Sehen von Kunst wird ein Schockerlebnis
René Magritte. Im Alltag lebte er als biederer Belgier. In der Kunst wollte er nichts weniger als das menschliche Sehen verändern.
Hedwig Kainberger Brüssel (SN). Wer bürgerlich-bieder wirkende Menschen als uninteressant abkanzelt, der muss René Magritte ignorieren. Der Belgier trug stets klassischen Anzug und Krawatte. Er lebte mit seiner Frau Georgette und dem Hund Jackie in einer bieder möblierten Vorortvilla. Eigentlich führten sie ein spießiges Leben. Doch als Künstler war René Magritte (1898–1967) subversiv, provozierend und revoltierend. Er veränderte das Verständnis von Bild und Wirklichkeit.
Ihm widmet Brüssel nun ein 7,5 Millionen Euro teures Museum, das am kommenden Wochenende eröffnet wird. Es soll nicht nur ein Touristenmagnet mit 500.000 Besuchern pro Jahr, sondern als Filiale des Museums für Schöne Künste und in Zusammenarbeit mit der Universität Brüssel auch zum weltweiten Kompetenzzentrum für René Magritte und dessen Werk werden. Vorbild für dieses neuartige Ein-Künstler-Haus sind das Van-Gogh-Museum in Amsterdam und das Paul-Klee-Zentrum in Bern.
Im fünfstöckigen Gebäude gegenüber dem Königlichen Schloss wird etwa ein Zehntel von Magrittes Schaffen gezeigt. Auch wenn Ikonen wie zwei Versionen von „Das Reich der Lichter“ – diese Bilder von einem nächtlich beleuchteten Haus zwischen finsteren Bäumen unter Tageshimmel – zu sehen sind, mangelt es an Spielarten der für Magritte so typischen Männer mit Melone. Auch vom Bild einer Pfeife mit der Aufschrift „Das ist keine Pfeife“ („Ceci n’est pas une pipe“) gibt es nur eine kleine Tuschezeichnung. Die Leistung des neuen Museums besteht nicht in der Ansammlung von Hits, sondern in der Darstellung des Werdens von Magrittes Werk und seiner Gedankenwelt.
Dass René Magritte gegen Ende seines Lebens so nachhaltig wirksame, massenhaft reproduzierte Bilder zu malen vermochte, hatte er in der Not des Anfangs gelernt. Er verdiente sein Geld mit Gebrauchsgrafik: Werbeplakate oder Titelblätter für Musiknoten. Seine ersten Ölbilder sind unoriginell, er malt einmal im Stil der Kubisten, einmal als Fauvist oder als Futurist. Zur Zäsur kommt es 1926. Nachdem er Bilder Giorgio de Chiricos gesehen hat, wird er radikal: Er will nicht mehr schön malen, sondern schockieren und provozieren. Er zeigt, dass der Akt des Sehens nicht eine Aufnahme von Wirklichkeit ist, sondern dass jeder Betrachter selbst Eindrücke assoziativ zusammensetzt und dabei fälschlich meint, seine Wahrnehmung sei wirklich.
Diese Falschmeinung vom Wirklichen deckt Magritte über Verrätselung und Irritierung auf. Er kombiniert Objekte oder Eigenschaften, die er ins Gegenteil verkehrt oder aus dem normalen Kontext reißt. Da sind steinerne Kegel, aus denen Äste wachsen, eine Schildkröte, die fliegt, sowie Vögel, die aus Wurzeln und Blättern herauswachsen. Holz wird weich, Stein wird leicht wie eine Wolke, Schuhe werden zu Füßen.
Zur Einnahmequelle wird seine Kunst erst ab den 1950er-Jahren. Peggy Guggenheim entdeckt ihn, da beginnt in den USA ein Run auf seine Bilder. Er beugt sich dieser Nachfrage und malt ab 1951 gefälliger als je zuvor. Von den marktgängigen Motiven entstehen viele Versionen. Da passiert das Erstaunliche: In der Hinwendung zum Publikumsgeschmack (manche haben ihm Kommerzialisierung vorgeworfen), doch ohne Aufgabe seiner Ideale und Provokationen entstehen seine eindrücklichsten Bilder.




















