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18.06.05 - 03.10.05 Les Grands Spectacles 120 Jahre Kunst und
Massenkultur
Künstler der Ausstellung: Vito Acconci,
Antonin Artaud, John Baldessari, Matthew Barney, Ford Beckman, Vanessa
Beecroft, Daniele Buetti, Andre Butzer, Maurizio Cattelan, Jake &
Dinos Chapman, Michael Ray Charles, Phil Collins, Hanne Darboven, Luc
Delahaye, Marcel Duchamp, Marlene Dumas, James Ensor, Alexandra Exter,
Peter Feldmann, Sylvie Fleury, Günther Förg, Marianna Gartner, Red Sniper
(Kendell Geers / Patrick Codenys), Andreas Gefeller, Nan Goldin, Dan
Graham, Richard Hamilton, Isabell Heimerdinger, Andreas Hofer, Damien
Hirst, Candida Höfer, Hubbard & Birchler, John Isaacs, Dennis
Oppenheim, Alan Kaprow, Edward Kienholz, Martin Kippenberger, Christof
Kohlhöfer, Yves Klein, Gustav Kluge, Bettina Könnemann, Jeff Koons, Yayoi
Kusama, Michael Light, El Lissitzky, Robert Longo, Urs Lüthi, É-J. Marey,
Paul McCarthy + Jason Rhoades, Jonathan Meese, Laszlo Moholy-Nagy, Otto
Mühl, Takashi Murakami, Eadweard Muybridge, Shahryar Nashat, Noble &
Webster, Dennis Oppenheim, Eduardo Paolozzi, Raymond Pettibon, Pablo
Picasso, Richard Prince, Martial Raysse, Tobias Rehberger, Alexander
Rodtschenko, Mimmo Rotella, Tobias Rehberger, Dieter Roth, Ed Ruscha, Jean
Tinguely, Rob Scholte, Elfie Semotan, Cindy Sherman, Joel Sternfeld,
Hiroshi Sugimoto, Nicola Tyson, Dziga Vertov, Catherine Wagner, Andy
Warhol, Franz West, Catherine Yass; und viele
andere.
Die Ausstellung „Les Grands Spectacles“ handelt von den
verschiedenen Formen, die der Raum der Öffentlichkeit, der Medien und der
Illusionen in den letzten 120 Jahren angenommen hat. Ob es nun um die
Konstruktion eines Schauplatzes oder eines Ereignisses geht, den Anteil
der Inszenierung oder den Ort kultureller Selbstvergewisserung, die
Aufhebung der Bühnensituation oder die Reichweite der Projektions- und
Übertragungstechniken – all diese Elemente haben sich zwischen 1885 und
2005 extrem verändert. „Les Grands Spectacles“ wird zeigen, wie diese
Veränderungen in die Kunst hinein wirkten oder von ihr angetrieben wurden,
wie die gesellschaftliche Bedeutung des Sensationellen, Tragischen oder
Trügerischen in der Kunst begriffen und der Stoff des Spektakels in
Kunstwerken erforscht, erweitert, entführt, verwandelt oder zerstört
wurde.
Schon das Wort Spektakel ist ein Synonym für viele
Phänomene; es steht im Deutschen für großes Aufsehen, billigen Lärm oder
knallige Ablenkung, im Französischen aber, ebenso wie in der
internationalen Theoriebildung für Schauspiel, Theater oder jede Art von
Veranstaltung und wird daher immer häufiger als Stichwort für ein
philosophisches oder theoretisches Konzept verstanden. Der französische
Autor Guy Debord (1931-1994) hat in dem Buch "La Société du Spectacle"
(Paris 1967) das Spektakel als komplexes System der Verblendung und des
Betrugs beschrieben, das die Menschen den Forderungen der moderne Medien-
und Arbeitsgesellschaft anpasst und sie um ihr Leben bringt. Der
Schwerpunkt der Wortbedeutung hat sich mithin in ähnlicher Weise verlagert
wie der Anteil des Spektakulären sich in der Gesellschaft verschoben hat;
von einem marginalen Phänomen des Vergnügens wurde er zu einem zentralen
Instrument der Kontrolle.
Die Ausstellung reflektiert die
Auseinandersetzungen der Kunst mit dem Spektakel in drei, mehr oder
weniger deutlich markierten Schritten: Sie setzt ein mit der Erfindung des
Films und der Standardisierung des bürgerlichen Schauspielhauses am Ende
des 19. Jahrhunderts, findet einen weiteren Schwerpunkt in der
Modernisierung und Ausweitung der Massenmedien nach dem 2. Weltkrieg und
führt schließlich zur Situation der Kunst am Beginn des neuen
Jahrtausends, wo jeder noch so kleine Anlass seine theatralische Quali-tät
vorzeigen muss und jede intime Regung der Individuen zum
Unterhaltungs-stoff für die Massen werden kann. Auch wenn der so genannten
Spaßgesell-schaft seit einiger Zeit das Ende angezeigt wird, die
Richtlinien der Eventkultur gelten weiter. Die Bedeutung des Spektakulären
befindet sich lediglich in einer neuerlichen Veränderung. Immer
nachhaltiger wird die Kunst dazu gedrängt, ihre Termine als Ereignisse zu
konzipieren und ihre Exponate als Stoff für massenwirksame
Großveranstaltungen einzusetzen.
Angesichts dieser Bedingungen, folgt „Les Grands Spectacles“ einigen
Spuren durch das 20. Jahrhundert, um künstlerische Strategien aus
verschiedenen Epochen vorzustellen, die darauf zielen, das Kunstwerk
(auch) zu einem Schauplatz für den Konflikt mit den Ansprüchen der
Gesellschaft des Spektakels zu machen. Obwohl die Ausstellung dabei einen
geschichtlichen Ablauf nachzeichnet, wird die Präsentation einzelner
Exponate nicht strikt dieser chronologischen Struktur untergeordnet sein.
Themen und Phänomene vom Anfang des 20. Jahrhunderts können also durchaus
mit aktuellen Werken versetzt werden, denn die Frage nach dem Stoff des
Spektakels und darin enthaltenen Konflikten soll nicht als eine historisch
ferne oder sogar schon überwundene gezeigt werden. Die Ausstellung
thematisiert die Übergänge zwischen Kunst und Gesellschaft und damit auch
die gesellschaftliche Vorstellung von Kunst; Ausgangspunkt, Repertoire und
Präsentationsgegen-stand sind Kunstwerke. Diese Grundkonstellation fordert
Aufmerksamkeit: Ziel ist es, den Ansprüchen der Kunst zu folgen und sich
nicht mit dem durch die Gesellschaft historisch oder begrifflich fixierten
Bild zu begnügen, das die Kunst als Freiraum definiert, um ihr damit nicht
mehr als eine randständige Existenz und Bedeutung zuzugestehen.
Den Auftakt bildet ein thematisch gegliedertes Kabinett, das die
Vielfalt der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen skizziert,
die innerhalb eines sehr kurzen Zeitabschnitts am Ende des 19.
Jahrhunderts gleichzeitig Wahr-nehmung und Bildbegriff radikal
veränderten. Die Erfindung des Films (Marey, Muybridge) war zu Anfang eine
wissenschaftliche Erforschung von Bewegungen und Formabläufen. Sie teilte
ihren Gegenstand damals mit dem Interesse an einer technischen Optimierung
der Arbeit durch Maschinen, woraus dann bekanntlich Fließbandproduktion
und Autoindustrie entstanden, während der Film sich in dieser Zeit noch
als Jahrmarktbudensensation bewähren musste. Erst in der Mitte des
folgenden Jahrhunderts stieg er zu einem zentralen Medium der
Industriegesellschaft auf. Das Kabinett wird sich daher zunächst als eine
Art Wunderkammer oder spekulatives Labor präsentieren und dann übergehen
in ein Archiv der klassischen Avantgarde, mit Werken und Doku-menten von
Futuristen, Dadaisten und Surrealisten. Diese Bewegungen suchten nicht nur
in der modernen Technik, sondern auch im verdrängten Bereich des
Sensationellen – bei Zirkusattraktionen, auf der Bühne des Traums und in
den populären Spekulationen über die 4. Dimension – nach dem Stoff, der
das Potenzial hat, die Gesellschaft zu verändern.
In einer zweiten
Sequenz dokumentiert die Ausstellung das Konzept der "Situationistischen
Internationale" (1957 - 1972) und präsentiert deren Kritik der
„Gesellschaft des Spektakels“ als eine der avanciertesten Positionen
poetischer Praxis in den 50er und 60er Jahren. Auch wenn die
Situationisten nach 1962 jegliche Kunst als Teil des Spektakels verwarfen,
wird ihre untergründige Aktivität in der Ausstellung als eine durchaus
ästhetische Intervention zu sehen sein, denn die "Situationistische
Internationale" war selbst ein Schauspiel, dessen Mechanismus in der
Imagination wirkte und mit Fiktionen durchsetzt war. Von dieser radikalen
Position ausgehend werden Werke aus dieser Epoche (Andy Warhol, Yayoi
Kusama, Yves Klein, Niki de Saint-Phalle) den eher dokumentarischen Rahmen
auflösen und zeigen, dass die modernisierten Formen industrieller
Produktion und die neuen Bedingungen des Massenkonsums im Kunstwerk durch
neue und grundlegend andere Fragestellungen und gewandelte
Produktionsweisen reflektiert werden. Auch außerhalb der
"Situationistischen Internationale" untersuchten Künstler die neue Sprache
der Massenkultur, um ihre Kunst – mit zum Teil sehr ähnlichen Mitteln
(Eduardo Paolozzi, Raymond Hains, Richard Hamilton) – zum Schauplatz eines
anderen Lebens oder Denkens zu machen.
Als Verbindung zwischen den 60er Jahren und der gegenwärtigen Situation
wird die Ausstellung sich mit Orten der Produktion von Illusionen
beschäftigen. Sie wird thematisieren, wie Filmproduktionstechnologie,
Filmindustrie, das System Hollywood, Disneyland und Las Vegas in der Kunst
aufgenommen und zurückgespiegelt wurden (Ed Ruscha, Raymond Pettibon,
Gustav Kluge, Catherine Wagner). Zugleich wird die Fragestellung auf die
reale Bühnen-situation ausgedehnt, wobei die Aufmerksamkeit dem Akt der
Illusionspro-duktion, der Überhöhung der künstlichen Figur auf der Bühne
ebenso gilt wie der Realität backstage (Nan Goldin, Marlene Dumas, Richard
Prince). Die leere Bühne oder Leinwand ist der Schauplatz, an dem – nicht
weit vom "Ende der Kunst" – Räume und Bilder auftauchen, in denen das
Spektakel sich aufgelöst hat oder medial verschwunden ist (Candida Höfer,
Hiroshi Sugimoto, Michael Asher).
Eine letzte Sequenz gruppiert sich um die 90er Jahre und gibt mit
einigen Werkgruppen von Künstlern wie Martin Kippenberger, Paul McCarthy
und Jason Rhoades oder Jeff Koons Einblick in künstlerische Strategien,
die sich der Verwertung in der Eventkultur durch affirmative Überhöhung,
soziale Gegen-entwürfe, burleske Mimikri oder böse Satire entziehen. Die
Kunst agiert nunmehr zwischen dem Elend eines Alltagslebens ohne Abenteuer
und der Hölle einer glamourösen Welt ohne Erfahrung. Jedes Ereignis, jeder
Wunsch und jede Lust werden entweder vermieden, nivelliert und bestraft
oder sind schon modelliert, aufgerufen und durchexerziert, bevor
irgendetwas davon einer Verwirklichung nahe gekommen ist. Die Kontrolle
der individuellen und selbst der intimsten Phantasie durch voraus
greifende Inszenierung und Muster stellt die Künstler – vor allem in ihrer
Rolle als Clown – vor die Frage, wie sie in einer Welt erscheinen wollen,
die jeden Einzelnen zum Maximum seines Vergnügens oder zur Projektion
seines Bildes in die Welt der Stars auffordert. Der Unterschied zwischen
Kunst und Leben oder Spektakel und Alltag wird hier aufgehoben, um von
beidem nur noch das Elend nachzulassen: die künstlerische
Vorstellungskraft als Reservoir lukrativer Extreme und das Leben als
Schauspiel in einem rundum überwachten Gefängnis. Unter diesen Bedingungen
treiben Künstler die Wiederaneignung der Idee des Außerge-wöhnlichen,
Festlichen, Leidenschaftlichen und Mitreissenden (Jonathan Meese) gegen
standardisierte Zeichen der Freizügigkeit oder des Schönen und gegen die
vorgespielten Gesten einer Unberührtheit von Tabus, wie sie etwa die Mode
oder das Reality TV propagiert.
Kuratoren der Ausstellung sind Margrit Brehm, Roberto
Ohrt .Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog
(ca. 300 Seiten, dt. engl.) mit Texten von Margrit Brehm, Roberto
Ohrt und Klaus Theweleit.
Das Magazin LES GRANDS SPECTACLES liegt zur
Ausstellungseröffnung vor.
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Mimmo Rotella, Affiche laceree representant
Marilyn Monroe, 1962, Plakatabriß auf Leinwand aufgezogen, 135
x 93 cm, Staatsgalerie Stuttgart/ Graphische Sammlung, ©VBK,
Wien 2005
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Cindy Sherman, Untitled MP # 351, 2000,
Olbricht Collection
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Alexandra Exter, Das Paar, 1922/23,
Staatsgalerie Stuttgart/Graphische Sammlung
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John Isaacs, Untitled (Diary of a Loner),
2000, C-Print; 130 x 103cm, Olbricht
Collection
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Teresa Hubbard und Alexander Birchler,
Arsenal, 2000, digital überarbeitete Fotografie, 165 x 130 cm;
Edition 1/6, Olbricht Collection
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Katrin Heichel, Real Love, 2004, Eitempera
und Öl auf Leinwand, 220 x 220 cm, Olbricht
Collection
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Dan Graham, Girl’s Make-up Room, 1998-2000,
Spiegelglas perforierter Edelstahl, Holzhocker,
Kosmetikartikel 170 x 300 cm Edition 2/5, Hauser & Wirth,
Zürich
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Martin Disler, Am Grab von Jim Morrisson,
1984, Borealis Ausgleichsfond
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Richard Hamilton, My Marilyn, 1965,
Siebdruck von 9 Schablonen, Kunstmuseum Winterthur, © VBK,
Wien 2005
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Paul McCarthy / Jason Rhoades, Shit Plug,
2002, Courtesy Galerie Hauser & Wirth,
Zürich
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Matthew Barney, Cremaster 1: Ms. Goodyear,
1995, c-print in self-lubricating plastic frame, 111,1 x 136,5
cm /; Edition 6/6, Olbricht
Collection
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