DiePresse.com | Kultur | Kunst | Artikel DruckenArtikel drucken


Richard Kriesche: „Geriatrische Verfasstheit des Kunstbetriebs“

25.01.2011 | 18:50 | SABINE B.VOGEL (Die Presse)

Der Grazer Medienkunstpionier erhielt den Österreichischen Kunstpreis 2010. Kriesche hat in seinem Werk von Anfang an gesellschaftliche Machtstrukturen angesprochen. Der "Presse" erklärte er, was die Museen versäumen.

„Mich erstaunt“, sagt Richard Kriesche, 60, „dass es immer noch Künstler gibt, die Kunst ohne elektronische Medien zu produzieren glauben, ohne Bewusstsein von einer digital vernetzten Wirklichkeit.“

Vor fast 40 Jahren, 1972, hat Kriesche dieses Thema anders formuliert – in einer Frage: „Ist das Kunst?“ Das war die „Videodemonstration Nr.10“, mit kriechenden Sätzen und tafeltragenden Künstlern für den ORF inszeniert. Eine Antwort hatte er im selben Jahr gegeben, in seiner ersten „Videodemonstration“, in der er vor laufender Kamera eine weiße Wand verkleidete und wieder entblößte: „Peeling Off. Kunst ist Erstellen von Kunst.“

Mitte der 1970er-Jahre folgte seine Aktion „Malerei deckt zu, Kunst deckt auf“ im ZDF, parallel zur documenta 6. Kriesche sprach in die Kamera: „Zwischen Ihnen und mir sind unsichtbare Barrieren eingebaut. Ich sehe zum Beispiel in die Kameras des ZDF. Ich sehe niemanden von Ihnen, der mich jetzt sieht. Da Sie nicht sehen, was ich sehe, und ich nicht sehe, was Sie sehen, muss offenkundig Unsichtbares zwischen uns liegen. Dies gilt es zu beschreiben, damit Sie sehen, was ich sehe, und ich sehe, was Sie sehen.“ Ob in solchen TV-Beiträgen, in seiner Aktion eines Schusses auf die aufzeichnende Kamera oder in den Videoinstallationen: Die vorrangige Funktion von Kunst sah Kriesche immer in der kritischen Analyse unserer Wirklichkeitswahrnehmung. So zählt der 1940 in Wien geborene, in Graz lebende Künstler zu den wichtigsten Pionieren der Medienkunst, die er auch als Professor und Institutsgründer, Medientheoretiker und Kurator geprägt hat. Gestern erhielt er dafür den Österreichischen Kunstpreis.

Heute ist die Medienkunst in den Galerien und Museen nach wie vor kaum zu finden. Die Gründe dafür sieht Kriesche im „Presse“-Interview kämpferisch: „Dass es die Medienkunst nicht in die Institutionen geschafft hat, ist nicht ihr selbst anzulasten.“ Es sei vielmehr ein „Symptom der geriatrischen Verfasstheit des institutionellen, marktwirtschaftlich angetriebenen Kunstbetriebs mit seinen Museen, Galerien, Auktionshäusern etc.“. Diese seien „Gründungen einer vormedialen bzw. vorelektronischen Ära“. Und sie seien es in ihren Konzeptionen geblieben: „Der Funktion nach sind sie die Betreiber eines Transformationsprozesses von Kunstwerten in Kapitalwerte. Solange Museen und mit ihnen der gesamte Kunstbetrieb mit wenigen Ausnahmen an diesem Selbstverständnis festhalten, kann es kein Museum für immaterielle Kunst geben. Museen und Kunstmarkt haben es weder geschafft, in den mediatisierten Lebensalltag der Menschen einzutreten noch mit dem technologisch determinierten Wandel von Wirklichkeiten Schritt zu halten.“

Kriesche hat in seinem Werk von Anfang an gesellschaftliche Machtstrukturen angesprochen. Die heute dominierende Kunst befasse sich dagegen vor allem mit sich selbst, beklagt er: „Was wir in den letzten Jahren sahen, war, dass Kunst zum Eventmarketing, zur Standortpolitik entlegenster Regionen, zu einem touristischen Accessoire bis hin zu einer Cultural Industry aufgerüstet wurde. Wen heute die Unterwerfung des Kunstbegriffs unter den Kapitalisierungsbegriff – und zwar auf globaler Ebene – noch immer nicht stutzig macht, der hat vergessen, dass Kunst der individuellen Freiheit bedarf, wie sie der gesellschaftlichen Freiheit verpflichtet ist.“

 

„Sie allein zeigt, was Kunst sein könnte“

So hält Kriesche, der sich u.a. auch schon an „Gen-Kunst“ versucht hat, an der Medienkunst fest: „Sie steht nicht mehr für eine definierte Sparte oder einen Typus innerhalb eines umfassenden Kunstbegriffs wie noch zu Beginn der Siebzigerjahre. Sie ist längst zum Kontext aller Künste aufgerückt. Sie allein zeigt, was Kunst sein könnte, um der Wirklichkeit unserer Welt ein Bild zu geben.“ In ihren Anfängen sei es der Medienkunst um „die Frage nach den durch Technik und Technologie hervorgebrachten und damit veränderten und veränderbaren Lebens- und Alltagswirklichkeiten“ gegangen; „jetzt geht es um die Transformation unserer persönlichen Gegenwärtigkeit zur Allgegenwart der Menschheit“.

Den Österreichischen Kunstpreis erhielten neben Kriesche (Video- und Medienkunst) Franz Graf (Bildende Kunst), Jessica Hausner (Film), Jacqueline Csuss (Kinder- und Jugendliteratur), Paul Albert Leitner (Künstlerische Fotografie), Paulus Hochgatterer (Literatur), Daniel Thomas Schlee (Musik).


© DiePresse.com