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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst | Biennale von Venedig  
08. Juni 2007
19:22 MESZ
Foto: APA
In der Hauptausstellung der Biennale geht es bunt zu: eine Installation mit Matratzen, Stoffresten, Kabeln und Neonschriftzügen von Jason Rhoades.

Der Zeit ihr Gesicht
Rekord der Quantität: 77 Pavillons animieren den Besucher zum hektischen Wandern - Die Suche nach Unverwechselbarem kann aber vergeblich bleiben

Das tolle an Flohmärkten ist ja: Man findet zum Beispiel eine Glasfigur - das kann eine Giraffe sein, ein Kätzchen oder ein Wasserträger - und erkennt: Murano, Ende der 60er! Und dann stellt sich Glück ein ob des Happyends der Expedition. Und irgendwer ist dann der Idee verfallen, Flohmärkte zu professionalisieren, sie dahingehend attraktiver zu machen, das Glücksversprechen möglichst vielen gegenüber auch einzulösen. Und irgendwann war der Flohmarkt kaputt, irgendwann hatte jeder das Glück im Angebot.

Und also ist es ganz schön fad geworden, seine Freizeit industriell verwaltet zu wissen. Nun ja, revolutionär wie man eben erzogen wurde, blieb einem nichts anderes über, als weichen Knies doch der Mama zu sagen: "Vergiss Murano, das Glück liegt in Köln!" Weil dort ja die Kunst sich zu einer Messe zusammengefunden hat, die zur Mutter aller Kunstmessen werden sollte. Jedenfalls war die Art Cologne der Flohmarkt für Fortgeschrittene.

Auch Prada

Dort musste man hin, von dort kam man stets mit etwas nach Hause. Die Professionalisierung der Art Cologne heißt Art Basel Miami Beach, und das Tolle daran ist, dass man vorher schon weiß, was man finden wird. Endlich ist Geborgenheit eingekehrt, endlich ist schon beim Flugbuchen sicher, dass sich was finden wird. Und was ein Erfolgsmodell ist, setzt sich durch. Die Biennale etwa unterscheidet sich durch nichts von einer postmodernen Kunstmesse.

Und genau deshalb halten hier auch die Guccis und die Pradas und die Chanels gern Hof. Und genau deshalb werden die Jachten, die sich kunstbeflissen vor den Giardini einparken, biennal länger und höher. Und genau deshalb ist im Kunstmarkt mehr Geld unterwegs, als sich das je ein Amateurgalerist aus den 70-ern erträumt hat. Super ist das, endlich alle Möglichkeiten, Land in Sicht. Endlich gleichberechtigt. Das Blöde an der Gleichberechtigung ist aber, dass die Freiheit der Kunst marktwirtschaftlich betrachtet von jedem Einzelnen eine Unique-Selling-Position verlangt, die aber grundsätzlich unglaublich vielen Kriterien zu entsprechen hat.

Und weil heuer auch documenta ist, hat es die Biennale schon schwer, musste Chefkurator Robert Storr sich etwas ausdenken - Abhebung, eine Themenausstellung, wie es sie unter Berücksichtigung aller Logos trotzdem noch nie gab: "think with the senses, feel with the mind" füllt das italienische Haupthaus in den Giardini, füllt das Arsenale.

Und es ist auch echt toll, Louise Bourgeois immer wieder in neuem Licht zu sehen, oder Daniel Buren oder Sigmar Polke oder Robert Ryman oder Fred Sandback - allesamt serviert an einem Fond von Unbekanntem von weither. Lawrence Weiner an der Fassade sorgt für Wiedererkennungswert, Nacy Spero dafür, dass man hinsichtlich Feminismus nicht angreifbar ist, Felix Gonzales Torres kann sich nicht mehr wehren, Valie Export gibt auch für das US-Publikum Valie Export zum Besten, Anselmo weist den Weg zurück, und Sophie Calle gibt die Nummer mit der toten Mutter.

Und Franz West zeigt sowieso, wie man sich Cy Twombly in 3-D vorzustellen hat. Jason Rhodes ist tot und also mit einer Installation vertreten, und die 2006er-Gemälde von Gerhard Richter leben ebenso vom Mythos, wie die rezenten Polkes einem Aufruf zum Traurigsein ob des Nicht-aufhören-Könnens gleichkommen. Afrika wird als Afrika vorgestellt, Nationen scheint es dort nicht zu geben. Und gerade der Nationalgedanke gibt sich hartnäckig. Nach Jahren der Grenzüberschreitung, nach Pädagogik und Kunst-für-alle-Schulungen gibt es einen Rekord: 77 Länderpavillons, kaum ein Palazzo, der nicht der Repräsentation nationaler Leistungen dient. Und kein Thema greift tief genug, der Zeit ein Gesicht zu geben. Und also haben sich Großveranstalter geeinigt, ihre Inhalte künftig aufeinander abzustimmen: Die Art Basel, die documenta und die Skulpturprojekte-Münster treten jetzt auch offiziell in den Dialog. Wohl hat ihnen das das Reisebüro der Grand Tour nahe gelegt.

Derartige Sorgen plagen Unternehmer François Pinault nicht: Der hat bekannt gegeben, nach dem Kauf des Palazzo Grassi, auch Venedigs Dogana bespielen zu lassen. (Markus Mittringer, DER STANDARD, Printausgabe, 09./10./06.2007)


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