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"China hat seine Moderne noch nicht entdeckt"

Der Schweizer Uli Sigg besitzt die weltweit größte Sammlung zeitgenössischer Kunst aus dem Reich der Mitte. In Bern wird sie jetzt erstmals ausgestellt

von Johnny Erling

DIE WELT: Warum wurde Ihre Ausstellung nach dem Spiel "Mahjong" genannt?

Uli Sigg: Mahjong ist ein Spiel, das in die Ming-Zeit zurückreicht, heute aber auch über das Internet gespielt wird. Die 144 Steine des Spiels werden in beliebigen Kombinationen immer wieder formiert. Auch wir nehmen Material, und das gruppieren wir dann um bestimmte thematische Kerne.

DIE WELT: Ist das Sammeln moderner chinesischer Kunst ein Glücksspiel?

Sigg: Wenn das Endziel Wertzuwachs sein soll, dann bleibt Kunstsammeln immer ein Glücksspiel. Das ist in China noch stärker als im Westen.

DIE WELT: Gibt es eine chinesische Moderne?

Sigg: Absolut. Ich habe für den Ausstellungskatalog 30 Künstler danach gefragt. Zwei Aspekte werden deutlich. Es geht nicht um das Papier oder um die Art, wie man eine Landschaft malt. Es geht um ihre Fähigkeit, neue Kunstformen zu finden, ohne sie zu kopieren. Ihre Arbeiten zeigen eine andere Sensibilität und Emotion, mit der sie etwas betrachten. Figurative Malerei herrscht vor. Chinas Künstler setzen sich kaum analytisch mit dem Medium selbst auseinander, sie produzieren wenig abstrakte Kunst. Da spielt auch die vergangene Ideologie eine Rolle.

DIE WELT: Prägt der Geschmack des Auslands oder die Nachfrage von Diplomaten die Szene?

Sigg: Die Künstler hatten anfangs die Sammler noch nicht im Auge. Viele ihrer damaligen Arbeiten sind heute verschwunden. Sie wurden aus Materialien gefertigt, die nicht überdauerten. Erst mit den Ausstellungen im Westen seit Anfang der neunziger Jahre wirkt sich das Interesse von außen aus. Die Besten arbeiten noch heute unabhängig vom Markt.

DIE WELT: Namen sind bei uns wenig bekannt. Wen würden Sie als einen Großen der Szene bezeichnen, wenn sie nur drei bis fünf Personen nennen dürfen.

Sigg: Mit verkürzten Nennungen tue ich mich schwer. Viele Maler sind seit langem präsent, etwa Fang Lijun, Wang Guangyi oder Zhang Xiaogang. Dann fallen mir Künstler aus der jüngeren Generation wie Xie Nanxing ein. Sie und viele andere Namen werden auch in 25 Jahren noch bestehen. Große Stücke halte ich auf den Konzeptkünstler Ai Weiwei. Zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron hat er Pekings Stadionbau für 2008 mitentworfen, das berühmte Nest.

DIE WELT: Das politische Peking hat Gegenwartskunst immer scheel angesehen.

Sigg: Anders als in der UdSSR, wo das Betriebssystem Kunst zusammenbrach, ist es in China unter dem unveränderten Parteisystem wieder in Schwung gekommen. Eine eigenartige Trennlinie läuft heute quer durch die Kulturproduktion. Man kann etwa sozialistischen Realismus und Kulturrevolutionskunst auf Auktionen kaufen. Aber wichtige Arbeiten aus diesen Zeiten werden seit 1976 nicht ausgestellt. Die offizielle Kulturpolitik hat auch die Avantgardekunst zuerst bekämpft und später ignoriert. Erst auf Druck von außen änderte sich das.

DIE WELT: Bis zum Jahr 2000 sind mehr als 95 Prozent aller zeitgenössischen Kunst in China von Ausländern aufgekauft worden. Vergangenes Jahr verkauften Pekings Galerien 40 Prozent ihrer Bilder an chinesische Kunden.

Sigg: Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Es wäre auch merkwürdig, wenn Chinesen in zehn Jahren danach fragen würden, was ihre Künstler produziert haben, und die Antwort erhalten: Es ist alles im Ausland.

DIE WELT: In den Städten öffnen Galerien, aus alten Fabrikkomplexen werden Künstlerzentren.

Sigg: Allein in Peking haben in den vergangenen sechs Monaten 20 Galerien aufgemacht. Im Artviertel 798 hatten sich zuerst nur drei, vier Künstler billig eingemietet. Dann folgten die Fotogalerie und andere. Die Behörden haben den Nutzen erkannt und lassen dem Phänomen mittlerweile seinen Lauf. Genauso war es in Shanghai.

DIE WELT: Pekings Wirtschaftsblatt schrieb: "Moderne Kunst ist nicht mehr die Frühlingsrolle auf dem westlichen Bankett." Kriegt Chinas neureicher Mittelstand Appetit darauf?

Sigg: Wir sollten das nicht überschätzen. Unter 1,3 Milliarden Chinesen haben wir heute vielleicht 200 ernsthafte Sammler, die schon mal eine zeitgenössische Arbeit gekauft haben. Wer zu Geld kommt, kauft sich statusgerecht erst einmal Kalligrafien oder Porzellan. Das Sammeln zeitgenössischer Kunst beginnt gerade.

DIE WELT: Kurz bevor er starb, verschenkte der deutsche Sammler Peter Ludwig 1996 eine Kollektion, darunter auch zwei Picassos, an die Staatliche Kunstgalerie Peking. Lange Zeit verstaubten sie im Lager. Gerade hat eine große Picasso-Ausstellung in der Kaiserlichen Stadt öffentlichen Anklang gefunden. Kommt da ein Wandel im Gang?

Sigg: Das dauert. Die Peking geschenkte Teilsammlung Ludwig hatte nur wenige wichtige Arbeiten von Künstlern der Westkunst, aber viel aus Osteuropa und Rußland. Das wurde damals nicht goutiert. Zunächst einmal müssen sich Chinesen ihre eigene zeitgenössische Kunst aneignen.

DIE WELT: Die Preissteigerung für Avantgardekunst nach 1976 hat sich innerhalb der letzten zwei, drei Jahre verdoppelt. Ist das alles Auslandsnachfrage?

Sigg: Das würde ich nicht sagen. Bei einem wirklich guten Künstler - und davon gibt es vielleicht 300 - der im Jahr 20 bis 30 Bilder malt, reichen ein paar Käufer, um die Preise hochzutreiben. Da gibt es schon Wartelisten. Asiatische Käufer kommen jetzt stärker in den Markt. Wer experimentelle asiatische Kunst sucht, schaut sich zuerst in China um. Viele asiatische Sammler gehen nicht sehr sachkundig vor. Sie fragen einfach nach den fünf berühmtesten Namen und kaufen von jedem fünf Werke.

DIE WELT: Das reicht nicht als Erklärung für die Steigerungen.

Sigg: Die Auktionen spielen eine immer wichtigere Rolle, weil sie eine andere Klientel jenseits der Galerien in Kontakt mit der Gegenwartskunst gebracht haben. Auktionen sind eine Gewähr, daß es für Kunst einen Preismechanismus gibt, weil man auch wieder verkaufen kann. Bei vielen geht es nicht nur um Investitionen. Aber in China ist der Anlage-Gedanke immer auch präsent. Eine neue Tendenz ist, daß arrivierte Künstler eigene Arbeiten zurückkaufen. Sie wollen etwas haben, was ihre eigene Geschichte dokumentiert.

DIE WELT: Leisten Sie sich noch neue Bilder?

Sigg: Ich kaufe immer noch 60 bis 70 Objekte pro Jahr. Aber es ist sehr viel junge Kunst dabei, Videoarbeiten, Fotos, Installationen.

DIE WELT: Würden Sie Anlegern empfehlen, jetzt einzusteigen?

Sigg: Es wird viel kopiert und Stuß gemalt. Chinesische Käufer sind noch nicht sehr erfahren. Vielen westlichen Käufern fehlt das Wissen über das Umfeld. Der unerfahrene Käufer wählt intuitiv leicht das Falsche, etwa eine Verarbeitung des Coca-Cola-Logo oder eine Variation des Mao-Antlitzes. Das war interessant vor 15 Jahren.

DIE WELT: Wie teuer ist der Markt?

Sigg: Der Neueintritt asiatischer und chinesischer Käufer hat dazu geführt, daß der Durchschnitt internationalen Standard erreicht hat. Vieles ist bereits überteuert. Die Schwierigkeit ist, an wirklich interessante Kunst heranzukommen. Andererseits: Wenn ich deutsche Kunst aus den achtziger oder neunziger Jahre sammeln möchte, brauche ich eine hohe zweistellige Millionenzahl, um eine signifikante Sammlung zusammenzutragen. So gesehen sind die allerbesten Kunstwerke hier mit 100 000 oder vielleicht 200 000 Dollar im Vergleich noch preiswert.

DIE WELT: Sie sind zu einem der wichtigsten Augenzeugen für Chinas Neue Kunst geworden. Wie kamen Sie dazu?

Sigg: Ich hatte, bevor ich 1979 nach China kam, schon zeitgenössische Kunst gesammelt. Daher war es selbstverständlich, daß ich mich auch in meinem neuen Lebensraum danach umsah. Zunächst suchte ich mit westlichem Blick nach Arbeiten, die zur vordersten Front der Gegenwartskunst gehören. Da gab es kaum etwas Reizvolles. Niemand sammelte systematisch. Meine verschiedenen Tätigkeiten erlaubten es mir, aus vielen Blickwinkeln in den chinesischen Alltag und in das Funktionieren von China generell zu sehen. Ich begann zusammenzutragen, wie chinesische Künstler sich damit auseinandersetzen, was sie beschäftigt. Erst später, als ich das ganze Spektrum abbilden wollte, habe ich breit zu kaufen begonnen.

DIE WELT: Die aktuelle Ausstellung dürfte vielen die Augen für das Potential von Chinas moderner Kunst öffnen. Wollten offizielle Chinesen bisher Ihre Sammlung sehen?

Sigg: Die meisten sind westliche Forscher. Für Pekings Kulturpolitik ist es ein ungeliebtes Thema, weil es das Eingeständnis beinhaltet, daß man eine sehr wichtige Entwicklung ignoriert hat. Schlimmer noch: Die Ausländer üben die Deutungshoheit über die Rangordnung von Künstlern und Kunst aus. Es wird noch dauern, bis sich das ändert.

Das Gespräch führte Johnny Erling.

Artikel erschienen am Di, 14. Juni 2005

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