Die Grenze zwischen künstlerischer Fotografie und Bildjournalismus
verläuft fließend. Inge Moraths Fotoreportagen wurden zwar in renommierten
Magazinen wie "Life", "Paris Match" und "Holiday" publiziert, gleichzeitig
aber waren ihre Bilder immer auch im Rahmen künstlerischer Ausstellungen
zu sehen.
Vom richtigen Augenblick
Beider Agentur Magnum, für die Morath seit 1953 als erste Frau tätig
war, begann sie sich näher für das Medium Bild zu interessieren -
angeleitet von ihren Vorbildern Robert Capa und vor allem Henri
Cartier-Bresson, der mit seiner Theorie vom "rechten Moment" den größten
Einfluss auf sie hatte. Sie verinnerlichte sein Motto, wonach der Fotograf
seine Aufnahmen mit einem weit offenen Auge machen müsse, das die Welt
durch den Sucher beobachtet, während das andere geschlossen ist und in die
eigene Seele blickt.
Die Beziehung zum Motiv
Inge Morath bereiste im Laufe ihres Lebens immer wieder Spanien,
Russland, China und den Iran, Länder, zu denen sie sich hingezogen fühlt.
Das Besondere an ihren Bildern war die akribische Vorbereitung. Kaum je
fotografierte sie in einem Land, ohne zumindest die Grundkenntnisse der
jeweiligen Sprache zu beherrschen. Nur so sei es möglich, eine persönliche
Beziehung zu den Motiven aufzubauen - eine Grundvoraussetzung für
fotografische Wahrnehmung.
Eine Geografie der Kunst
Ihr Zugang zu anderen Kulturen nahm oft den Umweg über deren Kunst,
weshalb zu ihren berühmtesten Fotografien Künstlerporträts zählen, wie
etwa jene von Alberto Giacometti, Jean Cocteau oder Henry Moore. Müßig zu
sagen, dass sie natürlich immer auch ihr Lebensumfeld (Paris, New York)
und ihre Freunde unter die fotografische Lupe nahm.
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| Alberto Giacometti in seinem Pariser Atelier
1958 / ©Bild: Inge Morath / Magnum
Photos |
Man traut seinem Auge...
Anders als viele ihrer Kollegen gab Inge Morath nie der Versuchung
nach, schwarz-weiß zu malen und in Konfliktsituationen allzu deutlich
Stellung zu beziehen. Bei ihren China-Reisen etwa fotografierte sie neben
politischen immer auch künstlerische Motive und Menschen in
Alltagssituationen. Der Subjektiviät ihrer Fotografie war sie sich dennoch
bewusst: "Die persönliche Sicht ist eigentlich immer von Anfang an da:
Resultat irgendeiner Alchemie von Herkunft, Gefühl, Tradition und ihrer
Ablehnung, Sensibilität und Voyeurismus. Man traut seinem Auge und
entblößt seine Seele."