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Kunstberichte

Vom Harlekin zum genialen Selbstdarsteller

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt eine umfassende Schau zum Thema Pablo Picasso und das Theater
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- Eine Szene aus dem 1924 uraufgeführten Ballett „Mercure“. Pablo Picasso schuf die Ausstattung, die Musik komponierte Erik Satie.  Foto: Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Eine Szene aus dem 1924 uraufgeführten Ballett „Mercure“. Pablo Picasso schuf die Ausstattung, die Musik komponierte Erik Satie. Foto: Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Ein Bild malen bedeutete für ihn, eine dramatische Handlung in Gang zu setzen. Als sein größter kubistischer Bühnenentwurf könnte deshalb sogar das Antikriegsbild "Guernica" eingestuft werden. Der Aufbau und das Überformat sprechen dafür. Zeitgenossen und Kollegen von Pablo Picasso sahen in seinem Engagement für das Theater indessen einen Verrat an den avantgardistischen Ideen des Kubismus. Dennoch war es ein wichtiger Austausch beider Seiten.

1967 publizierte Douglas Cooper mit dem Künstler gemeinsam "Picasso Théâtre", 1991 folgte mit zusätzlichen Fotodokumenten und Skizzen, die nach dem Tod des Künstlers 1973 gefunden wurden, eine erste Schau zum Thema in New York.

Max Hollein wirft mit Kurator Olivier Berggruen, der schon Henri Matisse und Yves Klein für die Frankfurter Schirn Kunsthalle konzipiert hat, einen Blick auf den großen Inszenator mit noch größerem Spieltrieb.

Natürlich sind von den Kostümen, Kulissen und Vorhängen zu den Stücken der "Ballets Russes" des berühmten Impresario Serge Diaghilew kaum Exponate erhalten, aber die Skizzen dazu hat der Künstler aufbewahrt. Viele Zeichnungen und Gouachen lassen neben Fotografien die verlorenen Requisiten wenigstens geistig wieder erstehen.

Der Klassizist

Am Anfang der Schau sind frühe Gaukler natürlich besonders erwähnenswert, dazu der "Harlekin mit Halbmaske" von 1918. Aber auch die Protagonisten von Diaghilew, Komponisten wie Igor Strawinsky, Manuel de Falla und Erik Satie, der Dichter Jean Cocteau bis zum Choreographen Léonide Massine zeichnete Picasso um 1920 mit zarten Linien nach dem Vorbild des Klassizisten Dominique Ingres.

Hier zeigt sich der durch Picassos Heirat mit der (ebenfalls von ihm porträtierten) Tänzerin Olga Koklowa in eine bourgeoise Lebensweise wechselnde Künstler von seiner biederen Seite: Aus dem Gaukler und Bohemien wurde für ein Jahrzehnt ein gut situierter und englisch gekleideter Familienvater.

Neben Zeichnungen und bunten Kostüm- und Bühnenbildentwürfen ist der kleinere Vorhang zum Ballett "Mercure" von 1924 erstmals in Deutschland zu sehen.

Im Gegensatz zur fast reinen Gemälde-Ausstellung über den späten Picasso in der Wiener Albertina, handelt es sich hier hauptsächlich um Papierarbeiten aus wesentlichen musealen und privaten Sammlungen – vom Ausstellungsprofil also fast eine verkehrte Welt.

Zentrale Werke

Die Werke umfassen die Jahre 1900 bis 1926 und damit die so beliebte blaue und rosa Periode, den analytischen und synthetischen Kubismus, aber auch die wichtige klassizistische Phase. Alles, was man sich zu Picasso wünscht und auf Papier als Skizze selten kannte.

Während der acht Jahre nach der Romreise 1917 mit dem Russischen Ballett entstanden parallel die berühmten Strandbilder mit Badenden Frauen, die antiken Muttergöttinnen ähnlich sind, doch auch der Kubismus wurde weiter variiert. Mit dem Ballett "Parade" (1917, Musik von Erik Satie) begann die Revolutionierung des Theaters, das von Diaghilew als Gesamtkunstwerk mit Bühnenbild und Musik verbunden wurde; das Publikum empfand es kritisch als vulgär und grotesk.

Picasso, der sich selbst auch als Harlekin malte, nahm Anregungen aus der Antike auf, wahrscheinlich vor allem von den Etruskern, von Nicolas Poussin, dem erwähnten Ingres und in "Pulcinella" wohl auch von den Commedia dell'Arte-Bildern eines Antoine Watteau.

Natürlich ist diese fast akademische Seite gegenüber der Aufnahme von afrikanischer Plastik im Kubismus immer herunter gespielt worden. Heute aber sieht man sogar das spätere aktionistische Talent des Schaustellers Picasso für die zahlreichen Filme zu seinem Werk ab 1950. Dabei ist vor allem Henri-Georges Clouzot 1955 gedrehte "Inkarnation eines Genies" mit dem Titel "Le Mystère Picasso" Vorbild für die abstrakten Expressionisten und den Künstlerfilm schlechthin.

In den Vierzigerjahren hatte der Maler, Dauergast in Corrida und Zirkus, auch zwei Theaterstücke geschrieben. Nur beim strengen Diaghilew biss er auf Granit, wenn die Entwürfe nicht entsprachen: Selbst Picasso, der sich zuweilen gegen andere mit seinen Entwürfen durchsetze, musste Veränderungen nach dessen Vorschlägen vornehmen.

Picasso und das Theater

Kurator: Olivier Berggruen

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Zu sehen bis 21. Jänner 2007

Picassos Theaterzauber

Dienstag, 21. November 2006


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