Elfriede Jelinek schreibt seit langem keine Theaterstücke im konventionellen Sinn. Auch das jüngste, "Über Tiere", am Freitag im Kasino am Schwarzenbergplatz uraufgeführt, besteht aus einem fortlaufenden Textgewebe, mit dem Regisseur Ruedi Häusermann zurechtkommen musste.
Der Schweizer Häusermann ist zugleich Komponist, er suchte den Zugang von der musikalischen Seite und nahm sich zwölf Musiker und Musikerinnen zu Hilfe, die vor ebenso vielen Pianinos sitzen. Zunächst sind sie seitlich von der leeren Bühne postiert und erwecken den Eindruck einer Klavierklasse, die unter extremer Platznot leidet. Später rollen sie ihre Instrumente dann auf die Bühne und scharen sich dort zusammen. Sie improvisieren nicht etwa frei vor sich hin, vielmehr hatte ihnen Häusermann eine klare Aufgabe in Form einer Partitur gestellt. Der Komponist spricht von einer "musikalischen Durchquerung". Sie basiert auf Mozarts Fantasie d-moll, KV 397.
Für den Text selbst ist Sylvie Rohrer zuständig. Ihr Stuhl steht auf einem kleinen Podium. Hier fängt sie vorerst unverständlich und dann immer deutlicher zu sprechen an.
Zwei Abschnitte lassen sich in dem Redefluss unterscheiden. Im ersten reflektiert die Sprecherin über das Verhalten einer Frau in einer Beziehung. Es ist eine Frau voller Sehnsüchte und Abwehrängste. Einerseits liebäugelt sie mit der Selbstaufgabe, andrerseits schreckt sie vor der Aussicht, abhängig, fremdbestimmt und zum reinen Objekt zu werden, zurück.
Der zweite Teil - mit dem ersten nur geringfügig verwoben - basiert auf Protokollen von Telefonaten des Chefs eines Wiener "Begleitservices" und seinen Kunden. Die authentischen Texte waren 2005 in der Wiener Stadtzeitung "Falter" abgedruckt und erwiesen sich als erschütternde Dokumente übelster Frauenverachtung.
Für Elfriede Jelinek stellten die Protokolle, wie sie in einem Interview sagte, attraktives Material dar. Tatsächlich gestaltete sie, indem sie ständig zitiert und bestimmte Passagen wiederholt, ein höchst kunstvolles, durchgehend raffiniert rhythmisiertes Textgebilde. An der Qualität des Kunstprodukts besteht kein Zweifel. Es ist dicht und entwickelt einen eigenartigen Sog. Das liegt auch an der bravourösen Art, mit der Sylvie Rohrer ihren Part löst.
Bleibt nur die Frage, ob dem Fall, der einen Blick in gesellschaftliche Abgründe freigibt, dadurch, dass er auf die Ebene der Kunst gehoben wird, nicht eine befremdliche "Ehre" und damit Verharmlosung zuteil wird. THUS






