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Kunstberichte

Blättern mit Marilyn

Akademie am Schillerplatz: Herwig Zens geht und lässt Bücher zurück
Illustration
- Noch knusprig: frische Lithographie von Herwig Zens für E.T.A. Hoffmanns „Haimatochare“.  Foto: Edition Thurnhof

Noch knusprig: frische Lithographie von Herwig Zens für E.T.A. Hoffmanns „Haimatochare“. Foto: Edition Thurnhof

Von Claudia Aigner

Glücklich ist, wer zur Stoßzeit die Poleposition hat. Ich bin vergangenen Freitag leider als Letzte angekommen in der totalen Verstopfung. Und ergatterte den allerletzten Stehplatz. Hinten, links. Da war gerade Rushhour im Lesesaal von der Bibliothek der Akademie am Schillerplatz. Doch hätte hier nicht eigentlich der Herwig Zens seine letzten Worte sprechen sollen, um damit seine Abschiedsausstellung nach 19 Jahren als Professor ("I woa zuaständig für die Ausbildung der zukünftigen BE-Lehrer") zu eröffnen?

Stattdessen fand ein Lesekränzchen von "Brieffreunden" statt. Die hatten die sonderbare Vorliebe, sich gegenseitig wacker Episteln aus Oahu vorzutragen. Als freilich an einer Stelle ein Wurm eine hübsche Agonie hinlegte, war mir klar: Also doch der Zens. Der steht ja aufs Nekrotische. Auf Mumien und auf den "Bánanen", aufs ultimative Knochengerüst.

Der Fluch der Laus

Nicht von ungefähr hieß das Ganze "Die böse Macht der Bücher", hatte doch ein Büchl von E.T.A. Hoffmann anscheinend vom Zens Besitz ergriffen und ihn gezwungen, den fiktiven Briefwechsel zweier Naturforscher zuerst im stillen Kämmerlein zu illustrieren und sich dann öffentlich mit dem Wolfgang Hilger wegen der Hauptdarstellerin, einer Laus aus Oahu namens Haimatochare, zu duellieren, indem sich die beiden bis zum bitteren Schweigen Drohbriefe vorlasen. Als Herr Menzies und Herr Brougthon. Was folgte, war möglicherweise die eigentliche Aufnahmsprüfung für den Ruhestand: Furchtlos wie Howard Carter das Grab des Tutanchamun öffnete der Zens ein Schachterl, das aussah wie der Sarg der besagten Laus. Würde er durch die gemeine Störung der Totenruhe den Fluch der Haimatochare aktivieren? Immerwährenden Juckreiz zum Beispiel? Nein. Eher das synthetisch imitierte Zirpen von balzenden Grillen. Made in Japan. Der Pensions-Initiand hat die Mutprobe bestanden.

Ach ja: Die Marilyn Monroe war auch da und erfüllte dem selbsternannten "Berufs-Chaoten" ohne Gewerbeschein eine perverse Phantasie: Sie nahm ein Buch vom Zens in den Schwitzkasten. Allerdings bloß in einer Radierung vom Meister der saftigen weiblichen Pobacken und abgenagten männlichen Knochen. Vor einem Bücherregal (in dem lauert auch der Kleine Zens-Katechismus "Also sprach Zens") räumt die MM mit dem Vorurteil auf, sie wäre so blond wie ihre Frisur, und outet sich als buchstabentrunkene, quasi stockbelesene Bibliothekarin.

Orgel-Toccata im Kuli

Womit dieser Getreue der Druckerschwärze den Buchmarkt bereichert hat, das liegt noch bis 30. Juni leibhaftig herum: die Schulbuch-Klassiker "BE I" und "BE II" (eine Koproduktion mit Walter Stach), Totentänze, die Briefe seines Spezial-Lieblings Goya, die er herausgegeben hat, Lyrik-Illustrationen. Am besten ist er ja, wenn er so zeichnet, wie ein Arzt Rezepte ausstellt. Und so einer hat bekanntlich nicht Tinte im Kugelschreiber, sondern eine Orgel-Toccata von Bach. Hat der Zens, der selber Zeichenlehrer an einem Gymnasium gewesen ist, noch eine dringende Botschaft an die pädagogische Welt? Ja: "Das schlimmste, was diesem Beruf passieren kann, ist ein erfolgloser Künstler, der knurrend sein Brot verdient als Zeichenlehrer und glaubt: Ja eigentlich wäre ja ich der Michelangelo. Und i muaß mi mit aich Trottln obgebm." Sonst irgendwelche Vorahnungen? Natürlich. "Was ich fürchte ist, dass nach mir a reine Theorie-Tante oder a Onkel herkummt."

Und will er vielleicht endlich sein Gewissen erleichtern und gleich ein volles Geständnis ablegen? Klar: "Ich musste nie von meiner Kunst leben . Daher kann ich tanzende Gerippe radieren, so viel ich will." So, jetzt ist es heraußen.

Die böse Macht der Bücher

Akademie der bildenden Künste, Bibliothekslesesaal

Schillerplatz 3

Bis 30. Juni

Sehr bibliographisch.

Mittwoch, 07. Juni 2006


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