|
DER STANDARD, 13. April 2002 |
Auf der Suche nach dem
unverdorbenen Blick
"Film ist." Unter diesem lakonischen
Titel versammelt der Filmemacher Gustav Deutsch
Fragmente des frühen Kinos zu einer lexikalischen Schule des Sehens.
Claus Philipp sprach mit ihm über den zweiten Teil
dieses Tableaufilms, der nun in Wien zu sehen ist.
Wien - "Ich forsche in den
Abfalleimern der Filmgeschichte." Seit Jahren entwickelt der Wiener
Künstler Gustav Deutsch auf der Basis von Fundstücken eigenwillige
Blickbewegungen, in denen auch das Vertraute wieder fremd wird. Film
ist. (der Punkt im Titel ist Programm), eine epische Montage von
kurzen Sequenzen aus der Frühzeit des Kinos, ist diesbezüglich sein bisher
aufwendigstes Unternehmen.
Gemeinsam mit Hanna Schimek hat Deutsch in
internationalen Archiven über 3000 Filme gesichtet - das dazu bei
Sonderzahl erschienene Buch heißt lakonisch Film ist. Recherche.
Und während er im ersten Teil von Film ist. das Augenmerk auf
Lehrfilme legte, so wendet er sich nun dem Jahrmarkts- und
Attraktionen-Aspekt des Early Cinema zu. Film ist in sechs jeweils
14-minütigen Kapiteln also "Komik", "Magie", "Eroberung", "Schrift und
Sprache", "Gefühl und Leidenschaft" und "Erinnerung und Dokument".
Standard: Vor einer derartigen Überfülle
an Material - wie setzt man da die Prioritäten? Gustav Deutsch:
Während der Suche in den Archiven findet man natürlich Dinge, die man
nicht gesucht hat. Aber wir haben auch nicht entlang von Titeln oder
Autoren recherchiert, sondern mithilfe von Stichworten, einer ersten
Konzeption von Kapiteln . . .
STANDARD: . . .
die sich aber im Lauf der Recherche noch verändert haben?
Deutsch: Ja, zum Beispiel beim Kapitel Gefühl und
Leidenschaft wollte ich zuerst auch die Leidenschaftlichkeit der
Kameraarbeit thematisieren: Waghalsige Dreharbeiten auf
Stahlkonstruktionen in New York zum Beispiel, aber sie haben dann nicht
mehr in die Textur des Kapitels gepasst.
STANDARD:
Der Film hat sich in der Recherche selbst immer wieder
umgeschrieben? Deutsch: Ja, wesentlich waren natürlich die
Mitarbeiter der Archive, die uns zu unseren Stichworten auf Szenen
hinwiesen, die ihnen besonders einprägsam erschienen: Das heißt ihre
Vorlieben und ihre Blicke, die man aus den konventionellen Katalogen nicht
ablesen kann, haben in der Vorauswahl den Film ganz wesentlich
mitgeschrieben.
STANDARD: Und so wird Film
ist. auch zu einer Montage von Blicken auf das Kino?
Deutsch: Der Umgang mit Archivmaterial ist - wie jede
Sammlertätigkeit - immer extrem subjektiv bestimmt. Jedes Filmarchiv hat
da eine eigene Blickrichtung, ja Handschrift. Manche sind eher
traditionell orientiert, andere haben eine ganz starke Vision.
STANDARD: Wie definiert sich eine archivarische
"Vision"? Deutsch: Das niederländische Filmmuseum etwa hat
vor fünf Jahren damit begonnen eine Sammlung von anonymen Aufnahmen zu
retten. Das sind Fragmente, oft nur wenige Sekunden lang, wie sie jede
Sammlung hat, aber kaum jemals archiviert, weil das im herkömmlichen Sinn
für das Renommee eines Archivs nichts bringt: Man kann auf keine
"geretteten" Kunstwerke verweisen.
Für mich waren diese "Bits and Pieces" ganz
entscheidend - eine Bildbank, bestehend aus 460 Teilchen: Das nenne ich
einen visionären Blick -, eine Wertschätzung, die weg geht von gesicherten
Vorlieben, hin zum normalerweise Ungeliebten. STANDARD:
Film ist. stellt solches Material wertfrei neben kanonisierte
Schätze wie etwa Filme der Brüder Lumière. Deutsch: Diese
Anonymisierung ist ganz entscheidend, wenn man einen neuen
Bedeutungszusammenhang, ein eigenständiges Kunstwerk anstrebt: Prinzipiell
hatte ich also mit Filmen, die einen hohen Wiedererkennungswert haben,
Probleme. Ein Film von Georges Mélies, bei dem man nach fünf Sekunden den
Urheber erkennt, wäre für meine Montage ungeeignet. In der Wiedererkennung
würde der Film ja nur dokumentarisch funktionieren.
STANDARD: Diese Hinwendung zum "Ungeliebten" ist
eine Konstante in Ihrem Werk: Ähnliche lexikalische Anordnungen haben Sie
schon mit Home-Movies von Italien-Touristen unternommen.
Deutsch: Ja, es geht mir immer wieder darum, Schlüsselsequenzen
zu finden. Film ist. sollte nie eine Dokumentation über die ersten
Jahrzehnte des Kinos werden. Das Thema war, Sequenzen zu finden, die bis
heute für die Kinematografie Gültigkeit haben. Die Zeit, aus der diese
Bilder kommen, spielt für mich keine Rolle. Eine melancholische Würdigung
einer Epoche war für mich nicht interessant.
Wie im Hobbyfilm der Jetztzeit sind aber im
frühen Kino, dem "Kino der Attraktionen", wie es Tom Gunning nannte,
Bausteine des Films ausgestellt - mit einer seltenen Klarheit und
Direktheit. Ein Ding steht neben dem anderen. Man kann sie, so pur, wie
sie für sich stehen, auch neu anordnen und kombinieren.
STANDARD: Diese Sequenzen funktionieren also wie
für sich wertfreie Sprachbausteine? Deutsch: Ja, man hat
eine ganz minimale Sache - eine Zugfahrt etwa - vor sich. Ohne komplexe
Querverbindungen. So wie heute ein Hobbyfilmer nichts anderes will, als
zum Beispiel seine Familie an verschiedenen Orten einer Reise zu
dokumentieren. Er arbeitet in einem sehr hermetischen, abgesicherten Raum
- und das macht ihn stark. Der Amateurfilmer hingegen weiß schon, was er
tun will und muss . . .
STANDARD: Das heißt, er
ist bereits durch Regeln verdorben? Deutsch: Der
Hobbyfilmer hingegen ist pur. Die Kamera ist nicht mehr als sein
verlängerter Blick. Er ist gewissermaßen Teil des ganzen Instrumentariums.
Mein Lieblingsschwenk beim Hobbyfilmer ist zum Beispiel der Suchschwenk:
Die Landschaft wird nach möglichen Highlights abgetastet - während der
Amateurfilmer schon vorher die Motivwahl trifft. Der Hobbyfilmer hingegen
weiß nicht, wo er "landen" wird. Er lernt wortwörtlich zu schauen. Und so
ist es auch bei den "Bits and Pieces". Der suchende Blick ist unglaublich
präsent. Man sieht, wie Darsteller für die Kamera gehen lernen. Wie sie
sich abgewöhnen, in die Kamera zu schauen. Wie das theatralische Spiel
zunehmend filmisch wird.
STANDARD: Und das wird
in Film ist. gleichsam einer seriellen Behandlung unterzogen. Das
Spezifische wird symptomatisch für größere Kontexte. Hunderte Menschen
blicken so plötzlich hintereinander zum ersten Mal durch Schlüssellöcher.
Und werden sich selbst wieder fremd. Das erinnert an literarische
Experimente. Deutsch: Nicht umsonst ist der Film
nach Kapiteln strukturiert. Das ist eine Form, die mir sehr nahe liegt.
Und die Verleiher können diese Kapitel aus dem Kontext herausnehmen und
jeweils wieder in neuen Abfolgen präsentieren.
STANDARD:
Sie können quasi noch einmal drüber montieren, neue
Verbindungen herstellen. Deutsch: Ja, und so entsteht im
Kopf ein neuer Film. Jetzt im Wiener Stadtkino.
© DER STANDARD, 13./14. April
2002 Automatically processed by COMLAB NewsBench
|
|