28.01.2003 18:55
Der Kunstbetrachter: Fluch oder Segen?
Die 50. Kunstbiennale von Venedig soll übersichtlicher werden
Direktor Francesco Bonami hat ein internationales
Kuratorenteam bestellt, sein Generalthema - "Dreams and Conflicts. The Viewer's
Dictatorship" - mit Künstlern zu besetzen.
Venedig - Als "exhibition of exhibitions" will Frances- co Bonami, Direktor der
50. Kunstbiennale von Venedig, verstanden wissen, was vom 15. Juni an die
Kunstwelt und deren Bewunderer in die Giardini und ins Arsenale, sowie an
Dutzende über die ganze Stadt verstreute Ausstellungsorte - darunter das Museo
Correr mit Malerei von "Rauschenberg bis Murakami"- locken soll.
Anders
als sein Vorgänger Harald Szeemann, der versucht hat, die unendlichen Flächen im
kuratorischen Alleingang mit Kunst zu bestücken, und damit für babylonische
Verwirrung sorgte, arbeitet Bonami im Team. Und das, obwohl sein Generalthema
"Dreams and Conflicts - The Viewers's Dictatorship" im Vergleich zu Szeemanns
"Plateau der Menschheit" schlicht, gar fassbar erscheint.
Sein Leitsystem
durch eine Biennale, die selbstverständlich die ganze Welt repräsentieren will -
"like an archipelago" -, sich aber nicht politischer Kunst, sondern vielmehr den
"politics of art" widmen will, erstellen namhafte Kuratoren.
Acht
thematisch gesonderte Sektionen sollen das Arsenale strukturieren: Die Zone
of Urgency, um die sich der in Paris lebende chinesische Kurator Hou Hanrou
kümmern wird; Individual Systems, betreut vom Slowenen Igor Zabel
(Koordinator der Manifesta 3); The structure of Survival, gestaltet von
Documenta-11-Ko-kurator Carlos Basualdo; die Utopia Station, um die sich
Molly Nesbitt (Department of Art am Vassar College, Staat New York), der rasende
Kurator Hans Ulrich Obrist und die argentinische Künstlerin Rirkrit Tiravanija
kümmern werden.
Der Abteilung Conflict steht Documenta-10-Leiterin
Catherine David vor; The Everyday Altered selektiert der Weltkünstler
Gabriel Orozco; um die Clandestines ("die Heimlichen") kümmert sich
Bonami selbst; Fault Lines gehen Gilane Tawardos und das Forum Africa
Contemporary Art nach.
In den Giardini ergänzen ein noch unbestimmtes
Projekt der Gruppe A12 und die Schau Delays and Revoluti- ons im
italienischen Pavillon (Francesco Bonami mit Daniel Birnbaum, Direktor der
Frankfurter Städelschule) die Länderpräsentationen. Die wenigen bekannten
Ländernominierungen bisher: Fred Wilson (USA), Chris Ofili (England), Jean Marc
Bustamente (Frankreich), Michal Rovner (Israel), Olafur Eliasson (Island),
Michael Stevenson ( Neuseeland) und Bruno Gironcoli (Österreich).
Sein
Versprechen, einen nationalen Pavillon für Palästinenser einzurichten, konnte
Francesco Bonami nach internationalen Protesten nicht einlösen; einen
thematischen Palästina-Fokus soll es aber geben. Und: im Vergleich zur Kasseler
Dokumenta weniger Videos, und die dafür kürzer. (Markus Mittringer/DER STANDARD,
Printausgabe, 29.01.2003)