Tätowierte Degenerierte
(cai) Wenn der Loos das noch erlebt hätt’! Endlich versteht ihn einer (den Mann mit der Ornamentphobie, den Schwenker der Streitschrift "Ornament und Verbrechen"). Nein, sogar zwei tun das. Und haben aus dieser Empathie heraus etwas gebaut. Mitten in die Galerie Krinzinger hinein haben Thomas Zipp und Philipp Zaiser eine völlig schmucklose, rein auf die praktischen Notwendigkeiten ausgerichtete Architektur gestellt: eine Ausnüchterungszelle. (Womöglich um die Freunde des Dekors zu ernüchtern.)
Eine gefährliche Drohung, denn da drin können ja Personen, die mit einem aufreizend gemusterten Norwegerpulli aufgegriffen werden, und andere Kriminelle theoretisch so lange die reizlosen Wände anstarren und sich in den elementaren Kübel erleichtern, bis sie einen Loos-Komplex kriegen und sogar von ihrer Geburtstagstorte die Marzipanblümchen herunterkletzeln (gepackt von "tätiger Reue"). Andererseits wollte der Loos-Empath Zipp sich ja zuerst in der Zelle tätowieren lassen. Eine Provokation, weil: Tätowiert und degeneriert, das reimt sich ja!
Den Rest bestreitet der Zipp allein. Mit einer Art Mausoleum für den unbekannten Drogensüchtigen. Wieso stünde denn sonst die Formel für ein Amphetamin an der Wand? Und wieso wäre das Gesicht der Büste (vor der man wohl Hanfkränze niederlegt) brutal anonymisiert? (Den kann ja keiner kennen!) Der zweite, fast identische Raum wäre dann notgedrungen die Gedenkstätte für den unbekannten Dealer oder Süchtigen mit Schnurrbart . (Gibt es übrigens schlimmere Feinde der Geraden als diverse berauschende Substanzen? Oder torkeln Trunkene etwa nicht in manierierten Wellenlinien umher?) Bei den vielen Fackeln erfasst einen förmlich der Schauder der Pietät. Imposante Kulisse. Der übrige Wandschmuck ist, höflich gesagt, sehr "abwechslungsreich". Und der Zipp? Vermutlich auch so ein Verschnörkler der Welt.
Galerie Krinzinger
(Seilerstätte 16)
Thomas Zipp
Bis 10. März
Di. bis Fr. 12 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 16 Uhr
Einschüchternd.
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Präsentiert das Fleisch!
(cai) Picasso hat sich seine rosa Periode nicht patentieren lassen. Drum dürfen sich auch andre ungeniert eine gönnen. Bei Ulrich Gansert zieht sich die Farbe des zarten Östrogenfleischs hartnäckig durch seine Licht-Idyllen. (Sogar sein Stephansdom in warmrosiger Atmosphäre ist quasi ein Akt.) Die Nackerpatzerln stehen und liegen gern ein bissl unbeholfen herum (Hauptsache Fleisch!). Und am liebsten in einem merkwürdig mit Zitaten angeräumten Ambiente. Ein Atompilz glüht als Menetekel oberm Bett eines Sexbömbchens. Möglich, dass die nackigen Fräulein aber eh nur "Stimmgabeln" sind. Bloß im Bild, um alles auf diesen einen verführerischen Farbton einzustimmen. Moment: Ist der gepflegte "Impressionismus" nicht ein wenig altmodisch? Na ja, aber: Wenns so guat ausschaut.
Galerie Peithner-Lichtenfels
(Sonnenfelsgasse 6)
Ulrich Gansert
Bis 2. März
Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr
Sa. 10 bis 16 Uhr
Gschmackige Farbe.
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Hunnen im Schlamm
(cai) Das Publikum von "Events" im Freien fraternisiert (jedenfalls bei Regen) ja tatsächlich irgendwann mit der Scholle. Ist dann mit der Mutter Erde mindestens per Du. Kerstin von Gabain meint aber sicher etwas anderes als die "Gatsch-Camouflage", wenn sie ein militärisches Tarnnetz (Modell "Botank ohne irgendwelche Hintergedanken") über ein Ding wirft, das an Lautsprecherboxen erinnern soll. Und Dias dokumentieren die "Landnahme" durch eine im Prinzip friedliche Armee von Fans (die bei Anrainern freilich Gefühle auslöst wie einst die Hunnen). Dann diese Parolen überall: "Free Art For Free People." Klingt wie: Der Kunst ihre Freiheit, der Freiheit ihre Menschen. Macht mich ziemlich ratlos, das Ganze.
Galerie Gabriele Senn
(Schleifmühlgasse 1)
Kerstin von Gabain
Bis 17. März
Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr
Bin eher skeptisch.
Mittwoch, 28. Februar 2007