Ein Bild malen bedeutete für ihn, eine
dramatische Handlung in Gang zu setzen. Als sein größter kubistischer
Bühnenentwurf könnte deshalb sogar das Antikriegsbild "Guernica"
eingestuft werden. Der Aufbau und das Überformat sprechen dafür.
Zeitgenossen und Kollegen von Pablo Picasso sahen in seinem Engagement
für das Theater indessen einen Verrat an den avantgardistischen Ideen
des Kubismus. Dennoch war es ein wichtiger Austausch beider Seiten.
1967 publizierte Douglas Cooper mit dem
Künstler gemeinsam "Picasso Théâtre", 1991 folgte mit zusätzlichen
Fotodokumenten und Skizzen, die nach dem Tod des Künstlers 1973
gefunden wurden, eine erste Schau zum Thema in New York.
Max Hollein wirft mit Kurator Olivier Berggruen, der schon Henri
Matisse und Yves Klein für die Frankfurter Schirn Kunsthalle konzipiert
hat, einen Blick auf den großen Inszenator mit noch größerem
Spieltrieb.
Natürlich sind von den Kostümen, Kulissen und Vorhängen zu den
Stücken der "Ballets Russes" des berühmten Impresario Serge Diaghilew
kaum Exponate erhalten, aber die Skizzen dazu hat der Künstler
aufbewahrt. Viele Zeichnungen und Gouachen lassen neben Fotografien die
verlorenen Requisiten wenigstens geistig wieder erstehen.
Der Klassizist
Am Anfang der Schau sind frühe Gaukler natürlich besonders
erwähnenswert, dazu der "Harlekin mit Halbmaske" von 1918. Aber auch
die Protagonisten von Diaghilew, Komponisten wie Igor Strawinsky,
Manuel de Falla und Erik Satie, der Dichter Jean Cocteau bis zum
Choreographen Léonide Massine zeichnete Picasso um 1920 mit zarten
Linien nach dem Vorbild des Klassizisten Dominique Ingres.
Hier zeigt sich der durch Picassos Heirat mit der (ebenfalls von ihm
porträtierten) Tänzerin Olga Koklowa in eine bourgeoise Lebensweise
wechselnde Künstler von seiner biederen Seite: Aus dem Gaukler und
Bohemien wurde für ein Jahrzehnt ein gut situierter und englisch
gekleideter Familienvater.
Neben Zeichnungen und bunten Kostüm- und Bühnenbildentwürfen ist der
kleinere Vorhang zum Ballett "Mercure" von 1924 erstmals in Deutschland
zu sehen.
Im Gegensatz zur fast reinen Gemälde-Ausstellung über den späten
Picasso in der Wiener Albertina, handelt es sich hier hauptsächlich um
Papierarbeiten aus wesentlichen musealen und privaten Sammlungen – vom
Ausstellungsprofil also fast eine verkehrte Welt.
Zentrale Werke
Die Werke umfassen die Jahre 1900 bis 1926 und damit die so beliebte
blaue und rosa Periode, den analytischen und synthetischen Kubismus,
aber auch die wichtige klassizistische Phase. Alles, was man sich zu
Picasso wünscht und auf Papier als Skizze selten kannte.
Während der acht Jahre nach der Romreise 1917 mit dem Russischen
Ballett entstanden parallel die berühmten Strandbilder mit Badenden
Frauen, die antiken Muttergöttinnen ähnlich sind, doch auch der
Kubismus wurde weiter variiert. Mit dem Ballett "Parade" (1917, Musik
von Erik Satie) begann die Revolutionierung des Theaters, das von
Diaghilew als Gesamtkunstwerk mit Bühnenbild und Musik verbunden wurde;
das Publikum empfand es kritisch als vulgär und grotesk.
Picasso, der sich selbst auch als Harlekin malte, nahm Anregungen
aus der Antike auf, wahrscheinlich vor allem von den Etruskern, von
Nicolas Poussin, dem erwähnten Ingres und in "Pulcinella" wohl auch von
den Commedia dell'Arte-Bildern eines Antoine Watteau.
Natürlich ist diese fast akademische Seite gegenüber der Aufnahme
von afrikanischer Plastik im Kubismus immer herunter gespielt worden.
Heute aber sieht man sogar das spätere aktionistische Talent des
Schaustellers Picasso für die zahlreichen Filme zu seinem Werk ab 1950.
Dabei ist vor allem Henri-Georges Clouzot 1955 gedrehte "Inkarnation
eines Genies" mit dem Titel "Le Mystère Picasso" Vorbild für die
abstrakten Expressionisten und den Künstlerfilm schlechthin.
In den Vierzigerjahren hatte der Maler, Dauergast in Corrida und
Zirkus, auch zwei Theaterstücke geschrieben. Nur beim strengen
Diaghilew biss er auf Granit, wenn die Entwürfe nicht entsprachen:
Selbst Picasso, der sich zuweilen gegen andere mit seinen Entwürfen
durchsetze, musste Veränderungen nach dessen Vorschlägen vornehmen.
Picasso und das Theater
Kurator: Olivier Berggruen
Schirn Kunsthalle Frankfurt
Zu sehen bis 21. Jänner 2007
Picassos Theaterzauber
Dienstag, 21. November 2006