Krieg verarbeiten

Bosnische Flüchtlingsfrauen nähen unter Anleitung der Vorarlberger Künstlerin Lucia Feinig-Giesinger Patchwork-
Kunstwerke, die Bosna Quilts.
Von Thomas Haunschmid


Sie wurden in der Seele zutieftst verletzt. Viele von ihnen haben alles verloren: ihre Kinder, ihren Mann, ihre Eltern, Geschwister, ihre Freunde. Frauen aus Bosnien. Im Jahr 1992 fanden viele auch in der Nenzinger Kaserne Galina in Vorarlberg Unterkunft und ein gewisses Maß an Sicherheit. Um ihnen in ihrer Verzweiflung zu helfen und auch um ihre seelische und materielle Not zu lindern, wurde ein Kunstprojekt initiiert: Die Bosna Quilt-Werkstatt.

Sabina Dolo
Sabina Dolo

Auf der Grundlage einer von nordamerikanischen Farmerfrauen und Pionierinnen entwickelten Tradition, Patchwork-Decken herzustellen, wurde in der Galina etwas ganz Besonderes entwickelt: Unter der Anleitung der Künstlerin Lucia Feinig, die sich um die Farbkombination der Viskose-Stoffe kümmert, nähen bosnische Frauen seit Herbst 1998 in Gorazde, Bosnien, nach ihren Entwürfen die textilen Kunstwerke.

Gefällt es dir?

"Ich wollte etwas machen, das den Frauen, aber auch mir gefällt", erinnert sich Lucia Feinig an die Anfänge des Projekts in der Garage der Kaserne. "Gefällt es dir?" war dann auch der erste Satz, den die Künstlerin auf bosnisch gelernt hat. Nach wie vor versucht sie dem individuellen Farbgeschmack ihrer Mitarbeiterinnen der Werkstatt - "meine Frauen", wie sie noch immer sagt - entgegen zu kommen, wenn sie in ihrem Altacher Atelier die Längs- und Flächenentwürfe der Quilts zusammenstellt. Diese werden dann von einem Chauffeur zusammen mit den Stoffen nach Gorazde gebracht, wo die kreative Arbeit der Näherinnen beginnt.

Mevlida?

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Eine der ehemaligen Näherinnen ist heute Leiterin eines Asylbewerberheims für BosnierInnen und KosovarInnen in Feldkirch-Gisingen: Mevlida. Sie sei am Anfang des Projekts ganz schüchtern in der Ecke gestanden und hätte sich das Nähen nicht zugetraut, erzählt Lucia Feinig. Schließlich habe sie dann doch mitgemacht und über 50 (der schönsten) Quilts genäht. "Für uns Flüchtlinge war das Projekt enorm wichtig. Es stellte eine sinnvolle Aufgabe dar, auch eine Möglichkeit zum Geld-Verdienen. Sonst saßen wir ja nur im Heim oder im Park herum und haben uns wahnsinnige Sorgen um unsere Angehörigen daheim gemacht."

Stiche und Chaos im Kopf?

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Die Art der Versteppung der Quilts spiegelt den jeweiligen Gemütszustand der Frauen in der Kaserne wider. "An den Mustern erkennt man das damalige Chaos der Frauen im Kopf", drückt es Mevlida aus, "es hat einfach mit der schrecklichen Zeit in Bosnien zu tun." Für Lucia Feinig hat allein die Beschäftigung mit Farben schon einen therapeutischen Effekt. "Die Stich-für-Stich-Arbeit ist dann sicher auch eine Verarbeitung der erlebten Traumata, weil die Frauen ja viele Stiche über sich ergehen lassen mussten."

Frauenmuseum

Im ersten und einzigen Frauenmuseum Österreichs, in Hittisau im Bregenzer Wald, ist noch bis 4. März eine ausgewählte Kollektion an Bosna Quilts zu bewundern. Diese Schau passt haargenau in das selbstgestellte Aufgaben-Konzept des architektonisch sehr anspruchsvollen "Gynotops" - nämlich die Welt (Vergangenheit und Gegenwart) aus Frauensicht darzustellen, die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt, und die daraus entwickelte (frauenspezifische) Kultur. Ergänzt wird die Ausstellung durch Bilder des Fotografen Nikolaus Walter und Momentaufnahmen aus Gorazde von Ulrike Jessel. Außerdem ist im Böhlau-Verlag ein aufwendig gestalteter Bildband zur Bosna-Quilt-Werkstatt erschienen.

Tipp:

Die 1. Europäische Quilt-Triennale wird am 20. Februar im Textilmuseum St. Gallen eröffnet. Gezeigt werden rund 50 Arbeiten aus 14 Ländern, die einen innovativen Umgang mit dem traditionellen Thema Patchwork/Quilt zeigen.

"Vernähte Zeit", Willibald Feinig, Nikolaus Walter, Verlag Böhlau, ATS 715,- / Euro 50,10, ISBN 3025991621.

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