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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
11. April 2006
19:11 MESZ
Von
Michael Heinzel

Bis 28. Mai 

Foto: APA/Keystone
Gelitins Abenteuerspielplatz: der "Schlammsaal" mit den Installationen "Hinterm Nabel", "dünner Darm", "Mutter aller Elefanten", dritter Stock, Bregenzer Kunsthauses.

Gelitin: Die Provokationskünstler
Die offenherzige Wiener Boygroup des Kunstbetriebs bespielt nun Bregenz mit Schlamm, Sperrmüll und Schwulenpornos

Gelitin, bisher besser bekannt als Gelatin, schöpft wieder aus dem Vollen: Die ziemlich offenherzige Wiener Boygroup bespielt das Kunsthaus Bregenz mit Schlamm, Sperrmüll und Schwulenpornos.


Bregenz – Eckhart Schneider, der Direktor des Bregenzer Kunsthauses, hatte es bei der Pressekonferenz schwer, die Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich zu ziehen. Denn was da zog, war eher die Performance von Gelitin (vormals Gelatin), die den sonst so formellen Anlass in ein heiteres Happening verwandelte:

Hinter Schneiders Rücken sorgte eine bunte Schar von rund 20 Leuten (die Mitglieder der Gruppe und "freie Radikale") für Unruhe und Augenweide. Alle waren verkleidet oder nackt, an einem Penis baumelte ein Turnschuh, es trippelten hoch gewachsene Mannsbilder auf Stilettos, einige maskierten sich mit ausgehöhlten Plüschtieren oder kleideten sich in Plastiktüten. Die Künstler sorgten für die entsprechende Geräuschkulisse, man hielt Kinder auf dem Arm, der eine nahm den anderen huckepack.

Nur so weit drang Schneider durch dieses inszenierte Chaos: Die aktuelle Ausstellung Chinese Synthese Leberkäse ist die zeitaufwändigste, die je in diesem Gebäude veranstaltet wurde. Drei Wochen lang zimmerten Gelitin und Freunde an verwegen-dilettantischen Konstruktionen aus Recyclingmaterialien. Der Werkhof Bregenz hatte den ungewöhnlichen Auftrag erhalten, einige Ladungen Abfallhölzer, Spanplatten, Teppich- und Möbelreste etc. ins Kunsthaus zu karren.

Der "Kacksaal"

Im Erdgeschoß des Hauses etwa, das üblicherweise als Ort der distinguierten Kunstvermittlung dient, wurde damit eine Toilettehäuschen- Konstruktion auf Stelzen gebaut. Schaut sehr provisorisch aus, angeblich bestand es eine technische Überprüfung, aber es funktioniert: Wasserspülung, Abflussrohr, Türschloss – alles ist da. Zusätzlich ermöglicht eine Spiegelvorrichtung den Blick auf das rückseitige Geschehen. Eine Installation mit durchaus olfaktorischen Qualitäten, die so ähnlich schon mehrfach zu sehen war, zuletzt Mitte Oktober 2005 in London während der Frieze Art Fair: In der Gagosian Gallery hatte Gelitin aus Sperrmüll eine knöcheltief unter Wasser gesetzte "Wellnessoase" samt Saunakabinen und eben der Selbstbespiegelungstoilette errichtet.

Auch im zweiten Stock riecht es nicht gut, das liegt allerdings an den milbenkontaminierten Spannteppichen, die hier kubikmeterweise verbaut wurden. In bewährter Wackelkonstruktion sind drei labyrinthisch angelegte Kinosäle samt Billettschalter und Drehkreuz entstanden, in denen jeweils derselbe Brutalo-Schwulenpornofilm spielt. Dieses auch für Abgebrühte heftige Teil wurde blicksicher nach außen abgedichtet, am Schalter sitzt eine Aufsichtsperson, damit sich ja keine Kinder hineinverirren. Wer jetzt loszetert, sollte sich bewusst machen, dass solche Filme im Internet für jedermann zugänglich sind.

Provokation gehört zu Gelitin eben dazu: In Salzburg übte SP-Bürgermeister Heinz Schaden 2003 Zensur, weil er den Arc de Triomphe für nicht zumutbar hielt. Der sich selbst in den Mund pissende Mann aus Plastilin wurde kurzerhand "eingehaust" ...

Dagegen ist die Installation im Dachgeschoß des Kunsthauses garantiert jugendfrei. Mit 40 Tonnen Moorerde und Wasser wurde ein 300 Quadratmeter großes Becken gut 20 Zentimeter hoch mit Schlamm befüllt. Im Gegensatz zur Biennale Venedig (das Schlammfeld hinter dem Österreich-Pavillon konnte über Holzbohlen überwunden werden) ist das Betreten nur mit nackten Füßen oder ganz nackt erlaubt. Ein wunderbarer Spaß! Eine Duschkabine und ein Umkleideraum sind übrigens vorhanden, wenn auch bei diesen Konstruktionen die rechten Winkel und Intimsphären rar sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.4.2006)


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