Dreamtime

Mit Traumzeit, Wüste aber auch Alltagsproblemen beschäftigen sich die Kunstwerke von Aboriginal-Artists - zu sehen in der Sammlung Essl in Klosterneuburg bei Wien.
Von Thomas Haunschmid.


"Es heißt, wir seien seit 60.000 Jahren hier, aber wir leben hier schon viel länger. Wir sind schon in der Zeit vor der Zeit hier gewesen. Wir sind direkt aus der Traumzeit unserer schöpferischen Ahnen gekommen und wir haben hier gelebt und die Erde so erhalten, wie sie am ersten Tag war."

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Die australischen Aboriginees gelten seit der Besiedelung des fünften Kontinents Anfang des 19. Jahrhunderts zu Unrecht als das "primitivste Volk", als lebende Vertreter unserer Vorfahren. Noch immer nicht voll von der australischen Gesellschaft anerkannt, leben von den einst einigen Millionen Ureinwohnern heute nur mehr etwa 250.000 Aboriginees in Zentral- und Nordaustralien und (vornehmlich) in den Slums der Metropolen.

Art - Magic - Totem

"Über 7000 von ihnen sind heute in der Kunst tätig, was beweist, wie wichtig den Aboriginals ihre vielschichtige und dynamische Kultur tatsächlich ist", erklärt der schottisch-deutsche Aboriginal-Art-Experte und Obmann des Kulturvereins "Global Movements" Alec Smith. "Ihre zum Teil sehr dramatischen Initiationsriten und auch andere Zeremonien stehen für den Ursprung aller esoterischen, magischen und totemistischen Traditionen. Verwandtschaftliche Beziehungen, Gemeinschaftlichkeit und die Gesetze der Traumzeit schätzten sie als ihren größten Besitz." Ihre einzige Sprache war vormals die Kunst: Von Felsmalerei bis zu Körpermalerei steckten sie ihr gesamtes Wissen in Symbole, denn das Volk kannte keine Schrift.

Jukurrpa - Traumzeit - Didjeridoo

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Jukurrpa bedeutet bei vielen Aboriginal-Stämmen Zentralaustraliens "Traumzeit", die Epoche, in der ihre schöpferischen Ahnen die Welt erschaffen und alles Leben hervorgebracht haben. Bei den "Cooroborees", kulturellen Treffen, wird gesungen und getanzt und die Traumschöpfungsmythen werden weitergegeben. Eine wichtige Rolle spielt das Didjeridoo, das als vermutlich ältestes Blasinstrument der Erde gilt. "Dadurch gelingt es auch den heutigen Aboriginals, ihre faszinierende Kultur am Leben zu erhalten", folgert Alec Smith.

In Zentralaustralien dürfen die Künstler nur diejenigen Totem-Tiere malen, die ihnen von früheren Generationen im "Dreaming" vererbt worden sind. "Zu dem tieferen Wissen wird ein Weißer aber niemals vordringen, es sei denn er wurde adoptiert und in einen Clan initiiert. Aber dann darf er erst recht nicht darüber reden, weil das geheime Wissen nicht außerhalb der Gruppe besprochen wird", weiß Semi-Insider Smith.


Learning by Dreaming

"Die Bilder, die wir heute auf Leinen sehen können, wurden ursprünglich im Sand gezeichnet und hielten nur so lange, bis der Wind sie verblasen hat", schreibt einer der bekanntesten Aboriginal-Artists, Malcolm Nelson Jagamarra, in seinen "Dreaming Stories". "Leinen ist haltbar und gibt der Welt die Chance, über das Dreaming der Aboriginals ihren Way of Life und ihre Werte zu lernen".

Als begeisterter Lernender zeigt sich auch Alec Smith, wenn er sagt: "In dieser ältesten Kulturform ist die absolute Basis der Menschheit gegeben. Das Gemeinschaftsdenken, die gelebte Einheit Natur - Mensch. Faszinierend!"

Weißer Markt

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Auch die ursprünglich rein sakrale Kunst wird hauptsächlich an weiße Sammler verkauft, was die Preise bis hin zu Sotheby's und Christies in die Höhe treibt. Zu den Hauptstilen zählen die Dot-Paintings, "mosaikesk" anmutende bunte Bilder aus Zentralaustralien, die sakrale Symbole, Tiere, mythische und reale Landkarten darstellen oder die Rag-Paintings aus Nordaustralien, die sich durch feine, dünne Striche auszeichnen, und mit Figuren die Geschichte der Stämme darstellen. Urban Artists aus Sydney oder Melbourne beschäftigen sich mit den Folgen der Kolonisierung und Ausbeutung: Armut, Alkoholismus, Marginalisierung, Verelendung am Rande der Ballungszentren.

Teilen ist Gesetz

Künstler wie Malcolm Nelson Jagamarra sind innerhalb ihrer Gemeinschaft hoch angesehen. Das hat (nicht nur) einen ökonomischen Grund. Wenn sie ein Bild verkaufen, teilen sie das Geld auf ihre Großfamilien auf. Dazu sind die Artists verpflichtet. "Das ist Gesetz. Manche Groß-Familien, die in hochkomplizierte Verwandtschaftssysteme klassifiziert sind, hängen ausschließlich vom Bilderverkauf eines einzigen Künstlers ab," verweist Aboriginal-Art-Experte Alec Smith auf die schlussendlich weitverzweigten Auswirkungen dieser Kunst auf die Alltagswelt der einzelnen Stämme.

Links:

Sammlung Essl - Ausstellung bis 30. September in Klosterneuburg bei Wien
Aboriginal Art im Netz
Gallery Songlines
Aboriginal Art online
Aboriginal Studies

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