17.09.2001 10:50:00 MEZ
Profilkopf mit Blick nach Osten
Das "Mumok" lässt nun hinter seine Lavafassade blicken

Direktor Lóránd Hegyi verleiht mit seiner Sammlungsaufstellung - inmitten von Architekturmängeln - dem "Mumok" eigenes Profil.


Endlich darf man erfahren, welches Kunstmagma hinter der Lavafassade des neuen Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig brodelt. Noch-Direktor Lóránd Hegyi hat die Elemente auf 4800 Quadratmetern geordnet, die da 5000 Stück Museumsexponate heißen.

Ein Zehntel, also 500 Objekte, verteilte er im Haus - auf sechs des insgesamt neun Ebenen führenden Mumok im MuseumsQuartier. Kurz nach dem Eingang, der sich nach der Enge der Tore ins Weite der Vorhalle öffnet, steht man auf Ebene Nummer 4. Verwirrend, aber nach der Kassa wird sicher jeder aufgeklärt, dass er zum "Tour-Start" in den Keller, auf Ebene 1 muss. Dies ist dann doch wieder egal, denn außer auf den Ebenen 8 und 9 (Hauptwerke der Ludwig-Stiftung und "VIP Lounge") herrscht durchwegs Kelleratmosphäre.

Die unterteilten Lichtstreifen an der Decke geben zwar streufreies Kunstlicht, machen die Museumsräume aber ungemein unruhig, stören eklatant die Präsentation. Trotzdem ein Aufatmen im Rückblick auf die Parkettböden und Holzvertäfelungen im Palais Liechtenstein. Franz Kupkas Essays robustes (1920), Hegyis einziger Ankauf von Kunst vor 1945, wirkt noch einmal so modern wie im alten Haus.

Also im Keller die Historie, am Dach die Zeitgenossen? Dieses langweilige und in seiner Chronologie anachronistische Prinzip hat Hegyi zum Glück aufgebrochen. Zur klassischen Moderne auf Ebene 1 gesellen sich Zeitgenossen - jedoch getrennt und nicht in direkter Gegenüberstellung wie in der Tate Modern. Hier unten beherrscht ein Röhrensystem die Decke. Deshalb hat man den ehemals als Depot veranschlagten Saal "Factory" getauft - manchmal bedarf es eben nur passender Namen. Dort bietet Diskursive Malerei unterschiedlichste Spielarten an geometrischer Kunst und ihrer Auflösung. Peter Halleys Systeme, übrigens erworben mithilfe der finanzkräftigen "Gesellschaft der Freunde der bildenden Künste", scheint Bernard Frieze in seinem Bild gerinnen zu lassen. Hier treffen zum Beispiel sphärische Brandl-Welten auf Rockenschaubs Geo-Pop.

Hegyi hält es zu Recht für wichtig, dass im Eingangsbereich, auf besagter Ebene 4, ebenfalls zeitgenössische Kunst beherbergt wird. In Gilbert & Georges Riesenbildern spiegeln sich etwa Walter Obholzers Ornamente. Insgesamt soll sich hier die "condition humaine" anhand des Körpers, der Architektur und der Natur festmachen - ein gutes Destillat (u. a. Cindy Sherman, Richard Billigham, Muntean/Rosenblum). Ein Mix unterschiedlichster Medien, da Hegyi nichts mehr nervt als Einförmigkeit in Form von "Medienterror". Lois Weinberger, den Hegyi früh förderte, bekam dort ein eigenes Kabinett.

Auf Ebene 3 lagern die Konzeptkunst, Minimal Art oder Arte Povera der 60er- und 70er-Jahre. Besonders auffallend der Raum "Land Art" mit einem Seitenkabinett zu Keith Sonniers Leuchtbild. Für den "aktiven Bereich" stehen den Besuchern das "MediaLab" sowie ein großer Werkraum namens "DER STANDARD Atelier" zur Verfügung.

Weitere Zeitgenossen wie Franz West oder Ilya Kabakov, der zwei komplette Räume füllt, konfrontierten auf Ebene 6 Werke aus Mitteleuropa, Hegyis "Lieblingskind". Hier findet sich einer der wohl schönsten und stimmigsten Räume des neuen Museums, in dem u. a. das Mumok-Plakatmotiv mit Karel Malichs Drahtskulptur und Stanislav Kolibals geometrischer Skulptur korrespondiert.

Mit der Mitteleuropa-Schie- ne definiert das Museum sein eigenes Profil. Gut, mutig, ein Spitzenbild eines Künstlers als Plakatmotiv zu nehmen, der in der westlichen Kunst(welt) noch kaum Beachtung fand: Zdenek Sykoras Linie Nr. 137. Überhaupt wirkt die Neuaufstellung wie ein persönlicher Sampler des scheidenden Direktors aus Ausstellungstätigkeit und Ankaufspolitik der vergangenen elf Jahre (abstrakt/real, Mitteleuropa, La casa - il corpo).

"Love" vor dem Logo

In den Räumen mit der Hahn-Sammlung (Fluxus-Räume) und der Dachgalerie hat Hegyi nicht seine Linie verwirklicht, sondern die Ludwig-Stiftung repräsentiert. Dort, wo früher das von Hegyi nicht goutierte Mumok-Logo prangte, hängt eine Schwarz-Weiß-Version von Robert Indianas Love-Bild. Das Panoramafenster verdeckt - bewusst - Claes Oldenburgs Mouse Museum.

Massiv stören insgesamt Triptychen aus Feuerlöscher-tür, Fluchtwegtüren und Stromkastentür an zentralen Schauwänden, sodass man dies fast für eine Kunstinstallation halten könnte. Die unruhige Lichtführung und der Schilderwald bilden andere Wermutstropfen, die nicht so offenkundig zutage traten ohne Kunstobjekte.

Lóránd Hegyi schuf mit der Eröffnungsschau ein eigenes, auch nach Osten blickendes Profil, das der designierte Direktor, Edelbert Köb, nach Ende der Erstausstellung Ende März 2002 sicher und voll vollrechtsfähig übernehmen und verändern wird. Hegyi weist auf die mobilen Wände des Museums hin, sodass, schmunzelt er, "mein Nachfolger freie Hand hat".


(DER STANDARD, Print, Sa/So. 15.09.2001)


Quelle: © derStandard.at