07.10.2002 20:38
Das Hohelied der Flachware
Ein
"Lob der Malerei" stimmt das Kunsthaus Wien mit der Ausstellung der
österreichischen Künstlergruppe "Wirklichkeiten" an
Mit der sechsköpfigen österreichischen Künstlergruppe
"Wirklichkeiten" und deren Werken von 1963 bis 1975 stimmt das Kunsthaus Wien
ein "Lob der Malerei" an. Zeitgemäß und historisch zugleich.
Wien - Mai 1968, welch ein sagenumwobenes Stichwort. Und da gibt es
österreichische Künstler, die malen Küchenstillleben und Selbstporträts. Damals,
als es "politische Kunst" als politisch korrekte Kategorie ebenso wenig gab wie
das Wort Kurator, füllten diese Künstler, die Gruppe "Wirklichkeiten", dennoch
eine Lücke. Andere Wirklichkeiten als Gegenstück zum vorherrschenden
Staatskunst-Dogma der Wiener Schule des Phantastischen Realismus sowie zur
expressiven Abstraktion rund um die Galerie nächst St. Stephan.
Sechs
junge Künstler, lose miteinander befreundet, fasste Otto Breicha im Mai 1968 zur
- ausfallsbedingt schnell eingeschobenen - eher zufälligen Ausstellung in der
Secession zusammen: die von "Cobra", der psychopathologischen Kunst und
vielleicht auch von lysergsäurehaltigen Ingredienzen (LSD!) getränkten
Wirklichkeiten. Nun, zur richtigen Zeit, wo Schiwago-Mützen, Hippie-Klamotten
und Schnürlsamtanzüge wieder en vogue sind, gegenwärtige Bands sich stilistisch
minimal von Sixties-Produktionen unterscheiden, kommen die Künstler im Kunsthaus
Wien wieder zusammen.
Man tat gut daran, die bewusst mit - zum Teil sehr
gewagten - Pop-Farben-Hintergrund und Aufmachung "schriller" gemachte Schau auf
das historische Werk von 1963 bis 1975 zu konzentrieren. Stilistisch ist ja die
aus sechs sehr eigenständigen Individuen bestehende Gruppe weit auseinander
gegangen. Allen voran der 1992 verstorbene Kurt Kocherscheidt, im übertragenen
wie tatsächlichen Sinn. Von seinen zwei komisch-absurden Bildern Lob der
Malerei leitet sich der Ausstellungstitel ab.
Breicha führte
anlässlich der Eröffnung an, dass heute "Flachware" nichts gelte, also eine
"renommeemindernde Tätigkeit" sei. Doch ist gerade in letzter Zeit eine der
x-ten Renaissancen der Malerei zu beobachten, bei den jüngsten
Ausstellungsprojekten wie auch in der Kunstproduktion.
Aber das alles hat
die Wirklichkeiten ja nie gereizt, auch heute nicht, wo laut Peter Pongratz ein
"infektiöser und fundamentalistischer Ikonoklasmus" herrsche. Damals waren sie
auch so etwas wie junge Wilde, ähnlich denen in den frühen 80er-Jahren. Breicha
bezeichnet ihren damaligen Aufstieg als das "Debüt der Handke-Generation in der
österreichischen Kunst".
Was Pongratz heute rückblickend notiert,
vereint die heterogene Gruppe ein wenig: Im Bedarfsfall sollte die Malerei "rau
und schmerzhaft oder kitschig und sentimental und, wenn nötig, hässlich, böse
und ironisch wie der Blues" sein. Die aggressiven Gesellschaftskritiker Franz
Ringel und Wolfgang Herzig, der auf Fotos hübsch im schwarzen
Existenzialisten-Rolli posiert, gingen mehr in die Psycho-Abteilung, die
Dämonisierung der Frau zwischen Heiliger und Hure nicht zu vergessen.
Robert Zeppel-Sperl imaginierte die Welt als hypertrophen Rausch, den er
quasi als fünfter Beatle zu Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band inmitten von
Blumenmädchen komponierte. Martha Jungwirths Stil, zweifach
documenta-geadelt (1977, 1982) geht schon weit in die Abstraktion, in den
Tachismus, mit konkreten Spuren, die bei Kohle/Papierarbeiten zuweilen fast als
gesprayte Graffitis zu sehen sind.
"Gezeigt wird, wie es wirklich ist,
eine Wirklichkeit wirklicher als die Natur", schrieb Otto Breicha damals:
"Innereimaschinen mit Herzklappendetektor, Gehirnarchitekten, die ganze schmucke
Nervenkanalisation." Sehr historisch. Und österreichisch. (DER STANDARD,
Printausgabe, 8.10.2002)