| |
|
Von Seattle nach Hannover
»Gouvernementalität – Kunst in Auseinandersetzung mit der
internationalen Hyperbourgeoisie und dem nationalen Kleinbürgertum.«
So umfassend war die Ausstellung betitelt, die Roger M. Buergel im
Auftrag des österreichischen Kulturprogramms zur EXPO 2000 in
Hannover zusammengestellt hat und die 23 künstlerische Positionen
aus unterschiedlichsten Zusammenhängen versammelte. »Zeitgenössische
Regierungstechniken und Formen der Machtausübung« sollten dabei –
ausgehend vom Anlassfall der Österreich – im Mittelpunkt stehen,
aber auch »Formen des möglichen Widerstands« gegen das globale
Funktionieren der westlichen Wohlstandsgesellschaft. Einer der
vertretenen Künstler, Allan Sekula, nahm dies zum Anlass, um
rückblickend die Protestbewegung gegen die wirtschaftliche
Globalisierung, die sich Ende letzten Jahres spontan in Seattle
zusammengefunden hat, in einer umfassenden Dia-Installation zu
porträtieren – vielleicht auch als Ausblick auf kommende
Konfrontationen zwischen planetarischer Macht und zunehmend
transnationalen Gegenmacht-Manifestationen
Alte Kestner
Gesellschaft, 6. Juni bis 30. Juli 2000; www.gouvernementalitaet.net
Warten auf Tränengas
»Wie die Welt war dieses
Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte
aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drin in Gottesnähe, was
oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber
schichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten
saßen, in Ruhe und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten
Särgen.« Joseph Roth, »Hotel Savoy«, 1924
Es geschah in
Seattle, in den letzten Tagen des vergangenen Jahrtausends. Aus
reiner Arroganz begingen die emsigen Organisatoren und ihre
multinationalen Gäste drei Fehler. Niemand verschwendete einen
Gedanken auf die Musik der jungen Leute, die mehr oder weniger auf
der Straße leben und sich völlig zu recht als »Arbeiterklasse«
bezeichnen. Niemand machte sich klar, wie tief ihre Verachtung für
jegliches Autoritätsgehabe sitzt. Und so dröhnten, noch während die
Granaten krachten, schrille Gitarrenklänge durch die gelben
Tränengasschwaden: die amerikanische Nationalhymne, gespielt von
Jimi Hendrix. In dieser Stadt, die sich am millionenschweren
Treiben der Herren des Internet berauscht, verschwendeten die
Organisatoren auch keine Sekunde an die Männer und Frauen, die im
Hafen arbeiten. Das war der zweite Fehler. Im vollen Bewusstsein
ihrer militanten Tradition stoppten die Hafenarbeiterinnen und
-arbeiter die Verladung von Metallkisten aus Asien, und machten
damit deutlich, dass dieser ganze globale Handel mehr ist als nur
die Frage eines Mausklicks. Drittens schließlich hielt niemand
es für nötig, den Stadtplan der Innenstadt sorgfältig zu studieren.
Und sich vorzustellen, wie mühelos Tausende ungehorsamer Körper die
hügeligen, regenglänzenden Straßen blockieren könnten, die von der
Autobahn hinunter nach Puget Sound führen. Das alles waren
taktische Fehler, wie sie die Mächtigen nirgendwo anders wieder
machen werden. Von nun an wird jede demokratische Bedrohung der
Globalisierer mit der Maschinerie des »Antiterrorismus« rechnen
müssen. Denn: »Alles ist möglich«. Diese Philosophie des maximalen
Gewappnetseins entspricht den gängigen Ideen von Kriegsführung, auch
wenn die neu erstandene Widerstandskultur ihre Lehren von Ghandi
bezieht. Mit Schwimmbrillen oder Tüchern vor dem Mund, manchmal fast
nackt, warten die Leute geduldig auf die Granaten, die
Gummigeschosse und das Gas. Wie verhält es sich aber, wenn man
gezielt auf Täuschungsmanöver setzt? Einige Monate später, am 1. Mai
des neuen Jahrtausends, wurden Tausende von Polizisten für viel Geld
zur Wall Street beordert. Angeblich drohte ein anarchistischer
Anschlag auf die Börse. In unmittelbarer Nähe der Stelle, wo Paul
Strand 1915 ein berühmtes Foto schoss, pflanzten sich stämmige
irisch-amerikanische Polizeibeamte auf. Sie trugen dicke Dossiers
mit der Aufschrift »Mayday 2000«. Ohne dass es ihnen klar war,
sandten sie den Notruf einer abstürzenden Maschine aus.* Die
Anarchisten dagegen tauchten nie auf. Hatten sie sich aus taktischer
Umsicht zurückgehalten? Hatten sie sich in den frühen Nachtstunden
anders entschieden, als Kundschafter unbemerkt den Einzug der
Polizei in die leeren Canyons von Lower Manhattan verfolgten?
Lieber stelle ich mir vor, dass hier eine strategische
Schlauheit am Werk war. Sie richtete sich darauf, die Ordnungshüter
an der Nase herumzuführen, sie als nervöse Opfer der Gespenster der
Vergangenheit – 1. Mai, Wall Street, Anarchisten … – hinzustellen.
Als wären wir alle zurückversetzt in die Zeit von Joseph Conrads
»Secret Agent«. Gibt es wirklich ein Ende der Geschichte? Und
wenn nicht Wall Street, der brodelnden Topf des Kapitals, wo als
nächstes?
|