Neuer documenta-Leiter benannt
"Würde in
Zeiten des Spektakels"
Roger-Martin Buergel wird 2007 die
nächste documenta in Kassel leiten. Die Pressekonferenz anlässlich der Ernennung
des Wiener Kritikers und Kurators musste nach zehn Minuten wegen protestierender
Studenten abgebrochen werden.
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Die Vorstellung des neuen documenta-Leiters musste jedoch nach nur zehn Minuten abgebrochen werden. Hunderte Studenten trommelten gegen Glaswände, klatschten, pfiffen oder läuteten mit Glocken, um gegen die Sparmaßnahmen in der hessischen Bildungspolitik zu demonstrieren. Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU), Mitglied des documenta-Aufsichtsrats, wurde mit einer Torte beworfen und dann unter Polizeischutz aus dem Saal geführt.
Wie sein Vorgänger Okwui Enwezor will Buergel auf der documenta Kunstschaffende aus "in der Kunstwelt unterbelichteten Weltgegenden" präsentieren. "Die documenta ist von Natur aus global", sagte Buergel nach dem Abbruch der Pressekonferenz. Er will den Gästen viel Autonomie einräumen: Künstlergruppen und Kollektive sollen sich selbstständig und eigenverantwortlich präsentieren können. "Ich will Schluss machen mit der neurotischen Fixierung auf den Künstlerischen Leiter und meine Macht nicht nur teilen, sondern sie abgeben." Er wolle keine Räume voll stellen, sondern eine "informelle, überschaubare und politische" Ausstellung machen.
Kompetenter Insider
Eine internationale Findungskommission hatte sich zuvor einstimmig für Buergel ausgesprochen. Der Findungskommission gehörten sieben Leiter bedeutender Museen und Kunsthallen an. Auch im Aufsichtsrat fiel die Entscheidung einstimmig, wie der Vorsitzende, Kassels Oberbürgermeister Georg Lewandowski (CDU), sagte.
Der Sprecher der Findungskommission, Gavin Jantjes aus Oslo, bezeichnete Buergel als "außergewöhnliche Persönlichkeit, von der man sich eine Neudefinition des Ausstellungsmachen" erhoffe. Buergel habe das überzeugendste Konzept vorgelegt. Die Findungskommission verspreche sich von ihm, dass "die Würde zurückkehrt in einer Zeit des Spektakels".
Buergel ist in der breiten Öffentlichkeit ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, gilt in der Kunstszene jedoch als kompetenter Kritiker und Theoretiker. Als Kurator verschiedener Ausstellungen hat er sich jungen internationalen Künstlern gewidmet, die in ihrer Arbeit politische und soziale Themen behandeln. Für den Kunstraum der Universität Lüneburg bereitet er zurzeit die Ausstellung "Die Regierung" vor. Auf der Expo 2000 in Hannover zeigte er die Schau "Gouvernementalität. Wie wir regiert werden wollen".
Der in Kunstkreisen als "originell" und "dandyhaft" beschriebene Buergel, 1962 in Berlin geboren, hat sich als freier Kurator, Künstler und Übersetzer einen festen Platz in der jungen Szene geschaffen. Kollegen schätzen ihn als umtriebigen Insider, der sich jenseits des Mainstreams positioniert.
Buergel ist auch Mitbegründer der Kunstzeitschrift "springerin", für die er als Autor und Übersetzer arbeitet. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich Filmtheorie und feministische Theorie. Sein Anspruch ist dabei, künstlerische Theorie und ästhetische Praxis zu vereinigen. Über seine Tätigkeit als Übersetzer hat er sich einen breiten Überblick über die aktuellen Kunsttheorie angeeignet und Kontakte zu den zentralen Figuren des heutigen Kunstgeschehens geknüpft.
Als in Fachkreisen bekannter und geschätzter Kurator arbeitet er eng mit Künstlern wie Allan Sekula, Harun Farocki und Peter Friedl zusammen. Buergel ist Träger des "Walter Hopps Award for Curatorial Achievement", den die Menil-Foundation in Texas in diesem Jahr erstmals vergeben hat und künftig alle zwei Jahre für herausragende kuratorische Tätigkeit verleihen will.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) bezeichnete die Ernennung Buergels am Mittwoch als mutige, riskante, aber auch vielversprechende Wahl. "Ich bin sicher, dass er der documenta 2007 eine starke Handschrift verleihen wird, so wie seine eigene Arbeit stets Unkonventionalität und Originalität kennzeichnen", erklärte Weiss. Sie werde Buergel demnächst zum Gespräch ins Kanzleramt einladen.
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