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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
09. Jänner 2006
17:57 MEZ
Von Anne Katrin Feßler



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Galerie im Taxispalais, Innsbruck
Bis 15. Jänner 
Foto: Martin Walde
Erinnerungen an ein entblößtes und entzündetes Bauchnabel-Piercing in der U-Bahn: "Chanel #1", 2003, aus der Serie "Enactments".

Ohne Gummistiefel im glucksenden Biotop
Martin Walde fungiert in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais als Katalysator von Prozessen und Reaktionen

Innsbruck – Das Statische ist nicht das Seine. Bei Martin Walde ist die Realität daher stets in Bewegung – die physikalische, die chemische und auch jene der subjektiven Wahrnehmung. Lange Zeit absent, entwirft der Innsbrucker in seiner Heimatstadt ein Schlaraffenland für Museumspädagogen und Hobbywissenschafter: Angebote zum Hinterfragen von Alltäglichem, bei denen man seinen Spieltrieb auch auslebt.

Biotop oder Giftcocktail

Ganz ohne Gummistiefel und Forschermikroskop lässt es sich in der Galerie im Taxis- palais zu einer glucksenden grünen Ursuppe hinabsteigen. Wie DNA-Ketten kringelt sich hier in geschulten Händen Industrieverpackungsband zu einem riesigen Lockenhaufen. Dieses "NOFF #4", ein "Nature's Own Flexible Facsimile", imitiert Natur – welche, bleibt offen. Aber der grüne, schlürfende Videokommentar "Concoction" lenkt ein wenig in Richtung Biotop. "Brouuurb". Oder vielleicht ist es doch ein quietschgrüner Giftcocktail?

Wer hier zu grübeln anfängt, ist zum fruchtbaren Element in Waldes Kosmos geworden. Im suggestiven Sortiment des documenta X-Teilnehmers schwimmt auch eine Eisscholle mit flüssigem Lavakern. Auf den zweiten Blick bleibt Melting Compactor jedoch nur ein Haufen des Kerzenrohstoffs Stearin, in den Infrarotlicht (trotz pflanzlichen Rohstoffs!) eine giftig stinkende Wachspfütze schmilzt. Aber ums Vortäuschen geht es auch gar nicht. Vielmehr reizt es Walde, Prozesse zu initiieren und sich über deren Kalkulierbarkeit hinwegzusetzen.

Kreuchendes und Fleuchendes

Das "Laisser- faire" seiner Arbeiten sollte daher ausgereizt werden. Schief gehen kann dabei nicht viel – es sei denn, das Abstreifen einstudierter musealer Verhaltenscodes – "Don't touch!" – misslingt. Blöd lief es 2001 in Kassel: Die ausgesetzten Mehlwürmchen wurden – aus Angst vor unkontrolliert Kreuchendem und Fleuchendem – doch lieber wöchentlich ausgetauscht.

Poetisch die Suggestionen, die Katalysator Walde in seinen Fotos anregt. Seien es die inszenierten Verrücktheiten der bis in die Achtziger zurückreichenden Fotoserien, seien es die beunruhigenden "Enactments". Walde zeichnet Erinnerungen an verstörende oder außergewöhnliche Erlebnisse – beispielsweise an einen U-Bahn-Selbstmörder – auf Wochen später gefertigten "Tatort"-Fotos, eine sensible Vergegenwärtigung, die über eine kühle Dokumentation weit hinausreicht. Dazwischen wabern Wasserprojektionen uninspiriert und nervtötend über einen Irrgarten aus Nylonsegeln.

Geben und Geizen

Prickelnder die Konzepte von zwei interaktiven Arbeiten: Bei der Wiederholung der Aktion "Thin Red Line" (2003) bat eine junge Frau um persönliche Gaben, die sie in ein riesiges Wollknäuel wickelte. Dahinter steht Waldes Wunsch nach einem "kollektiven Fetisch", dessen Erfüllung von der Großzügigkeit der Mitspieler abhängig scheint. Dafür ist mehr notwendig als ein hergeschenktes, ohnehin überflüssiges Streichholzbriefchen. Die Leute geizen mit Gaben und Geschichten. So erklärt sich, dass auch das Walde'sche "Teaset" noch immer eines Austauschs harrt. Der Künstler wollte das verflixte, am Dachboden wiedergefundene Service, an das sich eine gar unschöne – und daher geheim bleibende – Familiengeschichte knüpft, eintauschen. So wäre man geschickt ein ungeliebtes Erinnerungsstück losgeworden. Walde wurde bisher nichts von entsprechendem "unangenehmem" Wert angeboten. Vielleicht bleibt man auf dunklen Familiengeheimnissen lieber selbst sitzen? (DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2006)


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