
Die Kunst des 20. Jahrhunderts ist seit Marcel Duchamps Readymade-Erfindung 1913 in mehreren Wellen auf die Magie scheinbar wertloser Gegenstände fixiert. Sicher nicht durch Zufall, denn die Industriegesellschaft erzeugt massenhaft unverrottbare Materialien, die mittlerweile Städte, Ozeane, die Arktis und auch alpine Regionen "zumüllen". Die Verstopfung durch Konsumzwang der Wegwerfgesellschaft findet sich als Spiegelung in der Kunst.
Das absurde Wühlen in Schichten von Abfall bietet neue Reviere des Archäologischen für Gegenwartskünstler. Besonders nach 1960 werten die "Nouveau Réalistes", als Söhne und Töchter Duchamps, Abfall listig auf. Das Recycling erfährt eine Steigerung durch das Aufladen mit Kunstmagie - dabei ist auch der Erfinder des erweiterten Kunstbegriffs, Joseph Beuys, einer der Schamanen dieser Aufwertung. Neben Jean Tinguely, Daniel Spoerri oder César (Baldaccini), die Flohmärkte und selbst die Autofriedhöfe zum Rohstoffreservoir ausrufen. Die nächste Generation nimmt dann unsere alltäglichen Verpackungsmaterialien aufs Korn: Lois Weinberger wandelt das Plastiksackerl, mit Zement gefüllt, zur Skulptur, Gerhard Gutruf das Negativ der Kunststoffverpackung wieder zurück zum abstrakten Relief.
Geschwister des Unkrauts
Nur mehr die Ewiggestrigen verwenden Abfall und Kitsch als Begriffe
ästhetischer Geringschätzung. Wie die Gartenzwerge im Schrebergarten
dürfen sich die Geschwister des Unkrauts weltweit in der Kunst wie im
Leben verbreiten. Der Ekel des Bürgertums im 19. Jahrhundert vor dem
billigen, leichten Schund hat die Avantgarde danach greifen lassen. Als
Medium der Umerziehung zu sozialer, ja sogar politischer Betrachtung
kamen ihnen Tand, Trödel, Abfall entgegen. Anfangs sahen sie in
scheinbar wertlosen Gegenständen auch ihre eigene Rolle gespiegelt: die
an der Randzone der Gesellschaft gedrängte des Außenseiters. Doch mit
dem Abfall wanderten sie in die Mitte unseres Lebens.
Alte Werte, über den Misthaufen gehalten, verursachen auch die Erkenntnis, dass in Museumsdepots ein Stau an gesammelten Kulturobjekten entstanden ist: die Kunst bemerkt, dass das große Interesse an der Umweltverschmutzung durch sie selbst mitverursacht ist. Die Kanäle sind verstopft. Die Kulturspeicher stauen so lange Objekte an, bis die ihnen eingeprägte Information erlischt, dazu ruft der Gebrauchskontext von Abfall neue Umwandlungen des Nutzlosen hervor - der fatale Kreislauf wird erst unterbrochen, wenn wir als postindustrielle Informationsgesellschaft in Zukunft mehr immaterielle Kunstwerke auf Datenbanken, auf dem Computer abrufbar, lagern werden.
Im Forum Frohner in Krems haben sich Dieter Ronte und Nicole Fritz dieses wichtigen Themas mit der Schau "Magischer Abfall. Metamorphosen des Alltags in der Kunst" angenommen. Ganz so, wie der Gründer, Adolf Frohner, es gerne gesehen hätte, sind seine teils zerstörten Gerümpelplastiken aus der Zeit mit den Aktionisten 1961 in Fotografien miteingebunden. Auch eine "Compression" von César und sogar Werke der ersten Generation sind hier versammelt. Man Rays gefährliches Bügeleisen "Cadeau" von 1921 wurde, mit Nägeln bestückt, unbrauchbar gemachtes Multiple; 1974 gab es durch Wertsteigerung eine zweite Edition. Als Multiple wird Mist aus der Hand des Magiers eine für alle erschwingliche Kunst. "Genoveva" von Meret Oppenheim ist eine wirklich magisch anmutende, abstrakte, verstoßene Gattin aus einem alten Brett mit Tischfußarmen - Surrealismus pur. Frei nach den Dadaisten lenkte Andy Warhol mit seinem "Index (Book)" den Blick auf banale Symbole, die Amerikas Materialismus durch grelle Reklame am Laufen hielten. Di(e)ter Roth verführt unsere Blicke mit Schönheit der von Insekten zerfressenen Schimmelbilder aus Schokolade, Wurst und Altpapier auf Abwege: Barocke Ideen der Vergänglichkeit schleichen sich in Abfall ein.
Ein Großteil der Künstler zeigt die Verwandlung des Abfalls und auch der zufälligen Fundstücke (Objet trouvés) der beiden ersten Generationen in aktueller Kunst - also den "Readymade Boomerang" wie das die 8. Biennale von Sidney 1990 bereits bezeichnete. Die Gegenwart führt der heute 64-jährige Franz West an. Neben Möbeln aus Industrieschrott und Skulpturen für den Körper sind auch seine Collagen aus Materialien, die erst durch die Sprache zur Ereignisskulptur oder zum Bild mutieren, zu sehen. Dem schließt sich, aber ohne Magie des Besprechens, mit etwas mehr Edelpunk Franz Graf mit der bizarren Montage von Gipsbüsten und Masken auf hohem Säulensockel an, oder Elke Krystufek, die Kurt Schwitters im Relief aus Alltagsfragmenten gedenkt.
Der immer wieder zitierte Duchamp und sein Vermächtnis wurden von Robert Filliou schon 1966 in seiner Ausstellung "Intuitive" heftig kritisiert. "For Duchamp" zeigt zwar das Fahrrad auf einer Kiste als Kunstwerk montiert, doch mit dem Verweis, dass Funktion und Bedeutung in einem armen Land oder erst recht auf einem anderen Planeten völlig andere wären.
Wie weit die Kunstwelt der "reichen Weißen" aber Eingang genommen hat in World-Art, lässt sich in dem "antiken Multiple" von Chinas Starkünstler Ai Weiwei, "Dust to Dust" von 1994, erkennen. Ein neolithisches Tongefäß aus China wurde zerrieben und als Kunststaub in eine Flasche gefüllt. Wie ein medizinisches Präparat wird Abfallkunst zur politischen Speerspitze. Mit dem Zerstörungsakt weist Ai auf die Kulturrevolution Maos in den 1960er Jahren und ihren Umgang mit der traditionellen Kultur Chinas hin. Die Löschung von Jahrtausende alter Kulturinformation durch den Marxismus bringt er mit Wertfragen der Prähistorie in Verbindung. Doch auch der Avantgardekunst war die Zerstörung heilig, Destruktion und Dekonstruktion sind die Geschwister der Abfallkunst: Tinguely hatte mehrere Male auch sich selbst zerstörende Skulpturen und Installationen aus Fragmenten der Altmetallhalden gebaut - sie zerfielen vor den Augen des Kunstpublikums wieder in das, was sie waren: Altmetall.
Humor aus dem Mistkübel
Verdoppelungseffekte sind die Wegweiser unserer Gegenwartskunst: Iris
Kettner macht aus abgelegter Kleidung Wesen, die so realistisch
menschlich anmuten, dass sie in der Berliner U-Bahn aufgestellt,
Fürsorge hervorriefen: Manche spendeten der vermeintlichen Bettlergruppe
dort Geld. Während Müll in ihrem Werk zur Projektionsfläche unserer
Emotionen, aber auch Ängste wird, häufen Christian Eisenberger und
Nandor Angstenberger Aussortiertes zu fantastischen Architekturen an,
beide vertreten ein humorvolles Transformieren von Massenprodukten zum
Wertvollen - sichtbar direkt aus dem Mistkübel gerettet. Misha Stroj
verwertet die Lieblinge des Tourismuskitsch auf Skulpturen, und Martin
Städeli lässt Zeitungspapier auf Drahtgestell zur Skulptur mutieren,
dabei "Laokoon" und andere Prominente der Kunstgeschichte entstehen. Als
diese Antike Höchstwert hatte, waren Materialien wie Federn, Haare,
Rinde oder Knochen nur Artefakte der "Völkerkunde". Woher auch wir die
Aura von Werken aus scheinbar wertlosen Materialien beziehen, zeigt in
Krems ein wirklich magisches Beispiel der Aborigines-Kultur. Der Begriff
Abfall hat sich also auch durch die neue Anthropologie in der Kunst
gewandelt.
bis 2. Oktober
www.forum-frohner.at