Quer durch Galerien
Folgsam wie eine Wasserleitung
Von Claudia Aigner Taubenfüttern ist Dummheit vor dem Feind. Wir
haben aus Alfred Hitchcocks prophetischem Tierfilm "Die Vögel", diesem
Blick in die gefiederte Psyche, in die abgründige Vogelseele, anscheinend
nichts gelernt. Wir teilen noch immer arglos unsere Semmeln und Kipferln
mit der Luftwaffe der Fauna (die sich im Frühling mit der Luftwaffe der
Flora, den Pollen, zusammentut) und hoffen wohl, die Tauben durch
exzessive Verpflegung, durch regelrechte Fütterungsattacken im Park, zu
besänftigen wie die Hunde und Katzen.
Aber wenigstens die Ornithologen müssen es doch
ahnen (diese Spezialeinheit der Luftraumüberwachung), dass die
Vogelsolidarität schon die längste Zeit zielstrebig den Plan verfolgt, die
Menschen vom Erdboden zu entfernen oder ins Weltall hinein zu vertreiben.
Mit der "sanften" Methode namens psychologische Kriegsführung (also nicht
mit der sehr direkten Hitchcock-Methode). Es kann doch nicht nur mir
aufgefallen sein, dass wir immer öfter unsere Regenschirme aufspannen
müssen (und imer öfter unsere Autos waschen) wegen dem "weißen Regen",
weil wieder einmal ein Schwarm fliegender Plumpsklos indiskret über uns
hinwegflattert. Und die Tauben richten ihre geballte Korrosionskraft, die
sie im Hintern haben, gegen unsere Bauwerke und Denkmäler, um unsere
Kultur langsam, aber sicher zu zersetzen. Von der Gefahr aus der Luft
wird gleich noch die Rede sein. Zuvor aber von der kontrollierten
Sintflut, an der derzeit in China gearbeitet wird, zum Wohle des dortigen
Wasserhaushalts: Ums Drei-Schluchten-Projekt geht's folglich. Markus
Krottendor-fer (bis 12. März in der Galerie Charim, Dorotheergasse 12) war
mit seinem Fotoapparat dort, wo gerade die zweite chinesische Mauer gebaut
wird, eine 2.310 Meter lange, 185 Meter hohe Staumauer, die wie die "Große
Mauer" ein Schutzwall ist, in diesem Fall, um die barbarischen
Wasserhorden in Schach zu halten. Eine Hochwasserprophylaxe. Der Jangtse
soll zahm und folgsam werden wie eine Wasserleitung (und nebenbei auch
durch Feuchtigkeitsverlust, sprich: Abzweigungen das durstige Peking
bewässern).
Galerie Charim: Im Land der
Einzelkinder
Vorher wird noch schnell alles aus dem Weg geräumt
(mit Dynamit und durch Umsiedlungen), dann wird die Sintflut losgelassen
und in einem gigantischen Stausee gebändigt. Man nutzt nämlich nicht den
Atlantis-Effekt. Es wird kein Erlebnistauchen im Stausee geben, nicht
einmal ein Nostalgieschnorcheln, wo Einzelkinder, die in ihren Schnorchel
folkloristisch hineinlächeln, Touristen durchs chinesische Atlantis
führen. Mit dem Zeigefinger war Markus Krottendorfer Zeuge von der
Zerstörung von Wohnlichkeit, indem er also in diesen endzeitlichen
Gefilden auf den Auslöser gedrückt hat. Man sieht die Staubwolke einer
Sprengung, "Anrainer" der Sintflut, die verloren zwischen ungastlich
gewordenen Häusern umherstreifen, Geisterstädte, die frappierend an
deutsche Ruinenstädte nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Und im
Trockendock werden zwei "Archen" (eigentlich ganz normale Schiffe) gebaut,
um sich auf nassere Zeiten vorzubereiten. Fast mythische Fotos. Ja, es
sind Dokumentarfotos. Aber das schmälert nicht ihre künstlerische
Qualität. Daneben: Aufnahmen von unwirklicher Bautätigkeit. Exotische
Architekturoasen. Zum Beispiel Beverly Hills in China. Wie Musterhäuschen
für Lebkuchenarchitektur, im englischen Kolonialstil, garniert mit
hübschen Säulchen. So ortsfremd wie die Hütte von Dorothy und ihrem Hund
Toto im Zauberland Oz. Als hätte ein Wirbelsturm sie per Luftpost
geliefert. Eine neue Kulturrevolution oder bloß Kulturaustausch?
Letzteren kennen wir ja auch. Wir, aus einem Land der Reise- und
Fernsehfreiheit, essen ja auch Frühlingsrollen, die schließlich die
chinesische Staatsbürgerschaft haben, und unser multikultureller Magen
verdaut auf Chinesisch (Ente nach Szechuan-Art), Italienisch (Pizza) oder
Amerikanisch (bei McDonald's). Die verwischten Malereien von Daniel
Pitín passen verdammt gut zum Thema ("Neue Heimat"). Der junge Prager
übernimmt die unheimliche Grundatmosphäre aus jenen Hollywood-Filmen, wo
die Traumfabrik im klassischen Einwanderungsland Amerika einmal schlecht
geschlafen hat und die heile Welt bedroht ist. Da wär' ich wieder bei der
Generalmobilmachung der Vögel. Die unscharfe, aber delikat gemalte Szene
(technisch nicht übel) könnte genauso gut ein Familienausflug sein: die
feschen Eltern, eine weitere erwachsene Person, zwei perfekte Mäderln wie
aus dem Adoptionskatalog. Und eines ist halt beim Spielen hingefallen.
Hitchcocks im Nahkampf ausgebildete Vögel mit ihrer gefährlichen
Bordwaffe, dem Schnabel (effektiv wie ein Eispickel), sind ja weggelassen.
Oder das Psycho-Haus. Dort, wo das Über-Ich von Norman Bates wohnt,
das später in der Duschszene (wenn Janet Leigh mit dem Messer von Anthony
Perkins alias Mutter Bates duscht) für eine radikale Form von
"Verdrängung" sorgen wird. Und Janet Leigh sitzt in einem grauen Bild mit
einem vorausahnend roten Kleid da wie das Es höchstpersönlich und ist mit
demselben Rot bekleidet, mit dem sie den Duschvorhang im Stil des
abstrakten Expressionismus einfärben wird.
Galerie Steinek: Das
ärmellose Evakostüm
Reisen: der Versuch, sich an fremden Orten
zu orientieren. Paul Albert Leitner lässt sich da, wie's scheint, von
seinem kurios soziologischen Auge leiten, von seinem Blick für das
außergewöhnlich Normale. Auf seinen fotografierten Sehenswürdigkeiten
kleben keine Touristen, höchstens Fliegen. Etwa wenn der Tod vier Tage
lang auf Kuba liegt und sich nicht rührt (ein Hund mit heraushängendem
Gedärm). Vom "kleinen Tod" zeugt derweil ein verlassenes rotes Kondom am
Strand, so etwas wie ein intimer Regenmantel oder ein Gummistiefel (nur
dass eben die Welt außerhalb vom Regenschutz nicht nass werden soll).
Vanitas: ein einsamer verhatschter Mädchenschuh zwischen Herbstblättern in
Manhattan. Weil einem die Jugend irgendwann mitten im Gehen von den Füßen
fällt und dahinwelkt. Und kein Aschenputtelprinz kann sie einem wieder
anziehen. In Florida schlingt sich eine Schlange um ein schäbiges
Geländer und wartet auf Touristen, um sie fotogen zu umarmen. In Paris
steht ein skurriles Schaufensterpuppenpaar: Die eine trägt ein
optimistisches Blümchenkleid, die andre ein ärmelloses Evakostüm, ist
nackt und hat ihre Arme auf dem Boden abgelegt. Sogar langweilig Banales
wie ein Wasserglas komponiert er treffend. Auf Selbstporträts (die
Ich-Form der Fotografie) kann er auch nicht verzichten: ob im Leinenanzug
(seiner Narzissmus-Montur) oder als Hotelzimmer-Eingeborener mit einem
Lendenschurz aus ortsansässigem Frottee (einem Handtuch um die Hüften).
Bis 11. März bei Steinek (Himmelpfortgasse 22).
Erschienen am: 04.03.2005 |
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