Eigentlich scheint es so simpel: Man nehme einen Krug,
ein paar Äpfel, vielleicht sogar eine Ananas, ein totes Tier, am besten
gut abgelegen, drapiere sie auf einem Tisch - und male es ab. Voilà: Wir
haben eine "natura morta", ein Stilleben. Was so einfach klingt und in der
Kunstgeschichte mitunter ein unbedanktes Dasein fristen mußte, entwickelte
sich mit Cézanne, Ende des 19. Jahrhunderts, zu einem der Hauptthemen
der Kunst, wurde zum Spielfeld des formalen und ikonographischen
Experimentierens.
Doch nicht nur die Malerei nahm sich dieses Themas an,
auch die Photographie entdeckte das Stilleben schon von ihren Anfängen um
1830 an für sich, anfangs noch stark von der bildenden Kunst beeinflußt,
später weitgehend losgelöst und heute die Malerei fast verdrängend.
Die Galleria d'Arte Moderna in Bologna - Heimatstadt von
Giorgio Morandi (1890-1964), einem der Meister des Stillebens im
20. Jahrhundert - widmet mit "La natura della natura morte" dem Thema
in Photographie und Malerei bis 24. Februar 2002 eine umfassende
Ausstellung. Vom Anfang der Moderne bis heute geben 120 Werke einen
repräsentativen Überblick.
Angenehm viel Luft ließ Kurator und Direktor der
Galleria, Peter Weiermair, den Werken zum Atmen, und wer sich an das
flashige Orange der Kojenwände gewöhnt hat, kann den Wandel durch die
Kunstgeschichte der vergangenen 130 Jahre beginnen.
Grün kullern einem die Äpfelchen auf einem der letzten
Bilder Manets (1880) entgegen, die Bronze-Plastik des Futuristen Umberto
Boccioni von 1912 umschreitend, windet sich der Blick in und um die
aufgelöste Flasche, bohrt sich in den sich drehenden Teller. Nach
Auflösung der Figur im Kubismus und symbolistischer Deutung im
Surrealismus wurde die Detailtreue in der Neuen Sachlichkeit wieder
Hauptaugenmerk. In der Pop Art der sechziger Jahre lebt das Stilleben
durch die Konsumkritik wieder auf. Mario Merz schichtet dann duftend
Fruchtiges auf Glastischen üppig übereinander - das reale Obst doppelt
sich effektvoll in einem verspiegelten Pflanzenstilleben von Michelangelo
Pistoletto, 1965. Der Übergang zur Photographieschau im zweiten
Obergeschoß gestaltet sich fließend, die gegenseitigen Einflüsse sind
überzeugend - die "natura morte" lebt.
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