vergrößern 600x498Die Hohlform eines Einfamilienhauses als kaum kenntliches Ideal einer sicheren Behausung, vorerst nur bewohnt von Hühnern - von Petrit Halilaj im Erdgeschoß der KunstWerke errichtet.
Titel: "was draußen wartet".
Das erste Urteil über die 6. Berlin Biennale wurde schon am Morgen vor der Eröffnung gesprochen. "Gentrifiziererin", stand in dicken Lettern auf Plakaten, auf denen die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg abgebildet war. Sie hatte sich für ein leerstehendes Gebäude in zentraler Kreuzberger Lage als Schauraum entschieden und so die Proteste hervorgerufen. Auf vergleichbare Weise wurde früher nach Terroristen gefahndet. Die Leute, die für diese Plakate verantwortlich sind, werden wissen, dass man ihre Aktion als künstlerische Intervention wie auch als politischen Angriff sehen kann.
Der Vorwurf, dass hier eine große Ausstellung den reichen Leuten den Weg in die interessanten Viertel von Berlin bahnt, konnte erst am Donnerstag durch die Inhalte entkräftet werden. In gewisser Weise ist das auch gar nicht möglich, denn nicht die Kunstwerke sind das Problem. Es ist der Betrieb, der den Künstlern und ihrer Produktion hinterherwandert, mit Galerien, Partys und später Lofts und Feinschmeckerbars. Mit diesem Betrieb wird die "Gentrifiziererin" polemisch assoziiert.
Zwei Jahre hatte Kathrin Rhomberg Zeit, sich auf die Berliner Situation einzustellen. Man sieht ihrer Ausstellung deutlich das Bemühen an, in keine der Fallen zu tappen, in die eine reisende Kuratorin gehen kann: Weder biedert sich diese Biennale - Titel: was draußen wartet - an Berlin an, noch sucht sie ständig nach Distanzierungsgesten. Es ist eine gelassene Schau, die zwischen Mitte und Kreuzberg auch eine historische Verbindungslinie zieht: denn die KunstWerke, seit 2000 der angestammte Ort der Berlin Biennale, waren auch einmal ein leerstehendes Gebäude, bevor sie zum bekanntesten zeitgenössischen Ausstellungshaus der Stadt wurden.
Verweilen im Kobel
Dieses Mal sind die KunstWerke nur eine Art Prolog, wenn auch ein starker: Der aus dem Kosovo stammende Petrit Halilaj baute in das Erdgeschoß die Hohlform eines Einfamilienhauses, von dem nur die Holzverschalungen zu sehen sind. In diesem kaum kenntlichen Ideal einer sicheren Behausung tummeln sich vorläufig nur ein paar Hühner, die Auslauf in den Garten hinter der ehemaligen Margarinefabrik haben. Halilaj führt das Prinzip der "Zwischennutzung", mit dem das Gentrifizieren in der Regel beginnt, bis an seine Grenzen - zwei seiner Zeichnungen sind hinter einem Holzverschlag kaum zu sehen.
Wer dann nach Kreuzberg fährt, könnte die erste Arbeit im dem Gebäude im Oranienplatz 17 beinahe übersehen: Roman Ondák hat im Erdgeschoß eine riesige Garderobe aufgebaut, die Taschen und Mäntel für zwei Staatsopernvorstellungen aufnehmen könnte. "Zone" heißt diese Arbeit, sie verweist nicht zuletzt darauf, dass in modernen Museen nur noch eine Art gläserner Besucher Zutritt hat, der alles abgegeben hat, was nicht auf dem Leib getragen wird. Hier hingegen ist alles anders, durch dieses Haus kann jeder so gehen, wie er oder sie möchte, selbst das Fotografieren ist nicht verboten.
Zahlreiche filmische Arbeiten erfordern auch bei dieser Ausstellung, die doch nach draußen möchte, ein langes Verweilen in Kobeln und Boxen. Marie Voigniers von der Biennale mitproduziertes Video "Hearing the Shape of a Drum" ist am Rande des Fritzl-Prozesses in Amstetten entstanden und zeigt auf eine sehr entrückte Weise, wie es im Mittelpunkt des globalen Medieninteresses aussieht. Das kann man durchaus leitmotivisch sehen.
Auf eine vertrackte Weise findet auch diese Biennale häufig zu ihrem Titelmotto zurück, indem sie Arbeiten versammelt, in denen das Außen nach innen gestülpt wird und umgekehrt - der umstrittene Stadtraum von Berlin fehlt in den Arbeiten nahezu vollständig, weil er eben tatsächlich das "Draußen" ist, dem gegenüber die 6. Berlin Biennale eine angemessen dünne Haut zeigt. (Bert Rebhandl aus Berlin / DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2010)
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