MARTIN BEHR
GRAZ (SN). Nein, eine klassische Literatur-Ausstellung ist das nicht. In 36 Holzverschlägen, die an Wahlkojen erinnern, reflektieren Freunde und Bekannte des vor knapp zwei Jahren verstorbenen Autors Wolfgang Bauer via Bildschirm über ihre Beziehung zum Graz-Kunst-Begründer mit der wuchtigen Theater-Pranke. Die Wände sind bemalt, teilweise beschmiert. Zwischen kindlichen Tiergemälden und Plastiksack-Skulpturen sind Sätze wie "Kunst ist der Puma der Armut" zu lesen. "Memory XS" lautet der Titel der Schau, die als "Erinnerungsexzess" konzipiert ist und heute, Donnerstag, im Grazer Stadtmuseum eröffnet wird.
Otto Hochreiter, Chef des Stadtmuseums, ließ den Regisseur Karl Welunscheck "nicht reproduzierbare Erfahrungsräume" gestalten. Kein Satz, kein Bild (mit Ausnahme des von Gottfried Helnwein gestalteten Plakats) und kein Zitat von Bauer kommen darin vor. Dafür aber jede Menge Erinnerungen an jenen, der auszog, um als "Magic Wolfi" die Literaturwelt zu erobern. Erinnerungen von Künstlerfreunden und privaten Weggefährten, von Kritikern und (Literatur-)Theoretikern, deren Liste in der alphabetischen Reihenfolge mit Herbert Achternbusch beginnt und mit Peter Weibel endet. Neben Gert Jonke, Alfred Kolleritsch, Paulus Manker, Olga Neuwirth oder Franz Ringel kommen auch die Bauer-Witwe Adelheid sowie Sohn Jack zu Wort. Er berichtet über den Stolz, einen Vater mit einem großen Werk, gleichzeitig aber auch den Wunsch nach Eigenständigkeit zu haben: "Ich wollte eigene Sachen machen und bin auch mit 16 Jahren einmal ausgerissen."
Formal ist "Memory XS" die - verwegen und räudig sein wollende - Abwandlung eines Konzepts, mit dem die Filmemacherin Ruth Beckermann einst die Gedächtnisse Europas aufzuspüren versuchte. Die Wandgestaltung stammt vom Bühnenbildner Gerhard Fresacher, ist manchmal stimmig, dann wieder fast schon peinlich. Wer sich Zeit nimmt und das Stimmengewirr selektiv konsumiert, erfährt einiges über die mythenumrankte "Marke Wolfi Bauer". Vom "Bürgerschreck-Image" zum feinfühligen Menschen Wolfgang B.: "Wir wollen den etwas in Vergessenheit geratenen Poeten wieder ins Spiel bringen", erläutert Paul Pechmann, der wissenschaftliche Leiter der Schau. Die Vielfalt von Erzählungen und Legenden solle mit der von Bauer praktizierten Vermischung von Leben und Kunst, Realität und Fiktion korrespondieren.
Dem Konzept hinderlich sind bisweilen Eitelkeiten und Selbstdarstellungszwang der Befragten. Dass ein Szenefigaro, nicht aber Bauer-Spezialist Gerhard Melzer zu hören ist, wird durch das getrübte Verhältnis von Stadtmuseum und Literaturhaus Graz begründet sein. Dieses startete seinen Bauer-Schwerpunkt bereits am Mittwochabend mit der Präsentation des von Melzer und Andreas Unterweger herausgegebenen Buches "Ein schlimmes Kind bin ich - Dramen, Prosa, Lyrik aus vier Jahrzehnten".
Auch am Freitag kocht das Literaturhaus ein eigenes Süppchen: Mit einem Platzkonzert von Rainer Binder-Krieglstein und Gerald Votava wird neben dem Literaturhaus ein "Wolfgang-Bauer-Park" eröffnet. Dem folgt ein Symposion (wieder im Stadtmuseum) im Juni.






