Ein sensibler Berserker

Über das wahre Ausmaß der Arbeiten von Alfred Hrdlicka wagen selbst Kenner seines Werks nicht einmal geschätzte Zahlen abzugeben.


Alfred Hrdlicka ist eine Ausstellung gewidmet, die das Kunsthistorische Museum gemeinsam mit der Galerie Hilger vom 15. Jänner bis 28. Februar im Palais Harrach präsentiert.

Die Exponate, der von Peter Baum kuratierten Schau, stammen aus österreichischen Privatsammlungen, allen voran aus der Sammlung Hilger selbst. Sie kommen aber auch von Peter Infeld, Heinrich Keller oder Hannes Androsch.

Keine Retrospektive

Selbstporträt, 1990
Selbstporträt, 1990

Den Anspruch einer Retrospektive will diese etwas andere Hrdlicka-Schau nicht einlösen. Peter Baum hat mit seiner Auswahl von rund 120 Werken - aus rund 450 zur Verfügung stehenden Arbeiten - bewusst nicht auf Breiten- , sondern auf Tiefenwirkung gesetzt. Und er hat darauf verzichtet, die Prunksäle des Palais Harrach voll zu pflastern.

Da kann es schon vorkommen, dass nur zwei Skulpturen in einem Saal aufgestellt wurden, bei Verzicht auf Hängung an den Wänden. So haben zum Beispiel die beiden Figuren der "Boxer" auch genügend Raum haben, um voll zu "explodieren". Das Bersten in den Arbeiten des sensiblen Berserkers Hrdlicka konnte der Kurator mit seiner rigiden Sparsamkeit voll betonen.

"Titan der bildenden Kunst"

Einen "Titan der bildenden Kunst, der die orthodoxen Disziplinen perfekt beherrscht" nannte Baum am Montag den 73-jährigen Künstler, dem es sein Gesundheitszustand nicht erlaubt hat, selbst zur Medienpräsentation der Schau zu kommen. Mit seinem "expressionistischen Universalismus" sei Hrdlicka ein "Unikat in der europäischen Kunstszene", das er - so bekannte Baum - , lange nicht entsprechend wahrgenommen und geschätzt habe.

Alfred Hrdlicka, der bei Fritz Wotruba an der Akademie der bildenden Künste Bildhauerei und bei Albert Paris Gütersloh Malerei studierte, hat von Beginn an Gegenposition zur abstrakten Kunst bezogen. Er blieb stets der Figur verbunden und war "nie ein wendiger, trendorientierter Künstler", so Baum.

Wiederbegegnung mit Zyklen

Die Ausstellung im Palais Harrach bringt eine Wiederbegegnung mit den großen Themen des zyklisch arbeitenden Künstlers: seinen Zeichnungen und Radierungen zur französischen Revolution, den Arbeiten zu Pasolini sowie den Schubert-Zyklus. Die auf 1.300 Quadratmetern vergleichsweise schmale Auswahl aus einem gewaltigen Oeuvre, führt fast wie mit einem Paukenschlag einen großen Meister der "orthodoxen" Künste der Bildhauerei und der Zeichnung vor Augen.

Über Koketterie erhaben

Hrdlicka ist ein Zeichner (und Radierer), der die Technik so souverän beherrscht, dass er über jedes Kokettieren mit der eigenen Virtuosität erhaben ist. Der Rundgang durch die Schau ist einer durch die Passion des verletzten, gequälten, verfolgten Menschen, des malträtierten Fleisches. Daher verwundert es nicht weiter, dass der bekennende Kommunist Hrdlicka eine der packendsten Kreuzigungs-Darstellungen des 20. Jahrhunderts in Stein geschlagen hat. Von seinen Skulptur-Arbeiten werden überwiegend Bronzegüsse präsentiert.

Streitbarer Linker

Als "Realist" dürfte Hrdlicka ganzen Zeitgeist-Generationen nicht auf der Höhe desselben gestanden haben. Auch wenn der Künstler seit den 60er Jahren bei jeder internationalen Grafikbiennale Preise eingeheimst hat. Als streitbarer Linker, urwienerischer Diskutant - bei Talkshows gleichermaßen gesucht wie gefürchtet - stellt er in seiner Heimat einen nur noch mit Thomas Bernhard vergleichbaren Paradefall von Hassliebe dar.

Tipp

"Alfred Hrdlicka. Eine Sammlung kuratiert von Peter Baum", Ausstellung des Kunsthistorischen Museums mit der Galerie Hilger, Palais Harrach, vom 15. Jänner bis 28. Februar.

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