Wien - Franz West nimmt ja für sich in Anspruch, in künstlerischen Fragen doch recht sensibel zu sein. Man glaubt ihm aufs Wort und nimmt ihm also ab, dass die momentane Ausstellung im Haus Wittgenstein im dritten Wiener Gemeindebezirk im Gegensatz zu so mancher vergangenen Präsentation nicht nur eine qualitativ hoch stehende wäre, sondern auch der - entgegen dem Mythos gar nicht so revolutionären - Architektur entgegenkäme.
Das Haus hat Ludwig Wittgenstein in Kooperation mit Paul Engelmann geplant. Die Ausstellung geht auf eine Eingebung von Franz West zurück; letztendlich sind auch die Duos Clegg & Guttmann und Muntean & Rosenblum sowie Rudolf Polansky und Tamuna Sirbiladze beteiligt.
Ausgangspunkt: der 1954 verstorbene Herausgeber der Kunst und Philosophiezeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker. Dem hat eine ähnliche Konstellation rund um West schon vergangenes Jahr eine Hommage gewidmet, die von der Innsbrucker Galerie Thoman aus bis in die belgische Foundation De 11 Lijnen vordrang. Und: Ein Begleitbuch wurde publiziert - Der Ficker. Der erfährt nun mit dem aktuell zweiten Ansatz zur Hommage eine zweite Folge und verspricht somit zum Jahrbuch für Verstreutes um und zu Ficker bzw. Wittgenstein zu werden (Verleger und Philosoph verband etwa ein umfangreicher Briefwechsel).
Seitens der bildenden Kunst zeigen sich die Reaktionen auf die Vorbilder aus dem frühen 20. Jahrhundert als im weitesten Sinne Untersuchungen an geläufigen Bildsprachen: Clegg & Guttmann fahren fort, Porträts von Leuten anzulegen, die weit mehr der Untersuchung der speziellen Rhetorik des Bildtypus dienen, als dass sie irgendwie Rücksicht auf das Spezielle der jeweils Abgebildeten nehmen. Muntean & Rosenblum zitieren erneut die medialen Konstrukte zur Erscheinung des typisch urbanen Jugendlichen und legen sich darüber hinaus nicht weiter fest, als dass "Identität" ebenso Thema ist wie der noch weiter gesteckte Begriff des "Gefühls".
Rudolf Polansky deutet seine transparenten Skulpturen als Versuche, "durch Verzerrung und Überdehnung ebenjener mentalen Vorstellungsmuster eine Veränderung des Grundmaterials zu erzielen". Erreicht werden soll damit eine Befreiung diverser Materialien aus "dem Gefängnis der biologistisch-adaptiven Sinnbedingungen".
Hingerotzte Expression
Tamuna Sirbiladze ergänzt um Dutzendware aus der beliebten Abteilung
absichtsvoll naiv hingerotzter Expression. "Ich möchte die Frauen
repräsentieren", steckt sie ihr großes Ziel ab, "aber auf eine
allgemeine Weise, nicht auf mich selbst fixiert, und auch nicht nur auf
Frauen . . ."
Meister West schließlich hat einen hochschießenden Flatus auf die eine Terrasse des Hauses Wittgenstein gestellt und einen hochgradig improvisierten Springbrunnen namens Peichl auf die andere. Dazu hat er dem Ganzen einen seiner exquisit grindigen Plakatentwürfe beigestellt - und im und um das Juwel der Wiener Moderne seine Serie Neurosa angebracht, amorphe Pickel aus Polyurethanschaum, die Ficker wie Wittgenstein hautkrank und also ganz allgemein menschlich erscheinen lassen.
Zur Vertiefung in die ausufernde Gruppendynamik rund um die beiden Heroen der österreichischen Geistesgeschichte hat Benedikt Ledebur im aktuellen Ficker Essays, Gedichte und Interviews von und mit u. a. Ulf Stolterfoht, Ferdinand Schmatz, Oswald Wiener (Zitat: "Primitive Lust an der ,Wortmagie'!"), Ann Cotten, Ilse Somavilla und Andrew Lugg versammelt. Erschienen ist der vergnügliche Reader ("Kunst und Lehre bringen Gunst und Ehre") bei Schleebrügge.Editor in Wien. Vorträge und Lesungen der Autoren zu Kunst und Sprache ergänzen die Schau bis zum 27. April. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 4. 2006)