Doppeladler beim Eisprung
Von Claudia Aigner
Es schwant einem, dass das, was da in der Auslage liegt, die
"Mutationskatastrophe" Jeff Goldblum ist (nachdem er also schon die
gemeine Stubenfliegen-DNS und das noch viel unattraktivere Genom seiner
Teleportationsmaschine intus hat). Na ja, besser ein paar Mutationen als
gar kein Aussehen. Bei näherer Betrachtung besteht der raffinierte Klumpen
freilich irgendwie eher aus einer Ameise, einem Baby und einer
Propellermaschine. Und natürlich gastieren in der Galerie Chobot (Domgasse
6) lediglich die ungemein faszinierenden, erschreckend technoiden und
unübersehbaren Skulpturen von Bruno Gironcoli. Bis 22. Februar.
Doppelköpfig wie der Doppeladler: "Ein Körper, zwei Seelen." Das ist
Sciencefiction mit dem Charisma eines religiösen Kultobjekts.
Verführerisch präzise und von sinnlich matter, silbrig schimmernder
Glätte. Ich sehe in dem "Monstrum" freilich einen riesigen
Eierstockroboter, der dazu da ist, gigantische Eisprünge zu produzieren
(nicht zuletzt, weil es da ja noch diese verdächtige, einladend vaginale
Öffnung gibt und das stachelige Etwas daneben als Gebärmutter glaubwürdig
wäre, die sich einigelt). Aber da geht vielleicht die
Brave-New-World-Fantasie mit mir durch. Trotzdem wäre das Ding perfekt als
gynäkologisch aufgeklärtes Denkmal für den Mutterkult bzw. als weibliche
Alternative zum angeberisch potenten Lingam. Wie auch immer: Man begeht
vermutlich einen Fehler, wenn man es zu genau wissen will, womit man es
hier zu tun hat. Gironcolis Skulpturen wirken im Vagen, durch ihre
anspielungsreiche Körperlichkeit und ihre üppige Präsenz. Ob man nun
einen ultimativen Hautausschlag hat und eine wandelnde "Superakne" ist,
oder ob man sich ein Handy ans Ohr hält (das ja zuwendungsbedürftiger ist
als ein Hund, weshalb wohl Herrchen und Frauchen unentwegt mit ihren
Telefongesprächen "Gassi gehen" müssen), das macht nicht wirklich einen
Unterschied. Für Christina Breitfuß jedenfalls. Die Malerin (bis 24.
Februar im artLab, Dorotheergasse 12) hält nämlich zu Pusteln auf der Haut
oder zur Zivilisationskrankheit namens Handy nicht einmal einen höflichen
Mindestabstand ein. Oder zu Piercings (die ja auch bereits eine
regelrechte Metall-Epidemie sind). Als Betrachter ihrer Bilder hat man
quasi schon Angst, sich anzustecken. In ihren locker realistisch, aber
bestimmt nicht schlampig gemalten Bilderserien verwirklicht sie das
Paradox vom "So nah und doch so fern". Und ihr Blick ist so etwas wie
emotionslos voyeuristisch. Sozusagen die sensationsgierige Schaulust bzw.
die schamlose Indiskretion des "rein wissenschaftlichen" Interesses. Mit
den ungewöhnlichen Ausschnitten und dem straff über die Bilder gespannten
orangen, rosaroten, grünen oder weißen Organza, der für wunderbare
Schimmereffekte sorgt, zelebriert Breitfuß aber vor allem eines: den Reiz
des Schauens. Macht euch den Himmel und den Revers eurer Sakkos
untertan! Flugzeuge, die so gebaut sind wie die von Christian Schütz,
müsste man am Firmament feststecken, damit sie oben bleiben. Deshalb sind
sie vermutlich schon von vornherein Broschen. Zu sehen bis Ende Februar in
der V&V Vitrine (Bauernmarkt 19). Die "Musen" von Christian Schütz
heißen MiG-21, Tornado oder Phantom. Jeweils anhand einer kleinen Staffel
von Modellflugzeugen zeigt Schütz die fortschreitende Transformation vom
Kriegsspielzeug in einen trotzdem sehr eigenständigen (und eigenwilligen)
Schmuck, also die Transformation vom "Traum vom Fliegen und
Raketenabfeuern" in eine kühle, ausgeklügelte Ingenieurskunst.
Möglicherweise männertaugliche Broschen.
Erschienen am: 16.02.2001 |
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