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| BESUCH: Aktionskünstler Christoph
Schlingensief diskutierte mit Schülern und Schülerinnen |
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| "Ich konnte ja gar nicht Nein
sagen" |
"Du deutsche Sau!" schreit eine Dame in
dem Film "Ausländer raus - Schlingensiefs Container". Sie
sucht aber nach noch mehr Schimpf und Schande für Christoph
Schlingensief - und wird fündig: "Du Künstler!" Christoph
Schlingensief lässt eben keinen kalt.
Am Montagabend
war der deutsche Aktionskünstler in Linz zu Besuch, im
Programmkino Moviemento wurde "Ausländer raus" gezeigt. Das
Publikum: vor allem Schüler und Schülerinnen des Linzer
Akademischen Gymnasiums. Den Linz-Besuch hat nämlich Deutsch-
und Geschichteprofessor Wolfgang Rießner eingefädelt, der im
Vorjahr beim Filmfestival Viennale Schlingensief einfach
angesprochen hat, ob er denn nicht am Akad .Gym. mit den
Schülern diskutieren wolle. Schlingensief sagte spontan zu.
Nach der Filmvorführung stellte er sich den Fragen und gab
Meinung, Statements und Ratschläge ab.
Schlingensief
im Originalton:
über seinen Linz-Besuch: Ich konnte gar nicht Nein sagen,
weil die Einladung so sympathisch war. Außerdem mag ich
Österreich, meine Freundin ist Österreicherin, sie kommt aus
Tirol. Und ich mag auch das österreichische Essen.
über sein Container-Projekt : "Natürlich ist bei so
einem Projekt auch viel Zwiespalt: Wo ist die Grenze? Ab wann
ist es wirkungsvoll? Ich weiß gar nicht, was aus den zwölf
Asylanten geworden ist. Einer wurde wirklich kurz nach der
Aktion abgeschoben, das weiß ich.
über Demos und einen bevorstehenden Irak-Krieg :
Ist doch klar, dass der Großteil von uns gegen Krieg ist. Wenn
wir demonstrieren gehen mit Tränen in den Augen und einer
Kerze in der Hand, sind wir, nun ja, eine lustige Gruppe. Das
Warten auf diesen Krieg kommt mir vor wie das Warten auf einen
Film mit Harrison Ford. Ständig heißt es: Jetzt und jetzt
fängt der Film an. Und dann geht man kurz raus zum Pissen und
genau dann fängt dieser Film an.
über Journalisten : Da gab es welche, die haben
mich ganz schön, aber fair verrissen. Aber jetzt ist es eher
so, dass keiner gegen mich schreibt. Denn die über mich
geschrieben haben, die schreiben gar nicht mehr, die sind weg.
Wir brauchen keine Journalisten, die mit versteckter Kamera im
Kaufhof in Kabinen checken, ob die schalldicht sind, wenn man
drin fickt. Wir brauchen Leute wie Michael Moore (Der
Journalist hat für seine Film-Dokumentation "Bowling for
Columbine" über Waffen in den USA verdeckt geforscht; Anm.
d. Red.)
über Zukunft : Ihr müsst immer hellhörig bleiben,
behaltet euren Kurs im Kopf. Ihr müsst in euch reinhören: Was
passiert in fünf, zehn Jahren mit mir? Wenn ihr euch politisch
nicht angepasst verhaltet, werdet ihr euren Job verlieren.
über Neonazis: Die Politiker stellen sich das ja so
vor: Da gibt's eine Telefonnummer, bei der Neonazis, die
aussteigen wollen, anrufen. Die werden zurückgerufen, daheim
abgeholt, dann klebt man denen einen Bart an und versteckt sie
irgendwo. Nein! Eine Randgruppe muss so sichtbar gemacht
werden, dass man über sie stolpert. Deshalb hab' ich dieses
"Hamlet"-Projekt in Zürich gemacht mit Neonazis, die
aussteigen wollten. Neonazis in der Schweiz? Ja, und dort hab'
ich erst gesehen, welcher Schweinebackenverein in der
Schweizer Volkspartei um diesen Blocher zu Gange ist.
über neue Projekte : Für die Biennale in Venedig
gründen wir die "Church of Fear" (=Kirche der Angst), da kann
jeder auch Diözesen gründen. Das ist fast wie eine Sekte, wir
orientieren uns dabei an der Al-Kaida. Man kann sich da auch
zum "Schläfer" ausbilden lassen - und dann kommt plötzlich per
SMS der Befehl: "Go!", und man muss los. Das ist keine Kirche
mit Erlöserprinzip, sondern eine, die mit dem Prinzip Angst
arbeitet. Es ist ja immer in Zeiten mit Angst so , dass die
Leute mehr bereit sind, sich mit Kirche oder einer Sekte zu
arrangieren.
OÖNachrichten vom
26.02.2003 |
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