: "Ich, Wolfgang Lorenz (Programmchef
von Graz 2003; Anm.), suche ab 2004 eine Galerie in Wien für meine Bilder. Bin
im Büro 2003." Bis 8. 2.
Die Maroni am Standl sind jedenfalls
konsequent rundlich. Verkauft werden sie in Stanitzeln mit dem Aufdruck "GRAZ",
in länglichen Vierecken gerahmt. Ob das mit Graz 2003 zu tun habe? Nix
wissen. (Doris Krumpl/DER STANDARD, Printausgabe, 29.01.2003)