Quer durch Galerien
Die Privatsphäre der Gabelroller
Von Claudia Aigner Privatsphäre ist das, wofür man jeden Monat
brav Miete zahlt (in der kapitalistischen Konsumgesellschaft jedenfalls,
wo es ja nichts gratis gibt und wo die Luft zum Atmen schon wieder um 30
Cent pro Packung teurer wird, zumindest für jene Personen, die "aktiv"
atmen, also die Raucher). Beziehungsweise trifft man die Privatsphäre
überall dort an, wo das Publikum gegen Null tendiert. Fische im Aquarium
besitzen folglich sehr wenig davon. Weil ein Aquarium keinen Vorhang hat,
den die Fische zuziehen könnten.
Ein Aquarium ist schließlich dazu da, die Schaulust
jener Leute zu befriedigen, die sich daran ergötzen, dem rohen Fisch beim
Schwimmen zuzusehen, nämlich dem Sushi, das sich noch aus eigenem Antrieb
fortbewegt, quasi dem "swimming sushi". Denen kommt es natürlich entgegen,
dass Glas durchsichtig ist (im Idealfall so durchsichtig und streifenfrei
wie Luft). Die Durchsichtigkeit des Glases ist vermutlich auch der
Grund, weshalb die allerprivatesten Räumlichkeiten der Menschheit meist
gleich gar keine Fenster haben: die Umkleidekabinen und jenes Örtchen, das
die Sitzgelegenheit beherbergt, die im Jargon der Charmeure "meuble
odorant" heißt (duftendes Möbel). Wir alle haben unsere Intimsphäre so
nötig, dass wir sogar, wenn wir vor die Tür gehen, immer eine Notration
davon dabeihaben: unsere Handtaschen zum Beispiel. Ohne Handtaschen, in
denen wir Heimlichkeiten vor der Welt haben können, werden wir irgendwann
neurotisch. Aquariumsfische aber können vor ihren Herrln und Frauerln
praktisch nichts verbergen wegen dem vielen Glas um sie herum. Aber gut,
Rollmöpse in ihrem Essigaquarium (im Glas), die das Schwimmen schon hinter
sich haben, haben noch weniger Geheimnisse vor den Menschen, müssen sogar
noch ihr grätenfreies Innerstes preisgeben (da können sie sich noch so eng
einrollen). Die Teufelsroller haben es besser, die können sich wenigstens
notdürftig in ihre trübe, rote Soße hineinducken oder "-tunken". Und
eigentlich geht es hier gar nicht wirklich um Fische (die kommen gar nicht
vor). Sondern ums Drinnen und Draußen, um den persönlichen Bereich und den
öffentlichen, um "Diese Welt und andere" (Ausstellungstitel). Und "diese
Welt" (oder eine von den andern) deponiert Jutta Strohmaier (bis 14.
Jänner bei Hohenlohe & Kalb, Bäckerstraße 3) eben zwischendurch gern
in (fischfreien) Aquarien.
Hohenlohe & Kalb: Die Sonne
spart keine Energie
Beispielsweise Rosen gibt Jutta Strohmaier
dort hinein. Und stellt das Ganze dann raus in die Botanik, die durch die
Glasscheiben und das Wasser durchlugt und wo die Schnittblumen (die
immerhin empfindliche "Wohnungsblumen" und keine wilden Feldblumen sind)
im Moment bloß auf Besuch und nicht daheim sind. Doch prallen in
Strohmaiers Foto Häuslichkeit und Natur dezent aufeinander, wie ihre
Arbeiten ja überhaupt subtil sind und von der diskreten, fast lyrischen
Geste - gut - leben (etwa wenn in eine Landschaft eine transparente
Plastikfolie zart pittoresk hineindrapiert wird). Sie hätte ja auch
ein peinlich plakatives, geradezu programmatisches Bild machen können und
demonstrativ eine mickrige Blumenvase mit einem der Vegetation
entfremdeten, exotisch hochgezüchteten Blumenstrauß in einer gewaltigen
Blumenwiese platzieren. So wie man eine lästig gewordene Topfpflanze am
Straßenrand aussetzt, weil man auf Urlaub fährt. Oder als hätte ein
Blumenfreund aus fehlgeleitetem Mitleid die domestizierte Flora vom
Wohnzimmertisch freigelassen wie Willy, den Killerwal. Das Kernstück
der Schau ist freilich das eindringlich simple, überwältigend einfache
Video "Passenger". Ein puristischer, ziemlich unpersönlicher Wohnraum in
Wien (ohne Teppich oder Möbel, nicht einmal mit Tapeten) lässt im
Zeitraffer einen Tag und eine Nacht über sich ergehen, immer wieder. Ganz
passiv und stoisch. Auch in der Nacht drückt er nicht auf den
Lichtschalter. Zu Mittag ist er autistisch und sieht nicht nach draußen.
Weil er, wegen der Überbelichtung, von jenem Licht, das tagaktiv ist (das
Tageslicht), bis hin zur Selbstauslöschung geblendet wird. Die Materie
löst sich völlig in Licht auf, der Tiefenraum in eine strahlend weiße
Fläche. Und in der Nacht glost die Außenwelt nur vor sich hin (wegen der
vergleichsweise schwachen Straßenbeleuchtung). Die wechselnden
Lichtverhältnisse entscheiden, wie weit das Draußen einen "behelligt".
Drum sind auch keine Vorhänge da, die ja dieselbe Funktion wie die
Augenlider haben: den Sichtschutz. Wenn man die Augen oder Vorhänge
zumacht, zieht man sich komplett ins Privatleben zurück.
Galerie Senn: Die Wanderzüge der Lemminge
Der
Ausstellungstitel ("Fellatio") verspricht zum Glück mehr, als dann
tatsächlich zu sehen ist (bis 10. Jänner in der Galerie Senn,
Schleifmühlgasse 1). Denn Bernhard Fruehwirth wandelt sehr diskret durch
die Natur. Die Fotos, die er von seiner Expedition in die verwunschensten
Tiefen des Pariser Bois de Boulogne mitgebracht hat und denen er auch noch
die irrealen, abgehobenen Farben des Filmnegativs gelassen hat, sind
voller mysteriöser Tücher und Plastikplanen inmitten der dichten
Vegetation. Und machen neugieriger als jedes Adventskalenderfenster, denn
da weiß man ja, dass sich Schokolade, die Vorfreude auf Karies, dahinter
verbirgt. Aber hier, im verwilderten Park, im Rückzugsgebiet des
Urwüchsigen mitten in der Zivilisation: Geheime Waldmysterien?
Kulthandlungen der Grünen? Wo Initianten in die Ökologie eingeführt
werden? Leider nicht. Die ernüchternd diesseitige Erklärung: Es sind
Arbeitsplätze von Prostituierten, improvisierte Separees. Weil sich die
Kunden mehr Diskretion erwarten, als sich selber schwarze Zensurbalken
über die Augen zu kleben. Dann kann der Galeriebesucher selbst Voyeur
sein und durch Gucklöcher in einer großen hermetischen Holzkiste einen
Film sehen über diese Völkerwanderung der männlichen Bevölkerung von
Paris, also die nicht enden wollende Rushhour im Wald. Ein Massenphänomen
wie die Wanderzüge der Lemminge. Die suchen ja auch keine Schwammerln.
Irgendwie tragikomisch. Weil die Landschaft in der Kunst immerhin der
klassische Ort für unbeschwerte heidnische Bacchanale ist.
Erschienen am: 07.01.2005 |
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