| Krieg verarbeiten | |
|
Bosnische Flüchtlingsfrauen nähen unter Anleitung der Vorarlberger
Künstlerin Lucia Feinig-Giesinger Patchwork-
|
Sie wurden in der Seele zutieftst verletzt. Viele von ihnen haben alles
verloren: ihre Kinder, ihren Mann, ihre Eltern, Geschwister, ihre Freunde.
Frauen aus Bosnien. Im Jahr 1992 fanden viele auch in der Nenzinger
Kaserne Galina in Vorarlberg Unterkunft und ein gewisses Maß an
Sicherheit. Um ihnen in ihrer Verzweiflung zu helfen und auch um ihre
seelische und materielle Not zu lindern, wurde ein Kunstprojekt initiiert:
Die Bosna Quilt-Werkstatt.
Auf der Grundlage einer von nordamerikanischen Farmerfrauen und
Pionierinnen entwickelten Tradition, Patchwork-Decken herzustellen, wurde
in der Galina etwas ganz Besonderes entwickelt: Unter der Anleitung der
Künstlerin Lucia Feinig, die sich um die Farbkombination der
Viskose-Stoffe kümmert, nähen bosnische Frauen seit Herbst 1998 in
Gorazde, Bosnien, nach ihren Entwürfen die textilen Kunstwerke. Gefällt es dir?
"Ich wollte etwas machen, das den Frauen, aber auch mir gefällt",
erinnert sich Lucia Feinig an die Anfänge des Projekts in der Garage der
Kaserne. "Gefällt es dir?" war dann auch der erste Satz, den die
Künstlerin auf bosnisch gelernt hat. Nach wie vor versucht sie dem
individuellen Farbgeschmack ihrer Mitarbeiterinnen der Werkstatt - "meine
Frauen", wie sie noch immer sagt - entgegen zu kommen, wenn sie in ihrem
Altacher Atelier die Längs- und Flächenentwürfe der Quilts zusammenstellt.
Diese werden dann von einem Chauffeur zusammen mit den Stoffen nach
Gorazde gebracht, wo die kreative Arbeit der Näherinnen beginnt. Mevlida?
Eine der ehemaligen Näherinnen ist heute Leiterin eines
Asylbewerberheims für BosnierInnen und KosovarInnen in Feldkirch-Gisingen:
Mevlida. Sie sei am Anfang des Projekts ganz schüchtern in der Ecke
gestanden und hätte sich das Nähen nicht zugetraut, erzählt Lucia Feinig.
Schließlich habe sie dann doch mitgemacht und über 50 (der schönsten)
Quilts genäht. "Für uns Flüchtlinge war das Projekt enorm wichtig. Es
stellte eine sinnvolle Aufgabe dar, auch eine Möglichkeit zum
Geld-Verdienen. Sonst saßen wir ja nur im Heim oder im Park herum und
haben uns wahnsinnige Sorgen um unsere Angehörigen daheim gemacht." Stiche und Chaos im Kopf?
Die Art der Versteppung der Quilts spiegelt den jeweiligen
Gemütszustand der Frauen in der Kaserne wider. "An den Mustern erkennt man
das damalige Chaos der Frauen im Kopf", drückt es Mevlida aus, "es hat
einfach mit der schrecklichen Zeit in Bosnien zu tun." Für Lucia Feinig
hat allein die Beschäftigung mit Farben schon einen therapeutischen
Effekt. "Die Stich-für-Stich-Arbeit ist dann sicher auch eine Verarbeitung
der erlebten Traumata, weil die Frauen ja viele Stiche über sich ergehen
lassen mussten." Frauenmuseum Im ersten und einzigen Frauenmuseum Österreichs, in Hittisau im
Bregenzer Wald, ist noch bis 4. März eine ausgewählte Kollektion an Bosna
Quilts zu bewundern. Diese Schau passt haargenau in das selbstgestellte
Aufgaben-Konzept des architektonisch sehr anspruchsvollen "Gynotops" -
nämlich die Welt (Vergangenheit und Gegenwart) aus Frauensicht
darzustellen, die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer natürlichen und
gesellschaftlichen Umwelt, und die daraus entwickelte (frauenspezifische)
Kultur. Ergänzt wird die Ausstellung durch Bilder des Fotografen Nikolaus
Walter und Momentaufnahmen aus Gorazde von Ulrike Jessel. Außerdem ist im
Böhlau-Verlag
ein aufwendig gestalteter Bildband zur Bosna-Quilt-Werkstatt
erschienen. Tipp: Die 1. Europäische Quilt-Triennale wird am 20. Februar im Textilmuseum St. Gallen
eröffnet. Gezeigt werden rund 50 Arbeiten aus 14 Ländern, die einen
innovativen Umgang mit dem traditionellen Thema Patchwork/Quilt
zeigen.
"Vernähte Zeit", Willibald Feinig, Nikolaus Walter, Verlag Böhlau, ATS
715,- / Euro 50,10, ISBN 3025991621. | ||||||||||||