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| 26.08.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Mangas: Nicht lesen. Fressen! | ||
| CHRISTINA BÖCK | ||
| Große Augen, lange Beine, rasante Bildfolgen – und das alles von hinten nach vorn gelesen: Mangas, japanische Comics zum Schnelllesen, erobern höchst erfolgreich Europa. Nun befasst sich eine Ausstellung mit dem Phänomen. | ||
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Man wird sich doch noch was von den erfolgreichen Kollegen abschauen dürfen, hat man sich da im Vatikan wohl gedacht. Die buddhistische Gemeinde hatte Buddhas Leben als Manga-Comic zeichnen lassen. Und fast hätte es auch die christliche Bibel im typischen japanischen Großaugenzeichenstil gegeben. Aber eben nur fast. In Japan hingegen wird das alltägliche Leben von Mangas deutlich geprägt. Nicht nur ist eine U-Bahn-Fahrt ohne Comicbuch unvorstellbar, mittlerweile gestalten zum Beispiel Firmen ihre Geschäftsberichte in Form von Bildstrips, berichtet Johannes Wieninger, der die Ausstellung „UAAAAA!!! MANGA“ im MAK zusammengestellt hat. In den vergangenen Jahren haben die japanischen Comics, die von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen werden, in Europa einen regelrechten Boom erlebt. Und doch, so Wieninger, ist es für „uns ‚Westler‘ immer noch erstaunlich, wie man in Japan Manga liest. Die fressen das ja. Da geht es ruck, zuck, und 600 Seiten sind weg.“ Tatsächlich errechnete der japanische Verlag Kodansha, dass der Durchschnittsleser zum Erfassen einer Seite weniger als vier Sekunden braucht. Die Ausstellung soll nun zeigen, was die Faszination dieser speziellen Manga-Ästhetik ausmacht. Für Wieninger sind es die grafischen Kniffe, die Grundbestandteil der Comics sind – und die sich so stark von unseren westlichen Bildgeschichten unterscheiden. Diese Kniffe kommen nämlich aus der Welt des Films. Um genau zu sein aus der Welt des Zeichentrickfilms. Vor fünfzig Jahren entdeckte der japanische Arzt Osamu Tezuka in den amerikanischen Disney-Studios etwas, das die japanische Kultur nachhaltig beeinflussen sollte: Storyboards von Filmen wie Schneewittchen oder Bambi. Auf solchen Storyboards werden die Szenen des Films „vorgezeichnet“. Tezuka erfand ausgehend davon den Manga-Stil, der sich insbesondere durch filmische Gestaltungsmittel wie Zooms oder Schnittwechsel auszeichnet. Heute hat sich das Phänomen Manga zu einem weltweiten Milliardengeschäft entwickelt. Japaner sollen mehr Papier zur Herstellung von Comics als zur Produktion von Toilettenpapier verbrauchen. Die Comics stellen 30 bis 40 Prozent am japanischen Printmarkt, mehr als zwei Milliarden Hefte und Bücher werden Jahr für Jahr verkauft. Solche Bücher haben dann eben auch 200 bis 900 Seiten. Normalerweise werden sie nach der Lektüre auch schon wieder weggeworfen. In Japan gibt es Mangas für alle Interessengebiete und für alle Altersgruppen: Senioren etwa lesen Silver-Mangas. Das Angebot reicht vom Sport-Manga über Börsen-Manga bis zum Porno-Manga. Raus aus dem Schmuddeleck. Vor zehn Jahren kam der Trend über die USA in heimische Gefilde – in Deutschland wurden eigene Magazine gegründet. Dort wird ein geschätzter Umsatz von 50 Millionen Euro jährlich mit Mangas gemacht. Das Angebot ist aber hier noch lange nicht so breit gefächert wie in Japan – es dominiert der Kinder- und Jugendmarkt. Die meisten Manga-Liebhaber in Europa sitzen übrigens in Frankreich, Italien und Deutschland, erzählt Johannes Wieninger. Während man im Westen erst beginnt, der Comicform zu verfallen, ist in Japan die Entwicklung zum Stillstand gekommen. Dort beschäftigt man sich langsam auf einer anderen Ebene mit dem Phänomen: in Museen und Universitäten. So kommen die Mangas auch aus dem „Schmuddeleck“ heraus, in das sie wegen der oft expliziten Darstellung von Sexualität oder Gewalt oberflächlich betrachtet gern gedrängt werden. Keine Spur von Schmuddel findet sich auch bei den Manga-Künstlern, die für die Ausstellung im MAK ausgewählt wurden. Beides sind Serien, die zeichnerisch und grafisch neue Maßstäbe setzten. „‚MARS‘ (1996 bis 2000) ist ein Mädchen-Manga der Künstlerin Fuyumi Soryo, das thematisch zwar die traditionellen Probleme einer Heranwachsenden mit Familie und erster Liebe abbildet, aber neue Stilelemente eingebracht hat und die Manga-Szene „grafisch aufrüttelt“, so Wieninger. Die andere Serie ist „Derby Jockey“ (1999 bis 2004) von Tokihiko Ishiki, ein Sport-Manga aus dem Bereich Pferderennbahn. Diese Serie ist sehr stark durch das Fernsehen beeinflusst, zeigt zum Beispiel Szenen aus einer Perspektive, als würde eine Kamera mitfahren. Außerdem arbeitet Ishiki mit der Verschmelzung von Zeichnung und Fotografie, einem neuen Trend der Zeichner. Vier Sekunden für eine Manga-Seite also. Das mitteleuropäische Hirn braucht da wohl noch ein bisschen Übung. Aber auch dafür ist bei „UAAAAA!!! MANGA“ gesorgt. Auf einem zehn Meter langen Tisch werden 400 Manga-Hefte zur Lektüre, man möchte fast sagen zum Fraß vorgeworfen. Es soll übrigens nichts ausmachen, wenn man nicht Japanisch kann. |
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