Glücklich ist, wer zur Stoßzeit die Poleposition
hat. Ich bin vergangenen Freitag leider als Letzte angekommen in der
totalen Verstopfung. Und ergatterte den allerletzten Stehplatz. Hinten,
links. Da war gerade Rushhour im Lesesaal von der Bibliothek der Akademie
am Schillerplatz. Doch hätte hier nicht eigentlich der Herwig Zens seine
letzten Worte sprechen sollen, um damit seine Abschiedsausstellung nach 19
Jahren als Professor ("I woa zuaständig für die Ausbildung der zukünftigen
BE-Lehrer") zu eröffnen?
Stattdessen fand ein Lesekränzchen von "Brieffreunden" statt. Die
hatten die sonderbare Vorliebe, sich gegenseitig wacker Episteln aus Oahu
vorzutragen. Als freilich an einer Stelle ein Wurm eine hübsche Agonie
hinlegte, war mir klar: Also doch der Zens. Der steht ja
aufs Nekrotische. Auf Mumien und auf den "Bánanen", aufs ultimative
Knochengerüst.
Der Fluch der Laus
Nicht von ungefähr hieß das Ganze "Die böse Macht der Bücher", hatte
doch ein Büchl von E.T.A. Hoffmann anscheinend vom Zens Besitz ergriffen
und ihn gezwungen, den fiktiven Briefwechsel zweier Naturforscher zuerst
im stillen Kämmerlein zu illustrieren und sich dann öffentlich mit dem
Wolfgang Hilger wegen der Hauptdarstellerin, einer Laus aus Oahu namens
Haimatochare, zu duellieren, indem sich die beiden bis zum bitteren
Schweigen Drohbriefe vorlasen. Als Herr Menzies und Herr Brougthon. Was
folgte, war möglicherweise die eigentliche Aufnahmsprüfung für den
Ruhestand: Furchtlos wie Howard Carter das Grab des Tutanchamun öffnete
der Zens ein Schachterl, das aussah wie der Sarg der besagten Laus. Würde
er durch die gemeine Störung der Totenruhe den Fluch der Haimatochare
aktivieren? Immerwährenden Juckreiz zum Beispiel? Nein. Eher das
synthetisch imitierte Zirpen von balzenden Grillen. Made in Japan. Der
Pensions-Initiand hat die Mutprobe bestanden.
Ach ja: Die Marilyn Monroe war auch da und erfüllte dem selbsternannten
"Berufs-Chaoten" ohne Gewerbeschein eine perverse Phantasie: Sie nahm ein
Buch vom Zens in den Schwitzkasten. Allerdings bloß in einer
Radierung vom Meister der saftigen weiblichen Pobacken und
abgenagten männlichen Knochen. Vor einem Bücherregal (in dem lauert auch
der Kleine Zens-Katechismus "Also sprach Zens") räumt die MM mit dem
Vorurteil auf, sie wäre so blond wie ihre Frisur, und outet sich als
buchstabentrunkene, quasi stockbelesene Bibliothekarin.
Orgel-Toccata im Kuli
Womit dieser Getreue der Druckerschwärze den Buchmarkt bereichert hat,
das liegt noch bis 30. Juni leibhaftig herum: die Schulbuch-Klassiker "BE
I" und "BE II" (eine Koproduktion mit Walter Stach), Totentänze, die
Briefe seines Spezial-Lieblings Goya, die er herausgegeben hat,
Lyrik-Illustrationen. Am besten ist er ja, wenn er so zeichnet, wie ein
Arzt Rezepte ausstellt. Und so einer hat bekanntlich nicht Tinte im
Kugelschreiber, sondern eine Orgel-Toccata von Bach. Hat der Zens, der
selber Zeichenlehrer an einem Gymnasium gewesen ist, noch eine dringende
Botschaft an die pädagogische Welt? Ja: "Das schlimmste, was diesem Beruf
passieren kann, ist ein erfolgloser Künstler, der knurrend sein Brot
verdient als Zeichenlehrer und glaubt: Ja eigentlich wäre ja ich
der Michelangelo. Und i muaß mi mit aich Trottln obgebm." Sonst
irgendwelche Vorahnungen? Natürlich. "Was ich fürchte ist, dass nach mir a
reine Theorie-Tante oder a Onkel herkummt."
Und will er vielleicht endlich sein Gewissen erleichtern und
gleich ein volles Geständnis ablegen? Klar: "Ich musste nie von
meiner Kunst leben . Daher kann ich tanzende Gerippe radieren, so
viel ich will." So, jetzt ist es heraußen.
Die böse Macht der Bücher
Akademie der bildenden Künste, Bibliothekslesesaal
Schillerplatz 3
Bis 30. Juni
Sehr bibliographisch.
Mittwoch, 07. Juni
2006